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Für sein Metier, die Soziologie, ging Girtler immer wieder auf die Straße sowie auf Reisen. So kam er per Autostopp bis Istanbul, durchquerte Griechenland zu Fuß und fuhr mit dem Rad bis Paris, über die Pyrenäen oder durch den Prater. Denn man müsse "nicht weiß Gott wohin fahren, um zu forschen", sagte Girtler einmal zur APA. Eine theorielastige und praxisferne "Verandasoziologie" hat er aber immer vehement kritisiert.
Dabei sieht sich der Soziologe "nicht nur als Randkulturen-Forscher". Ihn interessiere die Vielzahl an Kulturen in einer Gesellschaft, man müsse nur das Fremde in der eigenen Kultur suchen. Und da gibt es genug zu entdecken, wie seine Bücher zeigen, etwa das zum 250. Prater-Geburtstag erschienene "Wiener Wurstelprater" mit seiner "bunten Welt der Schausteller und Wirte" oder in seinem Plädoyer für "Eigenwillige Karrieren - Wer seine eigenen Wege geht, kann nicht überholt werden". Publizist Günther Nenning bezeichnete den Feldforscher einst als "Poet", denn seine Themen seien "hochpoetisch".
Obwohl Girtler am 31. Mai 1941 in Wien geboren wurde, liegen seine Wurzeln in Oberösterreich. In Spital am Pyhrn wuchs er als Sohn eines Landarztes und einer Landärztin auf und besuchte das humanistische Gymnasium im Kloster Kremsmünster. Diese Schulzeit dort stand auch im Mittelpunkt seines Buches mit dem Titel "Die alte Klosterschule - Eine Welt der Strenge und der kleinen Rebellen".
Girtler begann auf Wunsch des Vaters ein Jus-Studium, das er aber nach zwei Staatsprüfungen an den Nagel hängte: Nach einem schweren Unfall lernte er im Krankenhaus einen Zuhälter kennen. Von den Gesprächen mit ihm war Girtler derart fasziniert, dass er postwendend die Studienrichtung wechselte, über Völkerkunde und Urgeschichte verschlug es ihn zur Soziologie.
Durch seinen Zimmergenossen im Spital, dem "Herzstich-Ederl", kam er auch erstmals in Kontakt mit der Gaunersprache, dem Rotwelsch, dem Girtler eines seiner populärsten Bücher widmete. Hilfreich für seine Studien waren ihm nicht zuletzt diverse Ferienjobs und Tätigkeiten zum Gelderwerb. So arbeitete er als Bierausführer, Gemüselieferant oder Filmkomparse.
Seine Domäne ist und bleibt die Feldforschung, für die er auch "Zehn Gebote" verfasst hat. Darin plädiert er dafür, Forschung nicht mit missionarischen Absichten und politischer und pädagogischer Intention durchzuführen und "das Feld zu erwandern", denn Feldforscher zu sein, bedeute ein "Wanderforscher" zu sein, daher sei "Feldforschung körperlich anstrengend". "Die Wahrheit liegt im Feld" nannte sich auch eine Festschrift, die anlässlich des 65. Geburtstags des Soziologen, der gerne mit Hut und Rucksack auftritt, herausgegeben wurde. Einblicke in seine Streifzüge gibt er im Internet unter https://www.girtlers-erkundungen.at/ .
Girtler beschäftigte sich wissenschaftlich auch mit Kroatien und gleich nach seiner Promotion im Jahr 1971 mit Stämmen Gujarats in Indien. 1972 wurde er Assistent am Institut für Soziologie der Uni Wien, wo er sich 1979 habilitierte und bis zu seiner Pensionierung 2006 als außerordentlicher Professor tätig war. Er selbst bezeichnete einmal die wissenschaftliche Leitung des - mittlerweile vom Wilderermuseum Molln (OÖ) übernommenen Wilderermuseums in St. Pankraz bei Hinterstoder als das Höchste, was er in seiner Karriere erreicht habe. Dabei hat ihn die Vereinigung österreichischer Kriminalisten 2013 zum "Ehrenkiberer" ernannt, 2002 erhielt er das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse, 2014 den Preis der Stadt Wien für Volksbildung und 2016 das Große Goldene Ehrenzeichen des Landes Oberösterreich.
(SERVICE - Internet: http://www.univprofdrgirtler.at/ )






