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Wenige Minuten zuvor hatte Pathirana freilich erklärt: "Wir sehen uns nicht so sehr als Kunstfestival denn als offenes Stadtlabor." Die Klima Biennale noch zugänglicher zu machen, sei "ein Learning aus der ersten Ausgabe". Deswegen habe man auch auf ein Festival-Areal wie das Nordwestbahnhof-Gelände verzichtet und setze ganz auf Zusammenarbeit mit Partner-Institutionen und die Bespielung des Stadtraumes. "Wir müssen mehr raus!", forderte Umweltstadtrat Jürgen Czernohorszky (SPÖ), der betonte, dass die Stadt Wien den klimapolitischen Kurs nicht geändert habe. "Auch dafür steht die Klimabiennale. Die Klimakrise geht nicht weg, wenn wir wegschauen. Wir schauen hin!"
Dass der Gegenwind jedoch deutlich zugenommen habe, stellte auch Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ) nicht in Abrede. Das weltweit spürbare Zurückrudern in der Klimapolitik sei "abartig": "Ist das alles jetzt obsolet geworden? Scheinbar. Aber wir wissen es besser." Kunst und Kultur "findet andere Zugänge und ermöglicht andere Erfahrungen. Die Sinnlichkeit, mit der wir Wissen erwerben, ist ganz entscheidend", hob sie die Bedeutung des Festivals hervor, das nicht nur Warnungen aussprechen, sondern auch Hoffnung verbreiten wolle: "Täglich können wir uns entscheiden: Sind wir Teil des Problems oder der Lösung?" Als erfahrene Festivalmacherin habe sie jedoch bei der Evaluierung des "sehr interessanten Aufschlags" von 2024, bei dem angeblich 225.000 Besucherinnen und Besucher begrüßt wurden, auf eine Fokussierung gedrängt: "Wenn das Festival sich zu lange zieht, geht etwas verloren."
Kaup-Hasler, die sich auch bei Finanzstadträtin Barbara Novak (SPÖ) bedankte, räumte ein, dass auch Fair Pay ein Thema bei der Reduzierung der Festivallänge gewesen sei. Bei den 1,5 Mio. Euro, die die Stadtregierung für die Realisierung der ersten Festivalausgabe zur Verfügung gestellt hatte, dürften diesmal zehn Prozent eingespart worden sein. 150.000 Euro habe man an Drittmitteln eingeworben (wieder ist die Bank Austria Hauptsponsor), die KunstHaus-Ausstellungen würden vom laufenden, allerdings auch kleiner gewordenen Haus-Budget bestritten, sagte KunstHausWien-Chefin Gerlinde Riedl. Sie sagte, das Thema habe "nicht an Dringlichkeit verloren", doch die Biennale schärfe "das Bewusstsein für die Klimaproblematik und ihre sozialen Zusammenhänge". Der Klimasprecher der NEOS Wien, Stefan Gara, betonte die Bildungsaufgabe des Festivals und rannte damit bei Pathirana offene Türen ein: "Bildung steht bei uns ganz weit oben, denn es gibt nur eines, das teurer ist als Bildung: keine Bildung!"
Im KunstHausWien wird sich die vom Szenographie-Duo Jascha&Franz gemeinsam mit der Autorin und Biologin Andrea Grill gestaltete Festivalzentrale befinden ("Sie übersetzen das Leitthema 'Unspeakable Worlds' in eine poetische Raum- und Textsprache", kündigt der Pressetext an.) Hier soll die Gruppenausstellung "Seeds. Reclaiming Roots, Sowing Futures" laut Kuratorium Sophie Haslinger "die Verflechtungen der Klimakrise sichtbar machen" und "I Wish We Had More Time", die erste Ausstellung des Institute of Queer Ecology in Österreich, "eine queere Kosmologie des Verlusts" (Co-Kurator Stephan Kuss) ausbreiten.
Zur Gänze im öffentlichen Raum findet die große Ausstellung "(No) Funny Games oder Wie wir lernten, fürsorglich zu sein und die Dystopie zu lieben" statt, für die sich die Kuratoren Dorothea Trappel und Hektor Peljak von Michael Haneke und Stanley Kubrick inspirieren ließen. Es gehe um trügerische Idylle und kritische Reflexion über den Zustand unserer Welt, hieß es. Am Karlsplatz unternimmt die Künstlerin Margot Pilz dafür eine Neuinterpretation ihrer legendären Installation "Kaorle am Karlsplatz", bei der sie für die Wiener Festwochen 1982 den Platz in einen Stadtstrand mit Sand und Palmen verwandelt hatte.
Viele "Partners in Climate", von der Biofabrique Vienna der Wirtschaftsagentur Wien über das Foto Arsenal Wien bis zu WUK Performing Arts, sollen dem gemeinsamen Anliegen Aufmerksamkeit verschaffen. Die von Anne Faucheret koordinierte Reihe "Immediate Matters" bindet zehn ausgewählte unabhängige Kunsträume ein, die Universität für angewandte Kunst Wien und die Akademie der bildenden Künste Wien laden auf dem Badeschiff am Donaukanal zu einer Fokuswoche, bei der 80 Studierende Performances, Installationen und diskursive Formate präsentieren, die für die Klima Biennale entstanden sind. Zu einem zweitägigen Event am 13. und 14. April im Funkhaus Wien wird der "Klimagipfel" ausgebaut. "Die hochkarätigen Speaker:innen sind toll!", schwärmte Festivalleiterin Sithara Pathirana, der erstmals auch ein Advisory Board unter Vorsitz von Klima Biennale-Vordenker Christoph Thun-Hohenstein zur Seite steht. Mit Biodiversitätsforscher Franz Essl und Klimaökonomin Sigrid Stagl sind gleich zwei ehemalige "Wissenschafter des Jahres" darunter.
(S E R V I C E - 2. Klima Biennale Wien, 9. April bis 10. Mai www.biennale.wien )
WIEN - ÖSTERREICH: FOTO: APA/APA/Huber-Lang/Wolfgang Huber-Lang
