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Ob der Reaktorunfall in Tschernobyl ein Einzelfall durch eine Verkettung grober Nachlässigkeit und unglücklicher Zufälle war oder bei moderneren Kernkraftwerken anderer Bauart auch wieder auftreten könnte, "hat mich sehr lange auch persönlich umgetrieben", sagte Karin Hain von der Forschungsgruppe Isotopenphysik der Universität Wien: "Doch mit dem Unfall in Fukushima hat uns die Geschichte leider mittlerweile gelehrt, dass so etwas auch wiederholt auftreten kann." Dort wäre es eine "andere Verkettung von Szenarien und Abläufen gewesen, was für die betroffenen Personen aber freilich irrelevant war".
"Wir können nicht sicher sagen, dass derartige Ereignisse mit katastrophalen Konsequenzen in Zukunft nicht mehr auftreten können", erklärte Nikolaus Müllner vom Institut für Sicherheits- und Risikowissenschaften der Universität für Bodenkultur (BOKU) Wien. "Kernkraftwerke sind äußerst komplexe Maschinen." Bei ihnen treten so viele komplizierte Wechselwirkungen auf, wie man es sonst nur in der Raumfahrt kenne. "Es ist daher wirklich sehr schwierig, dies technisch zu beherrschen", so der Experte. Die Methoden würden zwar immer besser, aber man könne sich nie sicher sein, dass man sich in Hinkunft nicht wieder irgendwo verrechnet. Deswegen würde der Betrieb von Kernkraftwerken stets mit gewissen Unsicherheiten behaftet bleiben. Bei Sicherheitsbewertung wären mögliche Unfälle und ihr Ausmaß immer nur mit Wahrscheinlichkeitsszenarien abschätzbar, so Hain: "Man kann die Risiken minimieren, aber nie hundertprozentige Garantien geben."
"Die Gefahren, die heutzutage von Atomkraftwerken ausgehen, sind im Prinzip eigentlich gleichgeblieben", erklärte Müllner: "Durch die Kernspaltung, die sozusagen die Quelle der Energie ist, sammelt man hohe Konzentrationen von radioaktiven Spaltprodukten im Reaktorkern an, die dort eingeschlossen bleiben müssen." Werden sie durch einen Unfall freigesetzt, hat es katastrophale Folgen, so wie bei den Super-GAUs in Tschernobyl und Fukushima.
Diese Spaltprodukte sammeln sich auch als radioaktive Abfälle an, die man nicht einfach entsorgen kann. "Sie werden in wenigen Jahren produziert, es ist aber schwer sicherzustellen, dass sie nicht die Gesundheit von mehreren zukünftigen Generationen gefährden", so Müllner: "Dafür gibt es noch keine befriedigenden Lösungen."
"In Schweden wollte man zum Beispiel den gesamten radioaktiven Abfall in Kupfer einschließen", berichtete Wolfgang Kromp, Materialwissenschaftler und Physiker, ehemaliger Leiter des Instituts für Sicherheits- und Risikowissenschaften der BOKU Wien. "Davon gibt es aber nicht allzu viel auf der Welt." Außerdem sei die Langlebigkeit des Kupfereinschlusses nicht garantiert. "In Amerika hat man wiederum geglaubt, den Großteil des radioaktiven Abfalls in einem Berg namens Yucca Mountain unterbringen zu können", erklärte er: "Das Projekt war umstritten und musste unter anderem aus Sicherheitsgründen aufgegeben werden."
"Kernspaltung ist außerdem nicht nur eine zivile Technologie", sagte Müllner. "Man kann sie auch kriegerisch nutzen." Angereichertes Uran wäre nicht nur für Brennstäbe für Kraftwerke verwendbar, sondern auch für nukleare Waffen, wenn man die für beides nötigen Zentrifugen ein wenig anders nutzt.
Kernkraftwerke sind auch (illegitime) militärische Ziele in Konflikten geworden, erklärte Wolfgang Kromp: "Laut einer Vorschrift der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA) wären die Länder dazu verpflichtet, rund um ein Kernkraftwerk keinen Krieg zu führen." Früher habe man sich in der Regel daran gehalten. "Während des Kalten Krieges hat es zwar überall Konflikte gegeben, aber sie fanden praktisch nicht in Ländern statt, die Kernkraftwerke betrieben haben", berichtete er.
Dies ist in den aktuellen Konflikten anders, sagte Kromp. So soll etwa die neue Schutzhülle um den zerstörten Reaktor in Tschernobyl von einer Drohne zerstört worden sein. Beim Kernkraftwerk Saporischschja im Südosten der Ukraine gab es Einschläge und Explosionen in unmittelbarer Nähe, militärische Kampfhandlungen am Anlagegelände nahe von zwei Reaktorblöcken, und die externe Stromversorgung für die Kühlung ist seit Kriegsbeginn schon mehrfach ausgefallen. "Das Kernkraftwerk von Saporischschja wurde sogar von russischen Truppen eingenommen, obwohl dies eigentlich laut der Genfer Konvention gar nicht hätte passieren dürfen", erklärte Müllner: "Russland hat auch einen Versuch gemacht, das Kernkraftwerk Südukraine einzunehmen." Demnach sind Atomkraftwerke mittlerweile militärisch umkämpfte Objekte, anstatt Tabuzonen. Auch im Iran wurde das Atomkraftwerk Buschehr wiederholt angegriffen und viermal schlugen dabei Projektile in oder nahe der Anlage ein.
"Eine Nuklearanlage und ihre Umgebung sollten niemals angegriffen werden", erklärte IAEA-Chef Rafael Grossi daraufhin. Dies könnte "einen schweren radiologischen Unfall mit schädlichen Folgen für Mensch und Umwelt" verursachen.
Es ist aber nicht nur gefährlich, wenn ein Kernkraftwerk direkt getroffen wird, sondern auch, wenn die Infrastruktur ringsum durch Kampfhandlungen zerstört ist. Ein Atomreaktor muss wegen der sogenannten Nachzerfallswärme nämlich selbst nach einer Abschaltung noch jahrelang gekühlt werden, so Kromp. Durch den Zerfall der Radionuklide entstehen große Mengen an Strahlung und Wärme. Ohne externe Kühlung werden die Temperaturen so hoch, dass große Mengen radioaktiver Stoffe freigesetzt werden können, die sich je nach Wetterlage ausbreiten und Boden sowie Menschen verstrahlen, erklärte er.
Aktuell wird in Europa ein Ausbau der Kernenergie als Mittel gegen die Klima- und Energiekrise angedacht. Das würde nicht funktionieren, erklärte Helga Kromp-Kolb vom Zentrum für Globalen Wandel und Nachhaltigkeit der BOKU Wien: "Der Bau eines Atomkraftwerks frisst sehr viel Energie und ist sehr treibhausgasintensiv." Das könne nur über viele Betriebsjahre hinweg eingespielt werden. "Beim Bau von Kernkraftwerken in rascher Folge wird daher ein hohes Energiedefizit aufgebaut", sagte sie: "Angesichts der manchmal nur kurzen Lebensdauer von Kernkraftwerken kann es passieren, dass ein Kernkraftwerk in seiner Lebenszeit weniger Energie produziert, als man gebraucht hat, um es zu bauen."
Die CO2-Bilanz eines Kernkraftwerks wäre zwar besser als bei Wärmekraftwerken, die mit Kohle, Öl oder Gas betrieben werden, aber schlechter als bei erneuerbaren Energiequellen wie Sonnen- und Windenergie, so Kromp-Kolb. Der Ausbau der "Erneuerbaren" gehe außerdem viel schneller vonstatten als der von Kernkraftwerken. Von der Planung bis zum Betrieb eines Reaktors vergehen mindestens zehn bis fünfzehn Jahre. "Das heißt, die Kernenergie ist nicht nur gefährlicher und teurer, sie käme dafür auch einfach viel zu spät, denn in 15 bis 25 Jahren müssen wir die Treibhausgasemissionen auf Netto-Null reduziert haben", erklärte die Expertin.
ARCHIV - 11.12.2019, Niedersachsen, Gorleben: Ein Warnhinweis "Radioaktiv" hängt am Eingang vom Transportbehälterlager im atomaren Zwischenlager in Gorleben. In wenigen Tagen ist die Nutzung der Kernkraft in Deutschland Geschichte. Damit enden aber nicht die vielfältigen Probleme, die jahrzehntelange Kernspaltung mit sich brachten. (zu dpa: "Strahlender Müll für 30 000 Generationen - Deutschlands Atomerbe") Foto: Sina Schuldt/dpa +++ dpa-Bildfunk +++.






