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Neues Buch über NS-Romnja- und Roma-Lager in Lackenbach

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Gedenken an Opfer des NS-Terrors in Lackenbach 2025
©Archiv-, Afp, APA, JOE KLAMAR, Themenbild
Das größte Anhalte- und Zwangsarbeitslager für Romnja und Roma im nationalsozialistischen Deutschen Reich wurde im November 1940 im burgenländischen Lackenbach errichtet. Es diente der Zwangsarbeit und war zugleich Ausgangspunkt für Deportationen in Konzentrations- und Vernichtungslager. Das dokumentiert der auf die Geschichte des Burgenlands spezialisierte Historiker Herbert Brettl nun in einem neuen Buch der "edition lex liszt 12".

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Brettls Studie basiert auf umfassenden Recherchen in nationalen und internationalen Archiven und Bibliotheken. Der Autor beleuchtet "historische Wahrnehmungen und Verantwortlichkeiten, den systematischen Nutzen der Zwangsarbeit, die fortgesetzte Diskriminierung der Überlebenden nach 1945 sowie die Entwicklung der Erinnerungs- und Gedenkkultur bis heute." Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Österreich im Jahr 1938 seien "Maßnahmen, die bereits in den 1930er-Jahren und auch davor gegen Romnja und Roma konzipiert worden waren, systematisch umgesetzt worden", analysiert er.

"Zwangsarbeit sowie die Internierung von Romnja und Roma in Zwangsarbeitslagern bildeten zentrale Bestandteile der nationalsozialistischen Politik", schreibt Brettl. Unter dem vorgeschobenen Argument der Einsparung von Fürsorgeleistungen handelte es sich dabei um rassistisch motivierte Arbeits-, Sammel- und Durchgangslager, in denen die Betroffenen unter Gewaltandrohung festgehalten, entrechtet und ausgebeutet wurden.

In Lackenbach wurde am 23. November 1940 das größte Roma-Zwangsarbeitslager im gesamten Deutschen Reich im damaligen Kreis bzw. Bezirk Oberpullendorf, eingerichtet. Es befand sich in einem ehemaligen Meierhof sowie den dazugehörigen Stallungen. Es wurde zu einem "Ort systematischer Schikanen, struktureller Ausgrenzung und erzwungener Arbeit". Außerdem fungierte es als zentrales Durchgangslager für die Deportation Tausender Romnja und Roma in Konzentrations- und Vernichtungslager.

Bei der Befreiung des Lagers gegen Ende des zweiten Weltkriegs im Jahr 1945 trafen sowjetische Truppen noch auf mehrere hundert Häftlinge. Von den rund 12.000 österreichischen Romnja und Roma überlebten aber lediglich bis 15 Prozent die nationalsozialistische Verfolgungs- und Vernichtungspolitik, wie der Autor konstatiert.

Ihr Leiden war damit aber noch nicht zu Ende. Den Überlebenden des Lagers Lackenbach wurde die Anerkennung als Opfer des Nationalsozialismus über Jahrzehnte hinweg verweigert. Brettl verweist in diesem Zusammenhang "auf die Fortdauer rassistischer Vorurteile und gesellschaftlicher Ausgrenzungsmechanismen, die bereits während der NS-Zeit wirksam waren und in veränderter Form auch nach dem Ende der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft Bestand hatten."

Auch in der wissenschaftlichen Forschung und in der historischen Fachliteratur habe das Schicksal der Romnja und Roma über lange Zeit hinweg nur einen marginalen Stellenwert eingenommen, konstatiert der 1965 in Halbturn geborene Pädagoge und Geschichtswissenschafter. Die erste spezifische wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Lager Lackenbach sei erst 1984 durch die Historikerin Erika Thurner erfolgt.

Zahlreiche Dokumente - sowohl aus dem Lager selbst als auch aus den Akten der Kriminalbehörden in Wien - seien gegen Kriegsende "offenbar vernichtet oder beiseitegeschafft." worden, weiß Brettl. "Infolgedessen blieben zentrale Forschungsfragen, etwa zum Aufbau und zur öffentlichen Wahrnehmung des Lagers, zu den unterschiedlichen Formen der Gewalt und der Zwangsarbeit, zur Verantwortung der sogenannten Lagerproponenten sowie zu deren strafrechtlicher Verfolgung oder Nichtverfolgung, lange Zeit unbeantwortet."

Auf Grundlage neu aufgefundener Quellen aus regionalen und überregionalen Archiven sowie aus privaten Sammlungen versuchte der Autor nun, bestehende Forschungslücken zu schließen. Er legte den Forschungsschwerpunkt zudem auf bisher wenig beachtete Aspekte, etwa die Lebensbedingungen im Lager insgesamt sowie die besondere Situation von Kindern und Jugendlichen. "Auch die verschiedenen Formen von Gewalt sowie Möglichkeiten ihrer zeitweiligen Entziehung, etwa durch Flucht, konnten recherchiert werden."

Schließlich richtet der Autor den Blick auf die Wahrnehmung des Lagers durch die lokale und regionale Mehrheitsbevölkerung ebenso wie durch Romnja und Roma, die nicht inhaftiert waren. "Mithilfe eines umfangreichen Bild- und Quellenmaterials wird aufgezeigt, wie sich Stigmatisierung und Ausgrenzung der Romnja und Roma auch nach 1945 fortsetzten, und wie spät eine institutionalisierte Gedenk- und Erinnerungskultur einsetzte."

(S E R V I C E - Herbert Brettl: "Das Lager Lackenbach". Verlag edition lex liszt 12, Oberwart 2026. 300 Seiten; 35 Euro. ISBN: 978-3-99016-319-1. Das Buch wird in den kommenden Tagen mehrmals vorgestellt: Freitag, 10.04.2026, 19 Uhr, Gemeindeamt Lackenbach; Sonntag, 19.04.2026, 17 Uhr, Dorfmuseum Mönchhof; Donnerstag, 07.05.2026, 19 Uhr, Private Pädagogische Hochschule Burgenland in Eisenstadt. Homepage von Historiker Herbert Brettl: www.brettl.at )

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