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Markus Schleinzer: "Meine Filme haben Respekt"

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Markus Schleinzer hat eine Aversion gegen Manipulation
©Afp, APA, JOHN MACDOUGALL
Markus Schleinzer legt mit "Rose" sein neuestes Werk vor, das im Wettbewerb der Berlinale beeindruckte und Hauptdarstellerin Sandra Hüller den Silbernen Bären als beste Darstellerin einbrachte. Der 54-jährige Wiener Filmemacher erzählt in "Rose" von einer Frau, die sich in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges als Mann ausgibt, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

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Aus Anlass der Weltpremiere in Berlin sprach Schleinzer mit der APA über die Manipulation durch Bilder, seine Entscheidung gegen einen Nischenfilm und seine Aversion gegen Geschenkpapier.

APA: Sie verwenden für "Rose" Schwarz-Weiß und eine Sprache, die ein wenig an Andreas Gryphius denken lässt - beides Elemente, die für ein heutiges Publikum eine gewisse Distanz schaffen. Was war hierfür Ihre Motivation?

Markus Schleinzer: Achtung und Respekt vor den Figuren, wie auch vor dem Publikum. Ich bin kein großer Freund von Manipulation, und wir haben jetzt ein paar Jahrzehnte in der Filmgeschichte zurückgelegt, in denen man das Publikum sehr stark an der Hand genommen und gesagt hat: "Das musst du jetzt fühlen, das musst du jetzt sehen. Achtung, jetzt wird es traurig, deswegen setzt gleich die Geige ein." Wir kommen aus einer extrem propagandistischen Erzählphase etwa mit Filmen aus dem Marvel-Universum, in denen ausschließlich amerikanische Superhelden die Welt retten - was mit der aktuellen Politik ziemlich ad absurdum geführt wird. Zukünftige Filme, die jetzt aus Amerika kommen und mir erzählen, die Welt wird durch einen amerikanischen Superhero gerettet, sind für mich persönlich eher unglaubwürdig geworden. Eigentlich ist ganz gut, dass hier die Blase geplatzt ist und wir uns mal überlegen, unsere eigenen Welten auch wieder mal selber zu retten. Oder auch diesen Heldenwunsch aufzugeben und lieber zu versuchen, dass wir alle Helden sind.

APA: Sie schauen Marvel-Filme?

Schleinzer: Ja, natürlich, aber das hat immer einen Grund. Man muss auch verstehen, dass die Welt nicht so ist und was die Absicht ist hinter dem Bild. Bilder haben eine Verantwortung, denn sie erzeugen wieder Welten, in denen wir dann leben müssen oder wollen. Das Publikum hat mittlerweile das Recht verloren, so naive Filme schauen zu können, wie das vielleicht vor 110 Jahren der Fall war, als der Zug der Brüder Lumière eingefahren ist und die Leute gedacht haben, er fährt ins Zelt.

APA: Sie setzen diese Elemente der Selbstverantwortung deshalb gezielt für das Publikum? Oder stellen Sie sich als Filmemacher auch selbst gewisse Hürden, die es erschweren, mit manipulativen Methoden zu arbeiten?

Schleinzer: Ich glaube, ich kann das gar nicht anders. Mein Gehirn arbeitet leider nicht so. Ich habe eine Aversion gegen Geschenkpapier. Schon als Kind war mir das Liebste, wenn die Geschenke nicht verpackt waren. Denn manchmal ist das Geschenkpapier schöner als der Inhalt. Und so geht es mir auch mit dem Zugang zu vielen Dingen, bei denen ich das Gefühl habe: Das ist jetzt nur Geschenkpapier, das Wesentliche ist es nicht.

APA: Das Fortlassen des Tands dient also ausschließlich dem Zweck, auf den Kern der Sache zu fokussieren?

Schleinzer: Es wird so oft gesagt, meine Filme seien kalt. Ich finde nicht, meine Filme haben Respekt, und ich versuche die Welt zu zeigen und sie zu erzählen, wie sie ist. Es kam mir schon als Kind komisch vor, dass die Kinder in den ganzen Serien damals nie Lulu machten. Ich habe mich da betrogen gefühlt. Also vielleicht habe ich einen Vogel oder ein Trauma. Aber es ist mir wichtig, hinter die Dinge zu schauen. Ist es nicht interessanter, dass ein Film damit beginnt, dass Leute sich in die Arme fallen und sich küssen, und dann sieht man die Beziehungsarbeit, als dass ein Film damit endet? Haben wir nicht genug Filme gesehen, in denen sich die Leute kriegen, und dann ist es aus?

APA: "Rose" wirkt nicht wie ein einzelner, historischer Fall, sondern wie ein Kondensat mehrerer Fälle. Wie sah Ihre Recherche für den Film aus?

Schleinzer: Ich habe sehr viele Frauen recherchiert, die aus unterschiedlichen Gründen für längere oder kürzere Zeit vorgegeben haben, als Mann zu existieren. Sei es, um Zwangsverehelichung zu entgehen, sei es, um eine Familie zu ernähren und an einen Job zu kommen, sei es, um irgendwelchen Männern in den Krieg zu folgen. Es gab sicher auch lesbisch Begehrende oder Transpersonen, die aber in der damaligen Zeit gar kein Bewusstsein oder keine Sprache dafür hatten. Was all diese Personen verbindet, war, dass sie in dem Moment, als sie die Hose angezogen haben, mehr Freiheit hatten als davor. Das fand ich interessant: Man bemächtigt sich eines Symbols und geht in den Betrug und kann dadurch mehr Freiheit leben.

APA: Die von Ihnen angesprochene Frage des lesbischen Begehrens spielt in "Rose" keine Rolle ...

Schleinzer: Das soll nicht despektierlich klingen, aber es hat mich von Anfang an nicht interessiert, ob es sich um eine lesbische Beziehung handelt. Ich wollte keinen Nischenfilm machen und den Menschen die Möglichkeit bieten, sich rauszuziehen und zu sagen: "Ah, das ist ja für die, da weiß ich schon." Ich wollte es nicht zu individuell gestalten, weil ich möchte, dass die Leute sich den Film anschauen und sich jeder darin finden kann. Deswegen ist diese Geschichte vollkommen entkernt von der Motivation. Was es bedeutet, von der Gesellschaft in den Status einer Lügnerin getrieben zu werden, hat mich mehr interessiert als die Frage, warum. Das Warum ist ein Punkt. Das kann man in einer Sekunde erklären. Aber die Gesellschaft muss ja damit umgehen und damit leben - das ist die größere Arbeit. Auch hier wieder: Nicht beim Kuss enden, sondern die Zeit danach zeigen.

(Das Gespräch führte Martin Fichter-Wöß/APA)

(S E R V I C E - www.filmladen.at/film/rose/ )

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