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Rabenmutter und Aliens: Der Roman "Schon schwankte die Welt"

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Zweiter Roman von Felicitas Prokopetz
©Eichborn Verlag, APA
Die erstaunlichen kognitiven Fähigkeiten der Krähenvögel sowie ihr bemerkenswert großer Wortschatz sind bereits Gegenstand zahlreicher wissenschaftlicher Publikationen geworden. Die Wiener Autorin Felicitas Prokopetz hat sie nun in das Zentrum ihres zweiten Romans gestellt: In "Schon schwankte die Welt" geht es um den Kolkrabe Toni und die Kognitionsbiologin Viktoria. Sie ist quasi die Rabenmutter und macht erstaunliche Entdeckungen.

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Vor zwei Jahren erzählte Prokopetz, die Philosophie an der Universität Wien und Sprachkunst an der Universität für Angewandte Kunst sowie Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut Leipzig studierte, in ihrem Debüt "Wir sitzen im Dickicht und weinen" generationenübergreifend von Mutter-Tochter-Konflikten und familiären Verhaltensmustern, die nicht durchbrochen werden.

Im neuen Roman fordern zwei Lebewesen immer mehr Platz an der Seite der Mittvierzigerin Viktoria, die - abgesehen von ihrer Freundin, der Linguistin Helene - auch ganz gut alleine auskäme: der Rabe Toni, den sie aufgezogen hat und der nach drei Jahren in Freiheit plötzlich auftaucht und ihre Nähe sucht, und der deutsche Sprachkunststudent Polly, der als Softie und Frauenversteher Viktoria begeistert, und dessen Jugend nur für Viktorias Tochter Lara ein Problem ist: Mamas neuer Lover ist gerade vier Jahre älter als sie.

Das alles ist flott erzählt, und Viktorias Freuden an der neuen Liebe, Diskussionen mit ihrem Lebensmenschen Helene und Auseinandersetzungen mit Tochter Lara sind lebensnahe dargestellt. Doch die Welt soll aus einem ganz anderen Grund ins Schwanken geraten, und ab da schwenkt das Buch ins Fantastische, nimmt der Grad der Unwahrscheinlichkeit mit nahezu jeder Seite zu. Toni benimmt sich seltsam, drückt sich immer wieder an Viktoria und versucht offenbar nicht mit Lauten, sondern mit Temperaturschwankungen zu kommunizieren.

Viktoria und ihre Freundin, die sich sonst mit der rätselhaften Sprache der Etrusker beschäftigt, beginnen einen Temperaturcode zu entschlüsseln, dem offenbar Begriffe und Bedeutungen zugrunde liegen. Polly flippt aus: "Raben und Menschen, die miteinander sprachen, das würde den Lauf der Welt verändern, wäre eine der größten Entdeckungen der Menschheitsgeschichte, vielleicht sogar die größte."

Wirkt schon das wenig systematische Vorgehen der beiden Wissenschafterinnen hanebüchen, so kommt es noch besser: Toni bringt einen seltsamen Gegenstand als Geschenk, eine Art pulsierende Möbiusschleife aus einem unbekannten Material. Sind die Drei am Ende einer ganz großen Sache auf der Spur? Handelt es sich hier gar um Alien-Technologie? Spätestens hier fühlt man sich als Leser verarscht, weiß so gar nicht, was man davon halten soll. Da geht es einem am Ende wie Toni, dem die Autorin einen Epilog schenkt, in dem er sich an seine Ziehmutter, die "Federnwechselnde" wendet: "Wir töricht zu glauben, du würdest verstehen."

(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - Felicitas Prokopetz: "Schon schwankte die Welt", Eichborn Verlag, 204 Seiten, 22,70 Euro)

KÖLN - DEUTSCHLAND: FOTO: APA/APA/Eichborn Verlag

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