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Für Mitchell begann die Geschichte, als sie in den 70er-Jahren in Deutschland Produzent Frank Farian begegnete. Sie lebte damals in Hamburg, hatte mit den Les Humphries Singers gearbeitet, war jedoch desillusioniert. "Ich war enttäuscht vom Showgeschäft und dachte, dass das definitiv nicht meine Welt wird", erzählt sie. "Ich wollte wieder studieren gehen. Aber Frank verdrehte mir den Kopf und sagte: 'Geh nicht zur Uni. Bleib bei mir. Arbeite an diesem Projekt mit mir. Ich glaube an dieses Projekt.'" Farian hatte den richtigen Riecher.
Kurz darauf stand sie im Studio und nahm Songs für ein Demo auf, darunter den späteren Megahit "Sunny". Die Plattenfirma war begeistert. Neben Leadsängerin Mitchell wurde die jamaikanische Sängerin und Tänzerin Marcia Barrett für Boney M. - ein Fantasiename ohne Bedeutung - verpflichtet. Auch sie stand für die neue Dokumentation vor der Kamera.
Dazu kamen Maizie Williams aus Montserrat und Bobby Farrell aus Aruba, der mit seinem extravaganten Tanzstil für Furore sorgte. Beide sangen dem Vernehmen nach nicht im Studio. Die männliche Stimme auf den Aufnahmen von Boney M. gehört Farian. "Ohne Liz wären wir ein One-Hit-Wonder geblieben", sagt der Produzent in einem älteren Interview.
Die Band feierte rund um die Welt Erfolge und trat sogar in der Sowjetunion auf. Bei einem Musikfestival in Polen sollte sie ihren Hit "Rasputin" eigentlich nicht spielen. "Aber die Leute wollten es hören", erinnert sich Mitchell. "Am Ende hat niemand gesagt: 'Wir sperren euch ein.'"
Dass der Song Jahrzehnte später durch einen Internet-Trend eine Renaissance erfuhr, amüsiert sie. "Ich glaube, 'Rasputin' schafft es, dass erwachsene Männer tanzen und sich albern benehmen. Ich weiß nicht warum. Es war schon in den 70ern so, als wir das veröffentlicht haben - und dieser Trend ging nie ganz weg."
Das Disco-Phänomen hatte auch Schattenseiten. Farian schickte seine Gruppe pausenlos auf Tournee. Mehrfach habe sie überlegt auszusteigen, berichtet Mitchell im Interview. Das Fotoshooting zum Album "Love For Sale" brachte sie an ihre Grenzen. Die Bandmitglieder sollten nackt in Ketten posieren, wobei Farrell über seinen liegenden Kolleginnen steht und die Ketten hält. Was sexy und exotisch wirken sollte, weckte unangenehme Assoziationen an Sklaverei. "Ich habe bitterlich geweint", erzählt Mitchell in einer Doku über die Gruppe.
Der erfolgreiche Macher Farian hatte das alleinige Sagen - und war der Hauptprofiteur. Mitchell und Co., die Stimmen und Gesichter von Boney M., erhielten nur ihr Gehalt. "Ich dachte, dass ich fair behandelt wurde, bis ich begriffen habe, dass ich total ausgenutzt wurde", erzählt die 73-Jährige im dpa-Interview. "Die Plattenfirma und diejenigen, die hinter Frank Farian standen, sind die Schuldigen. Sie haben entschieden, dass wir es nicht wert waren."
Farian produzierte die Songs und sicherte sich Tantiemen auch für Songs, die er nicht oder zumindest nicht allein geschrieben hatte, etwa "Brown Girl In The Ring", ursprünglich ein jamaikanisches Kinderlied. "Das sind enttäuschende Dinge, die mir das Herz brachen, denn ich habe Frank vertraut", sagt Mitchell.
Farrell, der zuletzt in Russland lebte, starb schon 2010. Farian, der später mit Milli Vanilli und No Mercy große Erfolge feierte, starb 2024. Zu Marcia Barrett und Maizie Williams hat Liz Mitchell keinen Kontakt mehr, seit sie mit den anderen um die Namensrechte stritt.
Mitchell tritt weiterhin mit den legendären Songs von Boney M. auf. Mit negativen Erfahrungen von früher habe sie abgeschlossen. "Es ist vorbei", sagt sie. Heute wolle sie vor allem Zeit mit ihrem Mann, ihrer Familie und ihren fünf Enkelkindern verbringen. "Ich konzentriere mich lieber auf die positiven Dinge im Leben."
(Das Gespräch führte Philip Dethlefs/dpa)
(S E R V I C E - https://boneym-lizmitchell.com )






