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"Adipositas ist eine chronisch fortschreitende, multifaktorielle Erkrankung mit erheblichen gesundheitlichen Folgen. Sie erhöht das Risiko für Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfall, Schlafapnoe, Depressionen sowie bestimmte Krebserkrankungen. Gleichzeitig zeigt sich eine ausgeprägte interindividuelle Variabilität: Krankheitsverläufe, Komplikationen und Therapieansprechen unterscheiden sich erheblich, sodass verlässliche individuelle Prognosen bisher nur eingeschränkt möglich sind", sagte Michael Stumvoll, Diabetologe und Sprecher des Center of Metabolism der Universität Leipzig bei einer Pressekonferenz.
Ein zentraler Schlüssel zum Verstehen der Entstehung und der Entwicklung von Adipositas liege in der Entwicklungsgeschichte des Menschen, speziell im Gehirn. Dieses sei nämlich ein, was den Bedarf an Energie betreffe, besonders anspruchsvolles Organ. "Bereits archaische Menschen wie Neandertaler und Denisovaner verfügten über große Gehirne und standen damit vor der Herausforderung, deren Energieversorgung sicherzustellen. Genetische Varianten aus dieser Zeit beeinflussen bis heute Stoffwechsel, Immunsystem und Anpassungsprozesse des Menschen", sagte der Experte. So verbrauche das Gehirn etwa ein Viertel des Grundumsatzes, also des Kalorienbedarfs des menschlichen Körpers im Ruhezustand.
"Das moderne Gehirn (...) steuert die Nahrungsaufnahme über zwei eng miteinander verknüpfte Systeme: ein homöostatisches System (Homöostase: Aufrechterhaltung eines Gleichgewichtszustandes; Anm.) zur Sicherstellung der Energieversorgung sowie ein hedonisches System, das Belohnung und Genuss vermittelt. Letzteres kann dazu führen, dass Nahrung unabhängig vom tatsächlichen Energiebedarf aufgenommen wird. Dieses Zusammenspiel trägt wesentlich zur Entstehung und Aufrechterhaltung von Adipositas bei", merkte Stumvoll an.
Dabei kämen beim Menschen quasi drei verschieden tickende Uhren zusammen: Der enorme Energiebedarf des Gehirns ist entwicklungsgeschichtlich jung. Hingegen sind die Mechanismen, mit denen Energie "in guten Zeiten" als Vorrat für Mangelversorgung in Fettgewebe gespeichert werden können, Hunderte Millionen Jahre alt. Und dies trifft aktuell auf eine Periode möglicher Überversorgung.
Der Experte: "In einer Umwelt mit dauerhaftem Kalorienüberschuss treffen diese ursprünglich sinnvollen Mechanismen auf Bedingungen, für die sie nicht ausgelegt sind." Auf das Gehirn wirkende hormonelle, genetische, verhaltensbezogene und kulturelle Faktoren führten zu einer Gemengelage, welche die bei Adipositas entstehende Fehlregulation des Energiestoffwechsels auslöse.
Der bekannte Body-Mass-Index (BMI) mit Werten von über 30 als Charakteristikum für Adipositas liefere nur ein unzureichendes Bild der Situation von Betroffenen. Stumvoll: "Ein BMI über 30 definiert zwar Adipositas, bildet jedoch weder Körperzusammensetzung noch Fettverteilung ab. Entscheidend für das individuelle Risiko ist aber, ob Fett subkutan (unter der Haut; Anm.), viszeral (im Bauchraum; Anm.) oder in Organen wie der Leber gespeichert wird."
Auch geschlechtsspezifische Unterschiede sind wichtig. Der Wissenschafter: "Männer sind häufiger übergewichtig und lagern Fett eher viszeral ein, was mit einem erhöhten Herz-Kreislauf-Risiko verbunden ist. Frauen entwickeln häufiger schwere Adipositasformen und sind stärker von bestimmten Folgeerkrankungen wie Depression betroffen. Hormonelle Faktoren, Schwangerschaften und die Menopause beeinflussen zusätzlich das individuelle Risiko und erschweren die Prognose."
Ganz klar zeige sich, so der Experte: "Adipositas ist keine einheitliche Erkrankung, sondern ein Spektrum unterschiedlicher biologischer Zustände. (...) Gleichzeitig sind wir von einer echten Präzisionsmedizin in der Stoffwechselmedizin noch ein gutes Stück entfernt. Während in anderen Disziplinen bereits molekular basierte Therapiealgorithmen etabliert sind, lassen sich individuelle Risiken und Therapieansprechen bei Adipositas bisher nur unzureichend vorhersagen."
Wahrscheinlich würden in Zukunft ganze Bündel an Gegenmaßnahmen als Therapieangebote bei Adipositas mit individueller Abstimmung eingesetzt werden. "Dazu zählen Strategien zur gezielten Beeinflussung metabolischer Entzündungsprozesse, der Einsatz ausgewählter Prä- und Probiotika, hormonbasierte Therapien etwa bei Lipodystrophien (Fettverteilungsstörungen; Anm.) sowie differenzierte Ansätze, die geschlechtsspezifische Unterschiede berücksichtigen", sagte Stumvoll. Fazit: "Adipositas muss neu gedacht werden - nicht als rein quantitative Störung, sondern als komplexes Zusammenspiel von Evolution, Gehirn, Stoffwechsel und Umwelt", so der Experte.
ARCHIV - 28.02.2022, Nordrhein-Westfalen, Bad Oeynhausen: Ein Mann steht auf einer Waage. (zu dpa/lsw: «Darmkrebsrisiko erhöht sich mit jedem übergewichtigen Lebensjahr») Foto: Lino Mirgeler/dpa +++ dpa-Bildfunk +++.






