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Im Zentrum steht das Kreativpaar Lucy und Philip (Laurence Rupp), das sich wegen psychischer Probleme auf seiner Seite entschlossen hat, ein Haus am Land zu kaufen. Sie verfolgt dabei weiterhin ihre Karriere als Avantgardemusikerin, die Neuinterpretationen von Popklassikern als Solistin interpretiert. Als Pianistin drückt sie ihre Gefühle über ihre Kunst aus, spielt ausschließlich von Männern komponierte Musik. Er hingegen ist Filmemacher, der an seinem neuesten Projekt arbeitet.
Das Ganze erscheint oberflächlich wie ein unglamouröses Aussteigerlandleben gemeinsam mit Sohnemann (Malo Blanchet). Und doch lastet von Beginn weg etwas Dunkles über der Familie, das nicht greifbar scheint. Bis die Polizei anrückt und Philips Festplatten beschlagnahmt. Aus dem Mund von Sonderermittlerin Elsa (Jella Haase) muss Lucy erfahren, dass Philip der Besitz von Videomaterial mit Kindesmissbrauch vorgeworfen wird.
Für die junge Mutter kollabiert ihre Welt. Kreutzer bleibt bei Lucy, den Unsicherheiten, der Hoffnung, dem Klammern an eine harmlose Erklärung für das Unfassbare. Kann sie Philip und seinen Begründungen doch vertrauen?
In teils quälenden Szenen, bisweilen mit Catherine Deneuve als wenig einfühlsame Oma Eryn, entfaltet sich dieser Absturz, wobei Kreutzer in der schwierigen Gemengelage nie Grenzen überschreitet. Die Regisseurin und Drehbuchautorin lässt Leerstellen in der Geschichtenentwicklung, fokussiert nicht auf das Naheliegende, sondern den Moment danach.
Das Publikum weiß nie mehr als Lucy. Vielleicht ahnt man mehr. Und so gelingt "Gentle Monster" ein ungewohnt differenzierter Blick auf die Situation von Angehörigen. Der mutmaßliche Täter und dessen Gefühlswelt spielt keine Rolle, ohne dass Kreutzer ihn diabolisieren würde. Es ist eine langsame Sturzfahrt in die Graustufen der Emotionen. Erst am Ende verlässt die Filmemacherin gänzlich den Pfad der Ambivalenz - folgerichtig, wenn auch für den Film etwas bedauerlich.
Vor allem aber konterkariert Kreutzer letztlich sich selbst respektive ihre Erzählung dadurch, dass sie die Polizistin Elsa als Nebenfigur ausbaut. Diese muss neben ihrem Beruf die Pflege des dementen Vaters organisieren, während ihr Bruder sich hier eher aus der Affäre zieht. Allerdings lässt die Narration dieser Nebengeschichte zu wenig Raum, um Relevanz zu entfalten.
Zugleich macht Kreutzer als Drehbuchautorin hier mit der Frage der höheren Belastung von Frauen mit Care-Arbeit ein weiteres thematisches Feld auf, das notgedrungen gegenüber dem Albtraum Kindesmissbrauch verlieren muss und dadurch in der Belanglosigkeit versandet, nicht ohne den Hauptstrang zu beschädigen. So bleibt "Gentle Monster" am Ende ein Werk, das viele starke Sequenzen besitzt, auf ein überwiegend starkes Ensemble verweisen kann und sich an ein Thema wagt, das auch im Film oftmals ausgeklammert wird. Aber auch ein Film, der sich selbst an manchen Stellen immer wieder unterläuft.
(Von Martin Fichter-Wöß/APA)
(S E R V I C E - www.polyfilm.at/film/gentle-monster/ ; https://www.festival-cannes.com/en/f/gentle-monster/
WIEN - ÖSTERREICH: FOTO: APA/APA/Polyfilm/Frédéric Batier






