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Die Mädchen von Glasgow

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Peter Sichrovsky
©Bild: News/Ricardo Herrgott
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Olivia spielt Fußball, seit sie sechs Jahre alt ist. Zu Beginn mit ihrem Vater, später mit ihren älteren Brüdern, bis sie im Hampden Park im Stadtteil Mount Florida, südlich des Zentrums von Glasgow, immer wieder Gruppen von Buben suchte, die Fußball spielten, und fragte, ob sie mit spielen könnte. Manchmal stellte man sie ins Tor oder in die Verteidigung, wo keiner spielen wollte, oder die ungerade Anzahl Spieler machte es notwendig, sie in ein Team aufzunehmen. Als sie zehn Jahre alt war, beobachtete sie der Vater einer der Buben und lud sie ein, in der Klubmannschaft seines Sohnes zu spielen.

„Wochenland trainierte ich mit allen gemeinsam, aber der Coach stellte mich nie auf“, erzählte Olivia, „bis einmal so viele krank und verletzt waren und er mich zehn Minuten vor Spielende eingewechselt musste. In den zehn Minuten schoss ich drei Tore, und unser Team gewann. Auch das half wenig, ich durfte immer noch kaum spielen.“

Meisterschaft

Olivias Vater begleitete sie zu den Spielen, stritt mit dem Trainer, der sie immer noch ignorierte, bis ihm auffiel, dass auch bei anderen Mannschaften ein oder zwei Mädchen mit den Buben spielten. Er sprach mit den Eltern der Spielerinnen. Ihre Töchter hatten alle das gleiche Problem als Außenseiter in den männlichen Teams – gleichgültig, wie gut sie spielten. Bis die Eltern beschlossen, dem Klubmanager des Queens Park Football Clubs, wo bereits eine Frauenmannschaft spielte, vorzuschlagen, die Möglichkeit zu schaffen, eine Mädchen-Mannschaft zu gründen. Der Queens Park Football Club wurde 1867 gegründet und ist der älteste Fußball-Club Schottlands. Gleich neben dem Klub ist das offizielle Stadion der Schottischen Nationalmannschaft.

Eine Mannschaft war schnell zusammengestellt, das Interesse enorm, ein Trainer wurde gefunden, und das Team meldete sich zur Meisterschaft an. Doch es gab zu wenige Mannschaften in der Liga‚ Mädchen unter Zwölf‘ (U12), und in den älteren Klassen durften sie nicht spielen. Der lokale Fußballverband beschloss eine Ausnahme: Das Team Queens Park Ladies U12 durfte in der Liga der männlichen Jugend spielen.

Während vor ein paar Tagen der 4. Meistertitel von Manchester City in der Premier League die Nachrichten auf den Sportseiten dominierte, fand sich fast gleichwertig in allen britischen Tageszeitungen eine weitere Sensationsmeldung: Die Mädchen-Mannschaft Queens Park Ladies U12 hatte die Meisterschaft in der Liga für männliche Jugend gewonnen – ohne auch nur ein einziges Spiel zu verlieren. Am Ende der Saison führte sie mit 58 Punkten, 18 Siegen und vier Unentschieden vor dem mit 42 Punkten Zweitplatzierten.

„Sie lachten alle vor den Spielen“, sagte die Zwölfjährige Isia May, selbstsicher die Fragen der Journalisten beantwortend, als hätte ihr Team eben die Britische Meisterschaft gewonnen, „und wenn sie verloren, waren sie alle wütend.“ Der erste Gegner in der Meisterschaft war Burton, ein erfolggewohnter Klub, der bereits mehrere Male die Liga gewonnen hatte.

Torbilanz

Der Trainer sagte beim Einlaufen der Spieler und Spielerinnen, er fände es nicht richtig, dass Mädchen zugelassen werden, das Spiel sei höchstens gut für die Torbilanz seines Teams. Die Mädchen gewannen 6:0. Das nächste Spiel fand an einem Donnerstagabend statt. Es hatte seit Tagen geregnet. Wieder witzelte der gegnerische Trainer, dass es sich zeigen werde, ob Mädchen auch im Schlamm spielen könnten. Sie gewannen auch dieses Spiel.

„Viele Mütter der Spieler in den gegnerischen Mannschaften“, erzählte Chris Wragg, der Coach des Teams, „begannen, für uns zu applaudieren und vergaßen ihre eigenen Söhne, so begeistert waren sie von unserer Mannschaft.“ Eine der Mütter sagte nach dem Spiel: „Das ist gut für meinen Sohn, einmal gegen Mädchen zu verlieren.“

Trotz des Erfolgs des Mädchen-Klubs ist der Weg zur einer Profikarriere für eine Fußballerin schwierig und mühsam. Männliche Jugendliche werden bereits mit sechs und sieben Jahren von Fachleuten beobachtet, von Sportschulen übernommen sowie mit regelmäßigem Training und medizinischer Betreuung vorbereitet. Katrine Kryger von der Fifa meinte dazu: „Für Mädchen, die Fußball spielen wollen, existieren nur wenige Klassen in den Sportschulen, das interessiert niemanden, bei Mädchen geht es um Turnen und Leichtathletik, selbst die großen Talente unter ihnen spielen ohne Bezahlung in den Vereinen, während selbst zwölfjährige Buben mit größeren Beträgen von Vereinen umworben werden.“

Seit 2018 gibt es professionellen Frauenfußball und er wird immer beliebter, immer mehr Zuseher kommen zu den Spielen. „Dennoch haben die meisten Spielerinnen Tagesjobs und trainieren nur abends und am Wochenende, das hat natürlich einen Einfluss auf die athletische Kondition“, sagt Kelly Simmons, die ehemalige Direktorin der Football Association.

Balltechnik

Mediziner und Trainer beschäftigen sich heute mehr mit den spezifischen Bedingungen des Frauenfußballs. „Frauen wurden bisher wie ‚Mini-Männer‘ trainiert, als sei der weibliche Körper wie ein ‚schwacher Mann‘ gebaut, Frauen können mit dem Muskelaufbau von Männern nicht konkurrieren, doch in den Bereichen Wendigkeit und Schnelligkeit der Bewegungen sind sie Männern überlegen, die nächste Generation von Frauen, die Fußball spielen, wird beweglicher und athletischer sein und bessere Balltechnik haben“, meint Simmons.

Die Sportmedizin versucht, neue Trainingsprogramme zu entwickeln, die den Körperbau von Frauen berücksichtigen und die Technik des Spieles darauf abstimmen. Frauenfußball zeigt die größten Steigerungen bei Zusehern und Werbeeinnahmen von allen Sportarten. Nun hat ihn auch die Wirtschaft entdeckt und beabsichtigt, mehr zu investieren und ihn kommerziell besser zu nützen.

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