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Am Freitagabend um 18.30 Uhr zeigt Bakhshi seinen Film "All my Sisters" vor Publikum. Weder bei der Weltpremiere am International Documentary Film Festival in Amsterdam im November 2025, noch bei der Österreich-Premiere im März im Rahmen der Diagonale in Graz konnte er anwesend sein. Doch der Regisseur zeigt sich trotz der herausfordernden Umstände beharrlich: "Wenn man im Iran lebt, ist die erste Lektion, die man lernen muss, Geduld zu haben", sagte er. Trotzdem freue er sich sehr, nun seinen Dokumentarfilm in Wien präsentieren zu dürfen, und bedankte sich bei der österreichischen Produktionsfirma AMOUR FOU und den Produzenten Bady Minck und Alexander Dumreicher-Ivanceanu für die Geduld und Unterstützung.
Der Film "All my Sisters", der seine drei Nichten Zahra, Mayha und Maleka über 18 Jahre beim Heranwachsen in Teheran begleitet, ist sein bisher schwierigster Film, sagte Bakhshi. Denn all die Jahre über sei nicht sicher gewesen, ob der Film in der Form überhaupt gezeigt werden würde. Die Entscheidung überließ der Filmemacher den Schwestern Zahra und Mahya, nachdem sie volljährig wurden und das Risiko der Konsequenzen einer Veröffentlichung selbst abschätzen konnten. "Das war bis zum Schluss wie ein Pokerspiel", sagte er. "Die Nervosität und die Sorge waren die ganze Zeit über da: Was machen wir, wenn am Schluss ein klares "Nein" von den Mädchen kommt?"
Grund für die besondere Vorsicht ist die restriktive Politik des Iran, die auch in den Kulturbereich eingreift. Iranische Frauen dürfen ohne entsprechende Bedeckung nicht im Kino oder Fernsehen gezeigt werden. Das führe teils zu unrealistischen Szenen - wie Frauen, die sogar im Schlafzimmer Kopftuch tragen würden - und teils zu Retusche wie Unschärfe und Überblendung. "Ich habe versucht, die Körper der Schwestern so weit wie möglich aus dem Bildausschnitt auszusparen", erklärte Bakhshi. Das Ergebnis ist fast ein Widerspruch: Je älter die Mädchen werden, desto weniger darf man von ihnen sehen. Gleichzeitig rückt das Publikum ihnen durch intime Nahaufnahmen ihrer Gesichter näher.
Dabei bleiben besonders zwei Szenen des Films in Erinnerung, die von der Unkenntlichmachung leben: Frauen die im Schutz der Dunkelheit über den Dächern Teherans in die nächtlichen Rufe der Parole "Jin, Jihan, Azadi!" (Frau, Leben, Freiheit!) einstimmen. Und die beiden älteren Schwestern Zahra und Mayha, die am Teheraner Hausberg Tochal ihre Kopftücher abnehmen und gegenseitig Fotos von sich machen. Bakhshi lässt sie durch Weichzeichnung in der Postproduktion wie in einem Nebel fast verschwinden: "Diese Helligkeit steht für das Konzept der Hoffnung, das dieser Film vermitteln soll", sagt der Regisseur.
Gleichzeitig stehe die Szene stellvertretend für das moralische Problem, das den gesamten Film begleitet: Wie viel der Mädchen darf er zeigen, und wann bringt er die Mädchen damit in Gefahr? Aus dem Off fragt Bakhshi seine Nichten, ob sie mit dem Nebel einverstanden seien. "Das ist eine Schlüsselszene des Films, weil sie keine Antwort geben. Das deutet eher darauf hin, dass sie dagegen sind", so der Filmemacher.
Seiner Rückkehr in den Iran sieht Bakhshi mit gemischten Gefühlen entgegen - einerseits mit "großer Sorge und Ungewissheit angesichts der aktuellen Situation im Iran". Unter dem Krieg, aber auch unter den jahrzehntelangen Sanktionen, leide vor allem die iranische Bevölkerung. Andererseits überwiege die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Denn die Iraner und Iranerinnen hätten eine besondere Verbundenheit mit ihrer Heimat: "Das ist wie ein Kind mit seiner Mutter. Obwohl sie vielleicht Streit hatten und jahrelang nicht miteinander gesprochen haben, sind diese Liebe und diese Verbundenheit immer da", so Bakhshi. "Es muss einfach besser werden", setzte er nach.
Die Fröhlichkeit der jüngsten Schwester Maleka wird dabei zum Sinnbild der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Doch gerade sie verweise auch auf ein Paradoxon der jungen Generation, sagte Bakhshi: Viele junge Iraner und Iranerinnen begegneten der Gewalt mit Fröhlichkeit, um sie für einen Moment zu verdrängen. Um Maleka die Angst vor den Bombardierungen Teherans zu nehmen, hätten die älteren Schwestern Zahra und Mahya ein Spiel entwickelt: Bei jedem Einschlag habe die Familie lachen sollen. "Das war der Versuch der großen Schwestern, Maleka die Realität dieser Gewalt fernzuhalten. Dadurch wurde die Gewalt für die Kleine zu etwas Spielerischem, fast wie ein Feuerwerk", sagte er. "Diese Fröhlichkeit ist die Waffe dieser Generation gegen die Gewalt."
(Das Gespräch führte Maria Mayböck/APA)





