von
Der Wahlausgang gilt als Überraschung, da Lula im ersten Wahlgang noch hinter dem Sohn des inhaftierten früheren Präsidenten Jair Bolsonaro gelegen hatte. Sein Sieg bremst eine Welle rechter Wahlerfolge in Lateinamerika und durchkreuzt Hoffnungen von US-Präsident Donald Trump auf einen weiteren Verbündeten in der Region. Das US-Außenministerium hatte zuvor eine Kampagne unterstützt, um die Bolsonaros wieder an die Macht zu bringen.
Die Wählerinnen und Wähler hätten sich trotz gewisser Bedenken für einen bekannten Weg entschieden, der bestimmte Rechte garantiere, erklärte Leonardo Barreto vom Beratungsunternehmen Think Policy. Für Lula markiert der Sieg ein weiteres politisches Comeback: Der frühere Gewerkschafter saß zwischen 2018 und 2019 wegen Korruptionsvorwürfen im Gefängnis, die später aufgehoben wurden. Im Wahlkampf hatte er auf sinkende Armut und Arbeitslosigkeit in seiner dritten Amtszeit verwiesen und gewarnt, Bolsonaro werde Sozialausgaben kürzen. Trotz des Wahlsiegs steht er nun vor massiven Herausforderungen. Hohe Zinsen und eine Staatsverschuldung von über 82 Prozent der Wirtschaftsleistung belasten das Land. Zudem sieht sich Lula einem konservativen Kongress gegenüber, in dem Bolsonaros Liberale Partei (PL) und ihre Verbündeten in beiden Kammern über Mehrheiten verfügen.
Rund 159 Millionen Brasilianerinnen und Brasilianer waren zur Wahl aufgerufen - und viele von ihnen haben von den sozial- und wirtschaftspolitischen Erfolgen der linken Arbeiterpartei PT von Lula profitiert. Unter seiner Regierung sank die Arbeitslosigkeit auf einen historischen Tiefstand, die Armut ging zurück und der Mindestlohn stieg. Zudem beschloss das Parlament eine schrittweise Einführung der Fünf-Tage-Woche mit zwei freien Tagen. Auch die Entwaldung im Amazonasgebiet, dem größten tropischen Regenwald der Erde, ging zurück.
Gleichzeitig blieb der Unmut im Volk über die gestiegenen Lebenshaltungskosten groß. Die hohe Staatsverschuldung, Lulas ausgabenfreudige Politik und ein Skandal um mutmaßlichen Betrug bei der Rentenversicherung belasteten die Regierung. Im Wahlkampf konnte der Präsident deshalb nicht allein mit seiner Bilanz überzeugen. Viele Menschen wünschten sich stattdessen eine Rückkehr der Bolsonaro-Familie an die Macht.
Lula hatte in der ersten Wahlrunde mit 45 Prozent noch zwei Punkte hinter Flávio Bolsonaro gelegen. Mehrere Experten sahen den rechten Senator auch in der Stichwahl leicht favorisiert. Stattdessen gelang es nun erstmals seit der Wiedereinführung direkter Präsidentschaftswahlen 1989 einem zunächst zurückliegenden Kandidaten, das Blatt in der Stichwahl noch zu drehen.
Der Politikwissenschaftler Oliver Stuenkel sieht einen Grund für das enge Rennen und die Kritik am Amtsinhaber darin, dass Lulas Kampagne zu lange auf frühere Erfolge setzte und zu wenig auf Zukunftspläne. Erst nach der ersten Wahlrunde habe sie stärker versucht, auch Wähler außerhalb des linken Lagers anzusprechen.
Der ehemalige Gewerkschafter aus dem ärmeren Nordosten regierte bereits von 2003 bis 2010, steht seit 2023 erneut an der Spitze des Landes und nun vor einer schwierigen vierten Amtszeit. Die Rechte gewann bei der Parlamentswahl vor drei Wochen deutlich hinzu: Bolsonaros Liberale Partei (PL) stellt mit 121 der 513 Abgeordneten die stärkste Kraft in der Abgeordnetenkammer und verfügt über 28 der 81 Sitze im Senat.
Mehr noch als in seiner bisherigen Amtszeit wird Lula Mehrheiten mit anderen Parteien organisieren müssen. Besonders wichtig ist dabei das sogenannte Centrão, ein Bündnis überwiegend konservativer und zentristischer Parteien, das vor allem durch politische und regionale Interessen zusammengehalten wird.
Die öffentliche Sicherheit gehörte zu den wichtigsten Themen des Wahlkampfs. Kriminelle Organisationen verfügen in Teilen des Landes über erheblichen Einfluss. Lula erklärte, er beabsichtige, ein Ministerium für öffentliche Sicherheit einzurichten. Flávio Bolsonaro hatte mit einer harten Sicherheitspolitik geworben und den Bau von Hochsicherheitsgefängnissen nach dem Vorbild El Salvadors angekündigt.
Im Wahlkampf griffen sich beide Kandidaten auch persönlich an. Flávio Bolsonaro bezeichnete Lula in einem TV-Duell wegen dessen Alters als einen Politiker, den Brasilien endlich in Rente schicken werde. Lula warf seinem Herausforderer vor, das harte Leben der Arbeiterklasse allenfalls aus der Literatur zu kennen. Beide Seiten überzogen sich zudem mit Korruptionsvorwürfen. Auch in den sozialen Medien kam es zum Streit: So warf Lulas Kampagne dem Facebook-Konzern Meta vor, ihre Inhalte zu benachteiligen. Meta wies eine solche politische Bevorzugung zurück.
Lulas Wahlsieg löst auch die Spannungen zwischen Regierung, Kongress und Oberstem Gerichtshof nicht auf. Der Oberste Gerichtshof spielte eine zentrale Rolle bei den Verfahren gegen Jair Bolsonaro. Der frühere Präsident wurde wegen eines versuchten Staatsstreichs nach seiner Wahlniederlage 2022 zu mehr als 27 Jahren Haft verurteilt und steht derzeit aus gesundheitlichen Gründen unter Hausarrest. Sein Sohn Flávio kündigte im Wahlkampf an, sich bei einem Sieg für eine Amnestie zugunsten seines Vaters einzusetzen.
Mit Lulas Sieg bleibt Brasilien ein wichtiger Gegenpol zum Rechtsruck in Lateinamerika. Seit Donald Trump wieder US-Präsident ist, sind unter anderem in Bolivien, Chile und Kolumbien rechte Regierungen ans Ruder gekommen. Auch mit Venezuela arbeitet Trumps Regierung nach der Festsetzung des autoritär regierenden Staatschefs Nicolás Maduro durch das US-Militär inzwischen enger zusammen.
Lula stellte sich im Wahlkampf gegen eine stärkere politische und wirtschaftliche Abhängigkeit von Washington, die seine Anhänger unter der Führung Jair Bolsonaros kritisiert und unter Flávio befürchtet hatten. "Brasilien passt in keinen Hinterhof irgendeines Landes", hatte Lula bei der jüngsten UNO-Generaldebatte gesagt. Sein Verhältnis zu Trump dürfte schwierig bleiben.
Was den Amazonas angeht, wird Lula seinen bisherigen Kurs wohl fortsetzen. Die Entwaldung ging unter seiner Regierung zwar deutlich zurück, zugleich gab es aber auch umstrittene Infrastrukturprojekte - und vom angestrebten Ziel, die Entwaldung bis 2030 zu stoppen, ist er ohnehin weit entfernt.
Bei der Wahl am Sonntag blieben die Wahllokale auf Anordnung des Obersten Gerichts zwei Stunden länger geöffnet. Der Oberste Richter Cristiano Zanin begründete die Verlängerung bis 19.00 Uhr Ortszeit (23.00 Uhr MEZ) mit Problemen im Öffentlichen Nahverkehr. Zuvor hatte Lula eine längere Öffnungszeit der Wahllokale gefordert. Die bereits begonnene Auszählung wurde in Folge am Abend unterbrochen.
Lula erklärte am Sonntag, in der Wirtschaftsmetropole São Paulo und anderen Orten, seien Wählerinnen und Wähler an der Fortbewegung gehindert worden seien. Er rief daher Brasiliens Obersten Gerichtshof zum Handeln auf. "Niemand darf darauf verzichten zu wählen, nur weil irgendein schamloser Unternehmer oder irgendein zwielichtiger Bürgermeister, ein Bandit, versucht hat zu verhindern, dass das Volk seine Stimme abgibt", erklärte der Linkspolitiker.
Auch das Wahlkampfteam Flávio Bolsonaros beantragte eine Verlängerung der Wahlzeit in einzelnen Gemeinden in Minas Gerais und Rio Grande do Sul. Dort hätten heftige Regenfälle, Überschwemmungen und Stromausfälle den Wahlablauf beeinträchtigt.
