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Edgar Honetschläger: Interview mit dem künstlerischen Multitalent

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8 min
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©Violetta Wakolbinger

Der gebürtige Linzer Edgar Honetschläger schuf unzählige Kunstwerke. Mit ungewöhnlichen Performances und Interventionen rüttelt er immer wieder am Bewusstsein seiner Umwelt. Grund genug, nachzufragen.

Edgar, du kannst auf eine unfassbar große und vielschichtige Œuvre zurückblicken. Wie hat das alles begonnen?
EDGAR HONETSCHLÄGER: Zurück blicke ich selten, lieber schaue ich nach vorn, denn was ich in der Vergangenheit gemacht habe, interessiert mich kaum. Begonnen hat es mit unstillbarer Neugier auf die Welt. Sie ist so groß, so bunt, so schön – wie soll man sich da an einen Ort binden? Meine Mutter wollte Kosmopolitin sein; das ließ ihre Epoche nicht zu, und so hat sie es auf mich übertragen. Ich habe ihr den Gefallen gern getan. Künstler wollte ich eigentlich immer werden, weil ich als Kind viele kannte, weil ich zum Teil in einem Kino aufwuchs – in Linz. Mir gefiel und gefällt, dass man Dinge ganz anders sehen, fühlen und denken kann.

Linz, New York, Tokio – „culture clash“ pur also. Wie hat das dein Leben als Künstler beeinflusst?
Da fehlen São Paulo, Brasília, Buenos Aires, Los Angeles, San Francisco, Rom, Palermo, Neapel und viele mehr. Und immer noch schnüffle ich herum wie ein kleiner Fuchs. Ich habe all diese Orte nicht besucht, sondern dort gelebt. Man braucht lange, um in eine andere Kultur wirklich einzutauchen. Überall gibt es wunderbare Menschen, bezaubernde Natur, Kuriositäten – überall gibt es etwas zu lernen und zu spüren. All das wirkt in meiner Arbeit. Mir ist der schönste Beruf der Welt zugefallen. Künstler sein ist nicht einfach, aber wenn man aufs Materielle keinen großen Wert legt, fallen einem die immateriellen Dinge zu: Freundschaft, Liebe, unglaubliche Möglichkeiten, Chancen, die den meisten verwehrt bleiben. Das ist nicht jedem gegeben. Man muss das auch wollen. Angst ist kein guter Motor; Vertrauen ist die Währung. All das drückt sich in meiner Arbeit aus. Ich will Versöhnliches schaffen, niemandem die Welt erklären, sondern ein Partner bei der Versuchung sein – etwas, das einen öffnet, die Angst nimmt, rätselhaft bleibt; denn wenn man meint, alles zu verstehen, kann man nichts Neues mehr entdecken, oder?

Heutzutage bist du ein „arrivierter“ Künstler. Das war nicht immer so, und das Geld für dein erstes Flugticket nach Japan hast du dir von einem Freund ausborgen müssen. Was hat dir zum Durchbruch verholfen und welchen Stellenwert besitzt Geld heute für dich?
Arriviert? Was heißt das schon – es bleibt ein Ringen. Aber was gibt es Schöneres, als für das, was man tut, zu brennen, von Leidenschaft erfüllt zu sein, von unstillbarer Neugier? Geld interessiert mich nur als Mittel, um Dinge zu realisieren, die letztendlich anderen dienen sollen – Dinge, die sie anregen, sie aus ihrer Bubble locken, ihnen im besten Fall die Welt erweitern und sie für Momente glücklich machen. Klar muss ich von etwas leben, und der sogenannte Kunstmarkt ist schwieriger denn je. Als Künstler hat man nie wirkliche Sicherheit; das muss man aushalten. Außerdem sind wir in einer völlig neuen Zeit gelandet – neue Generationen, technische Entwicklungen, vieles hat sich verschoben. 2013 habe ich einen Film über meine 102‑jährige Nachbarin herausgebracht, genannt „OMSCHI“, die ich zwanzig Jahre lang begleitet habe. Sie sagte immer: „Das Schönste ist das Alter, endlich ist man frei!“ Sie blieb immer offen für alles Junge und Neue. Bei ihr habe ich einiges gelernt. Lustig war sie auch immer – sie erfreute sich ihres Lebens. Ohne Humor geht gar nichts.

Du lebst in der Toskana und in Wien. Gibt’s da noch einen Bezug zu Linz?
Ich lebe im Latium nördlich von Rom, am Meer, auf dem Land, nahe einer mittelalterlichen Stadt. Dort zog ich hin, nachdem ich Tokio wegen Fukushima verlassen hatte – nach dreizehn Jahren wechselte ich von der 39‑Millionen‑Metropole auf einen italienischen Hügel, umgeben von wildem Land, mit Blick aufs Meer. Wien brauche ich aber auch; dort habe ich Wohnung, Atelier und enge Freunde. Linz habe ich vor Langem verlassen, kenne kaum noch Menschen dort. Aber es ist schön, dort wieder einmal etwas zu machen – an einem meiner Orte. In Tarquinia ist es die wilde Natur, die meine Seele braucht: Ruhe, Bauern, viele Tiere. Von dort aus habe ich 2018 meine NPO „gobugsgo.org“ gegründet. Ich bin Bauer geworden – das ist ein noch viel härterer Job als Künstler. Aus der Beschäftigung mit und an der Natur heraus wurde ich Umweltaktivist innerhalb meiner künstlerischen Praxis – jemand, der sich sorgt und etwas tut, ohne andere zu bevormunden, zum Nutzen aller Menschen. Die Welt ist so traurig, es passieren die schlimmsten Dinge. Darum braucht es Utopien mehr denn je: Hoffnung. Lachen. Morgen.

Was werden deine nächsten Projekte sein? Gibt es ein noch „unerfülltes“ Herzensprojekt?
Es gibt so viele Projekte. Wenn ich in meinem nächsten Leben wieder Künstler werden sollte, dann bin ich ausgebucht. Aber vielleicht werde ich Kardinal. Oder eine Heuschrecke – das wäre mir eigentlich am liebsten, weil die so weit hüpfen können! Oder Fruchtfliege, wie die fliegen können! Es ist Zeit genug; ich tu so dahin, und alles wird irgendwann fertig. Im Moment arbeite ich an zwei Büchern, an einem Spielfilm, an einer Ausstellung – und ich habe ja auch meine Landwirtschaft in Tarquinia. „Piano, piano“, wie die Italiener sagen. Obwohl ich seit drei Jahrzehnten vorwiegend im Ausland lebe, ist mir die oberösterreichische Betriebsamkeit nie abhandengekommen. Ich liebe meine Arbeit, und mein Leben ist Arbeit. Was soll ich sonst tun? Aufs Meer schauen?

https://honetschlaeger.com

Autor: Gerd J. Schneeweis

Oberösterreich

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