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Laut Moser hängen die Preise für fossile Energien direkt mit den Nahrungsmittelpreisen zusammen. Dabei spiele nicht nur die Inflation eine Rolle, "sondern auch, weil die Landwirtschaft weltweit ganz stark von fossiler Energie abhängig ist. Diese wird nämlich zur Düngemittelerzeugung gebraucht." Was die Diakonie-Direktorin befürchtet: "Wir stehen vor der nächsten großen internationalen Hungerkatastrophe." Diese könnte auch internationale Fluchtbewegungen auslösen.
Strategien, um dagegen zu steuern, sind laut Moser agrarökologische Alternativen, insbesondere für die Länder im globalen Süden. Hier ist die Diakonie bereits mit Projekten im internationalen Hilfsorganisationen-Partnernetzwerk tätig. "Und es ist jetzt wirklich hoch an der Zeit, dass wir uns von den fossilen Energieträgern gerade in der Landwirtschaft, gerade in der Nahrungsmittelproduktion unabhängig machen. Das ist eine wesentliche Sicherheitsfrage, in die Agrarökologie zu investieren."
Was die jüngsten Asyl-Neuanträge in Österreich betrifft, sieht auch Moser derzeit den niedrigsten Stand seit mehreren Jahren. Dennoch kritisiert sie das Aussetzen des Familiennachzugs durch das Innenministerium. Gerade vor Ostern betont sie das Menschenrecht auf Familie. "Das ist etwas, was uns gerade in den Kirchen sehr wichtig ist. Und auch christlich orientierten Parteien sehr wichtig sein müsste." Wenn man ein Menschenrecht also vorübergehend aussetzt, "dann hebelt man die Menschenrechte insgesamt aus". Dies sei für Kirchen allgemein und für die Diakonie "nicht hinnehmbar".
Dass es sich dabei - wie vom Innenministerium argumentiert - um ein bildungspolitisches Problem handelt, ist für Moser nicht nachvollziehbar. "Das muss mit bildungspolitischen Mitteln gelöst werden und hier muss vorausschauend geplant werden. Es ist doch immer wieder erstaunlich, wovon Bundesregierungen in diesem Land überrascht sind", so die Diakonie-Direktorin. "Kinder und Jugendliche können nie das Problem sein. Kinder und Jugendliche sind unsere Zukunft, grundsätzlich und aufgrund der demografischen Entwicklung. Die Bedingungen, die man ihnen bietet, sind das Problem und daran muss man arbeiten und nicht daran, Kinder und Jugendliche auszusperren."
Tatsächlich Thema, auch für die Diakonie als Träger von Bildungseinrichtungen, sind die Deutschkenntnisse von Kindern und Jugendlichen. Hier gelte es etwa, im Kindergarten anzusetzen. Dafür müssten aber auch die personellen Ressourcen passen, betont Moser. Ein anderer für die Diakonie wichtiger Hebel seien die Eltern, die ebenso begleitet werden müssten. "Insbesondere dann, wenn sie selbst nicht deutsch-muttersprachig sind und vielleicht das österreichische Bildungssystem nicht kennen." Entsprechende Vorreiterprojekte der Diakonie seien Finanzkürzungen zum Opfer gefallen, bedauert die Direktorin.
Eine weitere große Sorge der evangelischen Hilfs- und Sozialorganisation ist der Zugang von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen zum Bildungssystem: "Wir sehen hier, dass bereits vom verpflichtenden Kindergartenjahr Kinder mit Behinderungen ausgenommen sind." Dies belaste die Eltern massiv. Weiter gingen die Probleme mit dem Zugang zu Bildung nach Ende der Schulpflicht. Für Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf ende mit der Schulpflicht auch das Recht, in die Schule zu gehen. "Das heißt eigentlich, die Kinder, die mehr Zeit brauchen zum Lernen, bekommen weniger."
Auch Sicherheit ist für die Diakonie ein großes Thema - allerdings werde diese vorwiegend "militärisch diskutiert". Sicherheit sei auch soziale Sicherheit und ein zentrales Instrument sei die Sozialhilfe, bei der die Diakonie nach wie vor großen Reformbedarf sieht. Dazu gehörten unter anderem Maßnahmen für Menschen mit Behinderungen. Auch die Deckelung der Sozialhilfe nach oben stellt für Moser ein Problem dar. Vielmehr müsste dabei "das Mindeste" gesichert sein. Weiterhin wartet die Diakonie auch auf die Kindergrundsicherung, die im Koalitionsprogramm zumindest erwähnt wird. Moser sorgt sich, dass diese Maßnahme bei einer möglichen Sozialhilfe-Reform nicht beachtet wird.
Auch grundlegende Maßnahmen in der Pflege vermisst Moser von der Regierung. Viele Angehörige wüssten laut einer aktuellen Umfrage nicht, wohin sie sich wenden können. Und: "Zwei Drittel der Menschen sagen, es gibt nicht genug Unterstützung für Menschen, die Langzeitpflege brauchen und drei Viertel sagen, es gibt auch Probleme bei der Leistbarkeit, insbesondere für die Pflege zu Hause." Dies trage zur Verunsicherung bei "und auch zu dem Gefühl, dass die Politik keine Lösungen anbietet, dass die Politik ihre Lösungskompetenz verloren hat und das ist in weiterer Folge ganz schlecht für die Zustimmung zur Demokratie".
Auch im Bereich der Palliativ- und Hospizversorgung sieht Moser Nachbesserungsbedarf - insbesondere nach der Legalisierung des assistierten Suizids. Eine große bestehe etwa in der sogenannten Grundversorgung, also für Menschen, die in Pflegeeinrichtungen oder mit Pflegebedarf zu Hause leben und wo bereits klar sei, dass man sich mit dem Thema Sterben auseinandersetzen muss. In der Diakonie selbst habe man nie die Möglichkeit einer Sterbeverfügung ausgeschlossen. "Aber wir haben auch immer gesagt: Das soll nicht der Normalfall sein. Wir wollen uns wirklich allen Sterbewünschen offensiv stellen und schauen, was wir an Alternativen anbieten können. Wenn aber Menschen so verzweifelt sind, dass sie keinen anderen Weg sehen, wollen wir sie nicht alleine lassen", so Moser.
Nicht nur in diesem Zusammenhang ist der Diakonie-Direktorin die Wiedereinführung des Karfreitags als österreichischer Feiertag wichtig - und zwar für alle. Immerhin handle es sich dabei um jenen Tag, "bei dem das Kreuz und damit das Leiden und Sterben Jesu im Zentrum steht". "Wir wollen kein evangelisches Privileg", betont Moser. Wenn die Politik schon glaube, sich auf eine "christliche Leitkultur" berufen zu müssen, erwartet sie sich, nach der Abschaffung des Feiertages, nun "auch tatsächlich zu handeln". In der Diakonie selbst ist der Karfreitag als dienstfreier Tag für alle Bediensteten, egal welcher Religionszugehörigkeit, im Kollektivvertrag verankert.
Dass die evangelisch-lutherische Kirche mit Cornelia Richter nun erstmals eine Bischöfin hat, freut auch Moser. "Das war hoch an der Zeit, ist aber nicht das einzige Thema, das uns beschäftigt." Was der Kirche sehr gut tut, sei, "dass sie die Losung ausgegeben hat: 'Wir jammern nicht mehr.'"





