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APA: Um im ESC-Kontext zu bleiben: Wie viele Punkte würden Sie Wien als Ausrichterstadt geben?
Martin Green: 13, 14, unendlich! (lacht) Es ist Weltklasse, wie die Stadt, die Tourismusverantwortlichen, die Hotels, Geschäfte, Museen und weiteren Institutionen sowie natürlich die Menschen für dieses Event zusammengefunden haben. Darauf könnt ihr stolz sein!
APA: Eine solche Veranstaltung erfordert monatelange Vorbereitungen. Was waren aus Ihrer Sicht aber in den vergangenen zwei Wochen die größten Herausforderungen?
Green: Der Regen. (lacht) Es ist ein Zeichen der großartigen Vorbereitungen und Organisationsfähigkeit der Österreicher, dass es diese eigentlich nicht gab. Man hat nur ein Jahr Zeit, um das hier auf die Beine zu stellen. Aber es ist eine der reibungslosesten Ausgaben, die ich bisher erlebt habe.
APA: Was unterscheidet den Wiener Song Contest von den vergangenen Jahren?
Green: Österreich. Dadurch, dass wir jedes Jahr in einem anderen Land sind, kommen eine lokale Note, Kultur und Musik hinein. Das spiegelt sich in allen Facetten wider. Etwa, dass der Green Room heuer ein Wiener Kaffeehaus ist. Also ist es letztlich dieser Ort, der diesen ESC anders macht.
APA: Es gab und gibt Kritik an Israels Teilnahme am Songcontest vor dem Hintergrund des Gazakriegs. Fünf Länder - Spanien, Island, Irland, Slowenien und die Niederlande - haben sich vom Bewerb zurückgezogen. Für heute und morgen sind in Wien außerdem mehrere Demonstrationen geplant. Wie beurteilen Sie aktuell die Situation?
Green: Ich denke, beide Seiten des Arguments wurden gehört. Das ist in einer Demokratie ganz wichtig. Es gibt einfach unterschiedliche Meinungen. Es ist ganz zentral, in einer schwierigen Welt zusammenzukommen und das Gemeinsame zu betonen, um zu zeigen, wie die Welt auch sein könnte. Diese Räume müssen beschützt werden. Eurovision war immer so ein Raum: Wir haben den Stimmlosen eine Stimme gegeben, waren Unterschlupf für die Entrechteten. Das sind die Werte, die wir hochhalten. Wir respektieren diese andere Sicht, aber wir sind anderer Meinung.
APA: Wie kann sich die EBU auf solche Dinge vorbereiten?
Green: Wir sind eine demokratische Mitgliederorganisation. Unser tägliches Geschäft ist es, öffentlich-rechtliche Rundfunkveranstalter in Europa und der Welt zu unterstützen. Es gibt immer schwierige Zeiten. Man bereitet sich vor, man lernt und hört zu. Aber bei großen Entscheidungen kommen eben unsere Mitglieder ins Spiel. Ich bin sehr stolz darauf, dass wir demokratisch agieren.
APA: Wie bringen Sie in dieser Frage alle Seiten wieder zusammen?
Green: Ich hoffe durch Gespräche und Respekt. Sie sind immer noch Mitglieder der EBU-Familie. Ich und die ganze Organisation werden unser Möglichstes tun, um sie zu überzeugen, zurückzukommen.
APA: Eine andere Diskussion betrifft die Votingmechanismen. Auch hier gab es immer wieder Kritik, warum die EBU nicht alle Daten zum Abstimmungsverhalten veröffentlicht. Bleibt es bei diesem Vorgehen?
Green: Erstens haben wir eines der größten und anspruchsvollsten Votingsysteme der Welt. Es ist fair und genau, davon sind wir absolut überzeugt. Natürlich wird es in schwierigen Zeiten einem prüfenden Blick unterzogen, das ist auch in Ordnung. Was das Thema der Transparenz betrifft: Ironischerweise ist genau ein Teil des Sicherheitssystems, dass wir nicht alle Daten veröffentlichen. Diese Granularität könnte in falsche Hände fallen. Das klingt vielleicht eigenartig, aber lassen Sie es mich anders formulieren: Wenn wir könnten, denken Sie nicht, dass wir es machen würden? Das würde die Diskussion beenden. Aber leider ist es eben Teil des Systems.
APA: Ungeachtet dieser Thematiken, erfreut sich der ESC ungebrochener Beliebtheit. Im Herbst findet sogar erstmals ein Ableger in Asien statt. Wie erklären Sie sich diese Popularität?
Green: Dafür gibt es viele Gründe. Hier wird Musik und Kunst gefeiert. Menschen von überall auf der Welt kommen dafür zusammen, was einmal mehr beweist, dass wir mehr gemein haben, als oft geglaubt wird. Der Song Contest ist ein Spektakel, er macht Spaß, er ist Freude und Emotion. Er ist sehr anders - nicht zuletzt, weil es jedes Jahr neue Songs gibt. Die heurige Ausgabe würde ich etwa als sehr retro beschreiben. Also egal, wen Sie fragen, bekommen Sie eine andere Antwort. Letztlich ist es wie ein Licht im Dunkeln.
APA: Morgen Nacht werden wir wissen, wohin die Reise als nächstes geht. Was nehmen Sie aber heute schon mit für die kommende Ausgabe?
Green: Ich habe viel gelernt, was gute Organisation betrifft. Ich habe gelernt, wie fantastisch diese Stadt ist. Und ich habe gelernt, wie resilient Eurovision ist. Wenn die Welt um uns herum schwierig ist, dürfen wir nicht so naiv sein zu glauben, es würde uns nicht betreffen. Aber diese wunderbare Sache ist sehr widerstandsfähig. Und das nehmen wir mit - nicht nur in die nächste Ausgabe, sondern in die nächsten 70 Jahre.
(Das Gespräch führte Christoph Griessner/APA)
(S E R V I C E - www.eurovision.com )






