Nur jeder zehnte Mensch auf der Welt ist älter als 65 Jahre, aber drei von vier leben in einem Land, dessen Regierungsspitze dieses Alter überschritten hat. Eine neue Datenanalyse zeigt, wie groß der Altersabstand zwischen den Mächtigen und ihrer Bevölkerung ist und warum Europa die Ausnahme bildet.
Junge Welt, alte Regierungsspitzen
Die Weltbevölkerung ist jung, ihre politische Führung ist es nicht. Rund jeder zehnte Mensch ist älter als 65 Jahre. Doch etwa drei von vier Menschen leben unter einer Regierungsspitze, die älter als 65 ist, rund zwei von drei sogar unter einer, die älter als 70 ist. Zu diesem Ergebnis kommt eine am 14. Oktober veröffentlichte Analyse der Datenwissenschafterin Hannah Ritchie, die das Alter der Staats- und Regierungsspitzen in mehr als 140 Ländern mit dem Alter ihrer Bevölkerung vergleicht.
Gezählt wurde jeweils die Person mit der wichtigsten Regierungsgewalt, je nach System also Premierminister, Präsidentin oder Monarch. Das mittlere Alter dieser Spitzen liegt bei rund 64 Jahren. In 129 von 143 untersuchten Ländern ist die Regierungsspitze älter als das Medianalter der Bevölkerung, und selbst im Vergleich nur mit Erwachsenen liegt der Abstand bei etwa 20 Jahren.
Afrika mit dem größten Altersabstand
Am größten ist die Kluft in Afrika. Dort liegt das mittlere Alter der Regierungsspitzen bei fast 70 Jahren, während Länder wie Niger, Tschad oder die Demokratische Republik Kongo eine Bevölkerung mit einem Medianalter von 16 Jahren haben. Den extremsten Fall bildet Kamerun: Präsident Paul Biya ist 93 Jahre alt, das Medianalter im Land liegt bei 18 Jahren. Das ergibt einen Abstand von 75 Jahren.
In Asien und Nordamerika liegt das mittlere Alter der Regierungsspitzen bei Mitte 60, in Europa und Südamerika bei Mitte 50. Auch unter den großen Wirtschaftsmächten der G20 sind ältere Spitzenpolitiker die Regel: Zwei sind über 80, Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva und US-Präsident Donald Trump, sieben weitere sind in ihren Siebzigern. Unter 50 sind nur Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman.
Europa als Ausnahme, Österreich im Mittelfeld
Europa fällt aus dem Muster. Hier ist der Altersunterschied zwischen Regierungsspitze und Bevölkerung meist kleiner als 20 Jahre und nur selten größer als 30. Nur in zwei Ländern ist die Regierungsspitze sogar jünger als das Medianalter der Bevölkerung: in den Niederlanden unter Rob Jetten und in Montenegro unter Milojko Spajić.
Österreichs Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) gehört mit 66 Jahren zum oberen Mittelfeld in Europa. Das zeigt eine vergleichbare Auswertung des US-Forschungsinstituts Pew Research Center vom Juni, die die Regierungschefs von 186 Staaten erfasst. Ältester Regierender in Europa ist dort Fürst Hans-Adam II. von Liechtenstein mit 81 Jahren, jüngste ist Islands Regierungschefin Kristrún Frostadóttir mit 38. Weltweit kam Pew auf ein mittleres Alter von 63 Jahren, 51 der 186 Regierungsspitzen waren 70 oder älter.
Lange Amtszeiten vor allem in Autokratien
Neben dem Alter hat Ritchie auch die Amtsdauer ausgewertet. Die längsten Amtszeiten finden sich in autoritär regierten Staaten, manche Machthaber regieren seit mehr als vier Jahrzehnten. Russlands Präsident Wladimir Putin ist einschließlich seiner Zeit als Ministerpräsident seit 27 Jahren an der Macht, der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan seit 24 Jahren.
In den 25 Staaten, die als liberale Demokratien eingestuft werden, ist dagegen niemand länger als zehn Jahre im Amt. Ritchie führt das auf Amtszeitbegrenzungen und regelmäßige Wahlen zurück. Für Afrika ergibt sich ein besonderes Bild: Von den 41 erfassten Ländern gelten 31 als Autokratien, dort treffen die ältesten Regierungsspitzen auf die jüngsten Bevölkerungen.
Wie belastbar die Zahlen sind
Die Analyse hat Grenzen, auf die die Autorin selbst hinweist. Das genaue Geburtsdatum mancher Staatsoberhäupter ist schwer zu überprüfen, kleine Fehler sind daher möglich. Den Datensatz hat Ritchie nach eigenen Angaben mit Hilfe eines KI-Programms zusammengestellt und die Alter, wo möglich, auf den Monat genau geprüft. Die Einstufung als Demokratie oder Autokratie beruht auf dem Forschungsprojekt V-Dem und ist unter Fachleuten nicht unumstritten.
Unklar ist mitunter auch, wer als Regierungsspitze gilt, etwa in Saudi-Arabien, wo König Salman formell herrscht, der Kronprinz aber die Regierungsgeschäfte führt. Die Ergebnisse decken sich dennoch weitgehend mit der Auswertung des Pew Research Center, die mit einer etwas anderen Definition arbeitet.
