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Stoll, die auch als Drehbuchautorin erfolgreich ist, sieht vor allem Bachmanns Briefe als Belege dafür, wie langsam, aber gründlich die Kärntner Studentin ihre so intensiven wie irritierenden Erlebnisse in der Hauptstadt, die ihre Traumatisierung durch NS-Zeit und Weltkrieg abzuschütteln versuchte, verarbeitete: "Alles, was Bachmann in ihrem Spätwerk 'Todesarten' zu Fragen von Geschlechtlichkeit und Tod, Sexualität und Sinnlichkeit gedacht und geschrieben hat, erwuchs aus ihren eigenen Erfahrungen als Frau der Nachkriegsgesellschaft. Wie immens sich physische und psychische Gewalt auch nach dem Ende eines Kriegs in Zivilgesellschaften weitertragen kann, hat Bachmann früher als andere zum Thema ihrer Literatur gemacht."
Stoll arbeitet die Ambivalenzen, die immer schon die Beschäftigung mit Leben und Werk der 1973 gestorbenen Autorin, deren Einfluss seit ihrem Tod eher zu- als abgenommen hat, geprägt haben, heraus: "Trotz tiefgreifender Lebenskonflikte, auch und gerade in ihren Liebesbeziehungen, war Bachmann alles andere als ein Opfer. Von Kindheit an mit einer hohen Sensibilität, aber auch mit einer enormen Durchsetzungskraft ausgestattet, wusste sie sehr genau, wie sie ihre Ziele erreichen konnte."
Ihre Beziehungen waren von Anfang an unmittelbar mit ihrem Schreiben verbunden. Von dem um 18 Jahre älteren "Platzhirschen" und Literaturförderer Hans Weigel ("Was er mit Bachmann betrieb, war Machtmissbrauch in emotionaler und künstlerischer Hinsicht.") bis zu dem neun Jahre jüngeren Adolf Opel, mit dem sie nach wenigen Tagen Bekanntschaft eine Ägypten-Reise antritt, sind Partnerschaften selten frei von gewollten und ungewollten Nebenwirkungen in jeder Hinsicht. Eine Spirale von Selbstzweifel, Selbstinszenierung und Selbstzerstörung prägt Bachmanns Leben. Stoll beschreibt Abende des depressiven Rückzugs, die unmittelbar von glanzvollen Auftritten abgelöst werden, die nicht selten in Zusammenbrüchen enden. Und sie deutet an, dass sie in Rom mit zunehmender Medikamentensucht und einer intensiv ausgelebten Vorliebe für "muskulöse Männer, Typ Matrose" dem Freundeskreis schon zunehmend Sorgen bereitete, noch ehe die Nachricht ihres letztlich tödlichen Brandunfalls rasch die Runde machte.
"Von heute aus betrachtet, ist es der Mut, im Schreiben wie im Leben bis zum Äußersten zu gehen, der diese Schriftstellerin so einmalig macht", resümiert Stoll, die dreizehn Jahre nach ihrer ersten Bachmann-Biografie (aus der Teile eingeflossen sind) nun eine lesenswerte Lebensdarstellung und -würdigung vorgelegt hat, die sich auch als Einstieg in die (Re-)Lektüre des Werks eignet. Am Mittwoch stellt sie ihr Buch im Akademietheater im Gespräch mit ORF-TV-Literaturchefin Katja Gasser vor. Es liest Caroline Peters.
(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)
(S E R V I C E - Andrea Stoll: "'Zwei Menschen sind in mir'. Ingeborg Bachmann. Die Biografie", Piper Verlag, 480 Seiten, 26,70 Euro, Buchpräsentation: Mittwoch, 6. Mai, 20 Uhr, im Akademietheater.)
MÜNCHEN - DEUTSCHLAND: FOTO: APA/APA/Piper Verlag






