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"Hardcore" gegen die Abgestumpftheit: Salò mit neuem Album

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Salò denkt oft jahrelang über Songtexte nach
©APA, HANS KLAUS TECHT
"Ich bin gerade im Internet-Zölibat", sagt Salò im APA-Interview - und meint damit, dass er derzeit, so gut es geht, die Finger von TikTok, Insta und Co. lässt. Was diese Plattformen mit der Gesellschaft machen, darüber singt der Wiener auf seiner neuen Platte "Hardcore". Seine Abrechnung mit Social Media und der Welt überhaupt gießt der 36-Jährige gewohnt in radikal-starke Sprachbilder und einen treibenden Post-Punk-Electro-Clash-Sound. Ab Freitag auch ganz analog zu haben.

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Der Albumtitel ist schnell erklärt. "Wir leben in ziemlichen Hardcore-Zeiten", diagnostiziert Salò. "Gleichzeitig schockt in der heutigen Zeit nix mehr. Du bist durch Social Media den ganzen Tag mit dem konfrontiert, was früher als Hardcore gegolten hat: Mord und Totschlag, Krieg, Leichen, Pornos. Aber wir sind längst habituiert gegen das ganze Übel auf der Welt."

Schon im Opener "Rotten.com" legt es der Künstler ordentlich In-your-face-mäßig an. "Rot ist das Blut und Weiß sind die Knochen, in einem fernen fernen Land. / Ganz allein mit meinem Handy in der Hand, schau ich mir tote Leute an", presst er mit verzerrter Stimme ins Mikro, wie überhaupt Salòs tonale Heimat seit jeher mehr das Schreien denn das Singen ist. "Im Osten explodieren die Kinder / Auf Zalando sind die Nike 90 grad im Sonderangebot" - Abgestumpftheit, verdichtet in einer Songzeile.

"Social Media ist dazu gemacht, dich süchtig zu machen und dein Leben zu zerstören", formuliert es Salò im Gespräch - und gibt gleichzeitig zu, dass er schon rein beruflich auch nicht ohne auskommt: "Es geht nicht anders, weil es meine Promoplattform ist. Wenn du als Künstler nichts auf Social Media machst, wirst du bestraft. Dann findest du nicht mehr statt." In den Songs wird trotzdem abgerechnet. Auch die Stücke "2D", in dem die gewissermaßen viral gegangene Schwarz-Weiß-Denke zerlegt wird, oder "Ich streichle Tauben" können als zynische Kommentare auf eine Gesellschaft zwischen Doomscrolling und Rabbit Hole gelesen werden: "Noch eine Infoslide, noch ein Foto teilen, noch mehr Innereien, noch mal lächeln für die Oma / Ich hätt heute fast den Nahost-Konflikt gelöst, aber mein Handy-Akku war schon wieder leer."

Salò heißt eigentlich Andreas Binder und hat nach zwei EPs 2023 sein Debüt "Subjektiv betrachtet" veröffentlicht, gefolgt vom bisher letzten Album "Problemzone Mensch". Eine fast bellende Stimme, Lo-Fi-produzierter Plastik-Post-Punk und pointierte Lyrics zwischen Konsumkritik, Liebesbedürftigkeit, Verweigerung und Nihilismus sind die Zutaten, mit denen der Wahlwiener auch in Deutschland schon zahlreiche Clubgigs ausverkauft hat. Kurzbeschreibung: Hart, aber herzlich.

Instrument selbst spielt Salò keines, seine Kunst sei "sehr sprachzentriert." Für die Musik sorgt seine Band, die beim neuen Album erstmals sehr in den Klang involviert gewesen sei. "Früher habe ich mit meinem Produzenten und ältesten Kumpel Mathias Garmusch alles alleine gemacht. Der jetzige Sound ist organischer", erzählt er. "Die alten Sachen waren ja alle mit Drum Machine, was diesen Plastiksound ergibt. Das war halt einfach easy zu machen. Inzwischen haben wir echte Drums. Insgesamt ist es ein bisschen mehr Hi-Fi. Das ist einfach ein fetter Sound." Er sei überhaupt der Meinung: "Es ist unser bisher bestes Album."

Neu an Bord ist Gitarrist Hannes "Johnny" Arnezeder, der den bisherigen Kollegen "Mini" ersetzt. Dazu kommen Phillip Prattes am Bass und Max Schey am Schlagzeug. Für die Texte sorgt Binder ganz alleine, wobei strukturiertes Schreiben nicht so sein Ding ist. Ideen oder Satzteile tippt er ins Handy. Bis sie zu Songtexten ausgereift sind, dauert es oft ein paar Jahre - so geschehen auch bei "Rotten.com". Angst vor Plattitüden hat er nicht. "Ich bin wirklich mein allerstrengster Zensor." Wobei eine Plattitüde sei ja "nur eine Wahrheit, die zu oft erzählt wurde". Hingegen neue Klischees aufzudecken sei "die Meisterklasse". Ihm selbst sei das vielleicht im schon älteren Song "Geil auf Betong" (sic!) gelungen, wo es heißt: "Wo gebaut wird, riecht's nach Pisse. Wo der Wind geht, riecht's nach Staub." "Als mir die Line gekommen ist, habe ich mir gedacht: Das ist eine allgemeine Wahrheit", grinst der 36-Jährige.

Mit "Jello Biafra" verneigt sich Salò schon zum zweiten Mal - nach "Universal Punks Fuck Off" als Referenz auf den Song "Nazi Punks Fuck Off" - vor den Dead Kennedys, ist der neue Track doch nach dem Sänger der US-Punkband höchstselbst benannt. "Das war eine meiner Lieblingsbands in meiner Jugend", sagt der Songschreiber. So eine könne es heute wahrscheinlich gar nicht mehr geben: "Sie haben oft satirische Rollen eingenommen und Songs gemacht mit der Sprache eines Rassisten oder Sexisten. Heute ist ja egal, wie was gemeint ist. Sprache wird sanktioniert." Das sei nicht per se schlecht: "Es gibt genug Wörter, bei denen ich gut finde, dass sie aus dem Sprachgebrauch getilgt sind. Aber so eine freie Satire ist eigentlich tot."

Schlicht aus seinen Songs nicht herauszuhören ist, dass der Künstler aus der südsteirischen Kleinstadt Leibnitz gebürtig ist. Man würde ihn eher in der Bundesrepublik verorten. Kann er mit Dialekt gar nichts anfangen? "Ich verabscheue Mundartmusik - im Rap vor allem. Ich kann mir nix Schlimmeres vorstellen. Das ist für mich die Endhölle, das klingt so dumm", redet sich Salò bei dem Thema fast in Rage. Er möge den Austropop, auch Voodoo Jürgens, der mit dieser Sprache spiele, oder Wanda, "bevor sie ihre eigene Parodie wurden". Aber er selbst habe nie so klingen wollen. Und überhaupt: "Steirisch geht gar nicht!" Es ist nämlich so: "Ich lege großen Wert auf die Metrik, und dafür brauche ich eine harte, exakte, pointierte Sprache."

Auch wenn der Mann viel in seinen Liedern zu sagen hat, viel Zeit dafür gibt er sich nicht. Nicht einmal auf eine halbe Stunde Laufzeit kommen die zehn Songs auf "Hardcore" unterm Strich. "Wir sind nicht mehr in den 80ern, wo du einen sinnlosen C-Teil brauchst, den du nur hast, damit du dich dann freuen kannst, wenn er vorbei ist", philosophiert der Musiker. Intro, Strophe, Refrain, vielleicht eine Bridge, Strophe, Outro - so laute sein klassisches Rezept. "Und das bei einer bpm-Zahl von 139. Das ist einfach mein Lebenstakt", lacht er.

Live präsentiert Salò das neue Material auf seiner "Hardcore ist tot"-Tour, die Ende April in Deutschland startet und im letzten Mai-Drittel auch durch Österreich führt - mit Stopps u.a. in Graz, Linz, Wien und Salzburg. Wer schon einmal dabei war, weiß: Die Auftritte des Mittdreißigers sind schweißtreibend, dringlich, exzessiv. Man gerät schneller in einen Moshpit, als man "Apollonia sitzt bei Edeka an der Kassa" - Titel eines frühen Salò-Hits - sagen kann. So ein Energiebündel ist er "nur auf der Bühne, leider". Seine "ein bisschen freche" Stage-Persönlichkeit mag Salò: "Es kommt mir vor, als würde das Freud'sche 'Es' da zutage gefördert - schon noch gemaßregelt von einem Super-Ego. Also mein Leiberl zieh' ich nicht aus. Aber ansonsten ist das mein Urzustand, mein wahres Ich." Abseits der Bühne ist Exzess allerdings kein Thema. Nach einem Konzert geht es gleich ins Hotel. Dusche, Fernsehen, Bett. Er habe für die Band auf Tour Alkoholverbot ausgegeben - "so streng bin ich". Abgesehen davon, dass man verkatert nicht unbedingt besser spiele: "Mich interessiert diese Hangover-Laune nicht."

Wohin soll es mit Salò und der Band noch gehen? Es müsse nicht immer alles größer werden, sagt Binder. Vielleicht hätte er gern eine Wohnung mit einem Zimmer mehr, aber "sonst reicht's eigentlich". "Ich will nie mehr arbeiten gehen, sondern mein Leben lang von der Musik leben können. Das muss das Ziel sein."

(Das Gespräch führte Thomas Rieder/APA)

(S E R V I C E - Österreich-Termine der "Hardcore ist tot"-Tour: 20. Mai: Graz (PPC), 21. Mai: Linz (Posthof), 22. und 23. Mai: Wien (WUK), 27. Mai: Salzburg (Rockhouse), 28. Mai: Innsbruck (Bäckerei), 30. Mai: Dornbirn (Dynamo Festival). www.instagram.com/radikalsoft/ )

Salò (Andreas Binder) am Freitag, 27. März 2026, im Rahmen eines Interviews mit der APA-Austria Presse Agentur in Wien.

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