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Ein Archiv in Budapest nennt die Namen Zehntausender Spitzel aus kommunistischer Zeit

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Das ungarische Parlamentsgebäude in Budapest an der Donau
Foto:©Unsplash, Dan Novac

Mehr als 36 Jahre nach dem Ende des Kommunismus kann in Ungarn jede und jeder nachsehen, wer für die Geheimpolizei gespitzelt hat. Die neue Datenbank ist frei zugänglich, und schon am zweiten Tag musste sich das Archiv entschuldigen. Was veröffentlicht wurde und was noch kommt.

News auf Google bevorzugen

Seit 4. November ist in Ungarn eine Datenbank online, in der jede und jeder nach den Namen von Menschen suchen kann, die zwischen 1945 und 1990 für die politische Polizei gearbeitet haben. Die Plattform Nyitott Akták, auf Deutsch Offene Akten, wird vom Historischen Archiv der Staatssicherheitsdienste betrieben, kurz ÁBTL. Sie umfasst zwei Gruppen: sogenannte Netzwerkpersonen, also Informantinnen und Informanten sowie Agenten, und hauptamtliche Mitarbeiter der Staatssicherheit. Gesucht werden kann nach Name, Geburtsjahr, Geburtsort, Name der Mutter und Decknamen.

Wie viele Namen genau veröffentlicht wurden, gibt das Archiv selbst nicht an. Ministerpräsident Péter Magyar sprach bei der Vorstellung im Archiv von rund 60.000 Namen. Das Archiv weist darauf hin, dass die Unterlagen nie vollständig waren und es auch nie sein werden, weil vor 1990 viele Akten vernichtet wurden.

Was in der Datenbank steht

Grundlage ist das Gesetz LI aus dem Jahr 2026 über die Aufarbeitung der Geheimdiensttätigkeit des früheren Regimes. Das Parlament hat es am 15. September beschlossen, verkündet wurde es am 18. September. Es verpflichtet das Archiv, mehrere Bestandsgruppen digital, durchsuchbar und kostenlos zu veröffentlichen. Dazu zählen die Anwerbekarten für angeworbene Personen und für gescheiterte Anwerbungen, Eintragungen aus den Registrierbüchern sowie die beschreibenden Daten aus einem Bestand auf Magnetbändern.

Nicht veröffentlicht werden die Personenkennzahl sowie Angaben zu Gesundheit, Sucht und Sexualleben. Die umfangreicheren Dossiers der Netzwerkpersonen folgen laut Gesetz schrittweise und sollen bis spätestens 25. Februar 2027 online sein. Wer solche Unterlagen unrechtmäßig privat aufbewahrt, muss sie binnen sechs Monaten dem Archiv übergeben und bleibt dann straffrei.

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Das ungarische Parlamentsgebäude in Budapest an der Donau
 © Unsplash, Dan Novac

Schon am zweiten Tag eine Entschuldigung

Kurz nach dem Start musste das Archiv einen Fehler einräumen. Der Fidesz-Politiker Sándor Lezsák, Vizepräsident des ungarischen Parlaments, war in der Datenbank aufgetaucht. Laut einer Mitteilung auf der Website des ÁBTL lag ein IT-Fehler vor: Lezsák sei in den Magnetbanddaten als überwachte Person verzeichnet, nicht als Netzwerkperson. Das Archiv entschuldigte sich, prüft den Fall und überarbeitet den betroffenen Teil der Datenbank. Auch Magyar entschuldigte sich bei Lezsák.

Der Fall zeigt die Schwierigkeit des Projekts. In den Akten stehen Täterinnen und Täter neben Opfern, und ein Eintrag allein sagt nicht immer, welche Rolle jemand tatsächlich gespielt hat. Magyar hatte bei der Vorstellung darum gebeten, die Veröffentlichung „mit Würde und Menschlichkeit“ zu behandeln. Ein Trauma lasse sich nicht verarbeiten, ohne darüber zu reden und Fragen zu stellen.

Warum Ungarn so lange gewartet hat

Bisher konnten in Ungarn nur Forschende sowie Betroffene und nahe Angehörige Einsicht in die Akten nehmen. Eine vollständige Öffnung war seit der Wende immer wieder Thema, kam aber nie zustande. Die Partei Tisza von Péter Magyar hatte die Veröffentlichung vor der Parlamentswahl im April versprochen, bei der sie eine Zweidrittelmehrheit errang. Seit Mai regiert Magyar als Nachfolger von Viktor Orbán.

Auch Orbán selbst äußerte sich vor dem Start der Datenbank. Er erklärte am 3. November, die Staatssicherheit habe während seines Militärdienstes versucht, ihn anzuwerben, er habe aber abgelehnt. Zugleich veröffentlichte er Dokumente aus den 1980er-Jahren, die zeigen sollen, dass er selbst überwacht wurde.

Ungarn geht damit einen anderen Weg als Deutschland. Dort kann laut Bundesarchiv jeder Mensch auf Antrag die Unterlagen einsehen, die die Stasi über ihn angelegt hat, eine öffentliche Namenssuche für alle gibt es aber nicht. In Ungarn kann dagegen nun jede Person ohne Antrag nachsehen, ob jemand als Spitzel registriert war.

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