Brasiliens Senat hat eine Verfassungsänderung beschlossen, die die wöchentliche Arbeitszeit von 44 auf 40 Stunden senkt, ohne Lohnverlust und mit zwei Ruhetagen pro Woche. Die Reform kommt elf Tage vor der Stichwahl um das Präsidentenamt. Was sie vorsieht, wann sie greift und für wen sie nicht gilt.
Der Beschluss des Senats
In Brasilien kommt die 40-Stunden-Woche. Der Senat hat am 14. Oktober in zwei Abstimmungsrunden die Verfassungsänderung PEC 221/2019 angenommen, nachdem die Abgeordnetenkammer zuvor zugestimmt hatte. Die Reform beendet die sogenannte 6x1-Regelung, bei der Beschäftigte sechs Tage arbeiten und nur einen Tag frei haben.
Die Höchstarbeitszeit sinkt laut dem Senat von 44 auf 40 Stunden pro Woche, und zwar ohne Lohnkürzung. Pro Tag sollen höchstens acht Stunden gearbeitet werden, dazu kommen zwei bezahlte Ruhetage pro Woche, einer davon vorzugsweise am Sonntag. Die 44-Stunden-Woche war seit der Verfassung von 1988 festgeschrieben. Als nächster Schritt muss der Nationalkongress die Änderung verkünden.
In zwei Schritten zur 40-Stunden-Woche
Die Umstellung erfolgt schrittweise. Zwei Monate nach der Veröffentlichung der Verfassungsänderung sinkt die wöchentliche Arbeitszeit zunächst auf 42 Stunden. Ein Jahr und zwei Monate nach der Veröffentlichung gilt dann die 40-Stunden-Woche. Während der gesamten Übergangszeit dürfen die Löhne wegen der kürzeren Arbeitszeit nicht gesenkt werden.
Nicht für alle gelten die neuen Regeln. Ausgenommen sind laut dem Senat Beschäftigte im öffentlichen Dienst sowie Angestellte mit Hochschulabschluss, die mindestens 21.188 Real im Monat verdienen. Für Unternehmen mit Sechstagebetrieb bedeutet die Reform, dass sie ihre Dienst- und Schichtpläne innerhalb der Übergangsfristen umstellen müssen.
Eine Reform vor der Stichwahl
Der Beschluss fällt mitten in den Präsidentschaftswahlkampf. Am 25. Oktober entscheidet eine Stichwahl zwischen Amtsinhaber Luiz Inácio Lula da Silva und Flávio Bolsonaro, dem Sohn des früheren Präsidenten Jair Bolsonaro, über das höchste Staatsamt. Die Regierung Lula hatte das Ende der Sechstagewoche zu einem ihrer zentralen Vorhaben gemacht.
Flávio Bolsonaro, der als Senator selbst abstimmte, hatte die Reform zunächst als opportunistisch kritisiert, stimmte am Ende aber zu. Er begründete das damit, dass die Mehrheit der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ein Ende der 6x1-Regelung wolle. Lula warf seinem Kontrahenten daraufhin wahltaktisches Verhalten vor.
Wie Brasilien im Vergleich dasteht
Auch andere Staaten Lateinamerikas haben ihre Arbeitszeit zuletzt verkürzt oder sind dabei. Chile etwa senkt die gesetzliche Wochenarbeitszeit seit 2024 schrittweise von 45 auf 40 Stunden, der letzte Schritt ist für 2028 vorgesehen. In vielen Ländern der Region sind längere Arbeitswochen allerdings weiterhin üblich.
In Österreich liegt die gesetzliche Normalarbeitszeit laut Arbeitszeitgesetz bei 40 Stunden pro Woche und acht Stunden pro Tag. In vielen Branchen sehen die Kollektivverträge eine kürzere Wochenarbeitszeit vor. Für Brasilien, die größte Volkswirtschaft Lateinamerikas, ist die Reform dagegen die erste Senkung der verfassungsmäßigen Arbeitszeit seit fast vier Jahrzehnten.
Quelle: Senado Federal, Senado Notícias
