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Sex mit Hase

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Dr. Monika Wogrolly

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Bär, Maus, Hase, Baby, Schatz, Biene sind Kosenamen für geliebte Menschen. Was bedeutet es für Liebe und Sexualität, Tierbezeichnungen oder Spitznamen zu verwenden?

Lorenz nennt Melitta bevorzugt Schatz oder Engel. Sie ist es gewohnt und kann damit leben, gleichsam zum himmlischen Wesen stilisiert zu werden. Anders Christiane, die es gar nicht mag, wenn Michael sie – womöglich auch noch an der Öffentlichkeit – ungeniert Hase ruft. Dem Einsatz von Kosenamen in einer Partnerschaft liegen mithin unterschiedliche Motive zugrunde. Manchmal geht es nur darum, mit einem Kosenamen Zusammengehörigkeit und Vertrautheit zu signalisieren. Es können aber auch ganz andere Beweggründe dahinterstecken.

Hier die wichtigsten Funktionen von Kosenamen:

  • Bindung. Wer eine Person als Maus, Hase, Bär, Engel, Baby oder auch bloß als Liebling oder Schatzi bezeichnet, zeigt damit seine Vertrautheit und Bindung zu ihr an. Es kann Zusammengehörigkeit bedeuten und das mit jedem ausgesprochenen Kosenamen aktualisierte offene Bekenntnis dazu.

  • Besitzanspruch. Im Gegensatz dazu kann eine womöglich inflationäre Bezeichnung mit Koseworten ein in Wahrheit besitzergreifendes Markierungsverhalten als Liebesbekenntnis tarnen; wenn es andauernd „Schatzi hier, Schatzi da“ tönt, ist das dahinter liegende Motiv oftmals ein narzisstischer Besitzanspruch. Dies entspringt in aller Regel einer heimlichen Selbstwertproblematik und Selbstunsicherheit. Und eben nicht der großen Liebe.

  • Machtdemonstration. Tönt es pausenlos „Kleines“, „Dicker“, „Liebster“, „Burschi“, „Mädchen“ oder „Mausebär“, auch wenn das Gegenüber wiederholt um die Anrede mit dem Vornamen ersuchte, zeugt das nicht nur von einer Ignoranz der Gefühle einer Person, sondern ebenso von einer willkürlichen Hierarchie als Zeichen von Dominanz. Mit anderen Worten demonstriert ein Partner buchstäblich, wie in der Beziehung der Hase läuft. Und dass er oder sie eben nur ein „Schatzi ohne Namen“ ist, welches sich seiner Vorherrschaft zu fügen hat; ein Hase mit Objektcha- rakter und ohne autonome Einflussmöglichkeit auf Wortwahl und Rufnamen innerhalb der Partnerschaft. 

  • Verniedlichung. Ruft eine Person seine Partnerin lieber Mäuschen und nicht mit ihrem Vornamen, kann dies auch suggestiv sein und zur Entschärfung der erwachsenen Eigenschaften dieser Partnerin, im Grunde auch zu ihrer Erniedrigung dienen. Verniedlichend und verharmlosend wirkt, wenn ein Partner als „Bär“ bezeichnet wird, wobei in dieser Bezeichnung auch der Wunsch steckt, im Partner einen harmlosen Kuschelbären zu finden.

  • Wunsch nach Sex. Die Bezeichnung als „Tiger“ kann die Vision von heißen Sexerlebnissen und verzehrender Leidenschaft ausdrücken: wie von einer edlen Raubkatze „animalisch gerissen“ und „vor Leidenschaft verzehrt“ zu werden. 

  • Liebeskiller. Bär oder Bärchen genannt zu werden, kann aber auch als Liebeskiller wirken. Wer möchte schon mit einem gemütlichen Kuschelbären heiße Sexorgien feiern? Daher ist mit Kuscheltierbezeichnungen Vorsicht gebo-ten, wenn man nicht auf erotische Anziehung und Sex verzichten will. 

  • Infantilisierung. Schatzi, Mausi, Baby und Co. können den Effekt der Verkindlichung haben. Wer sich in der Partnerschaft womöglich noch mit einer um ein paar Oktaven höheren Stimme unbewusst zum Ersatzkind oder Ersatzelternteil entwickelt, darf sich nicht wundern, wenn eher Kuschelbedürfnisse und Versorgungswünsche aufkommen als Erotik und Leidenschaft.

  • Emotionale Achterbahn. Ein plötzlicher Entzug von gewohnten Kosenamen kann auf einen Stimmungsumschwung, den Verlust von Nähe oder sogar auf Bestrafung bedeuten. Und kann bei Betroffenen innere Unruhe und sogar Panik erzeugen, wenn es sich wie Liebesentzug anfühlt, auf einmal mit dem Vornamen statt Schatz und oder Tiger gerufen zu werden. Menschen kommen zu mir in Paartherapie und berichten besorgt vom Verlust der Privatsprache, wenn sie unversehens keine Kosenamen hören und damit der Weichzeichner der Beziehung verlorengeht.

Fazit: Lorenz’ Engel sollte durchaus mal die Flügel ablegen und einfach Melitta sein, eine selbstbewusste Person, die gut und gern auf die durch Kosenamen suggerierte Tugendhaftigkeit verzichten und auch als Melitta durchaus himmlischen Sex haben kann.

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