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Grönland und Bodensee: Der Roman "Das große Eis"

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4 min
Neuer Roman von Sonja Sophie Kreis
©Rowohlt Berlin, APA
Winter, Schnee und Eis haben es der am Bodensee geborenen und in Zürich lebenden Künstlerin und Autorin Sonja Sophie Kreis angetan. Diese Elemente erzeugen jene Stimmung, die im Roman "Das große Eis" ihre Erzählung von Angst, Flucht und Sprachlosigkeit grundiert.

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Als Anna 1963 zur Welt kommt, ist der Bodensee zugefroren. Vielleicht ist es dieser Zufall, dass sie Winter und Kälte mag. Vielleicht aber liegt es auch an ihrem 12 Jahre älteren Bruder Alex. In ihm hat die Seegfrörne eine starke Sehnsucht nach dem ewigen Eis geweckt. Anna war noch ein Kind, als er von zuhause weg nach Grönland fuhr, von wo er nie mehr zurückgekehrt ist. Mehr als vierzig Jahre später macht sie sich auf, um ihn zu besuchen. In ihrem Gepäck reist ein Bild mit, das die Mutter dem Bruder vererbt hat.

In diesem Wintergemälde des Malers Adolf Dietrich verdichtet sich die ganze Familiengeschichte. Es war ein Hochzeitsgeschenk von Annas Vater an die Mutter, doch sie erkannte darin weder das Glück der Ehe noch die Landschaft ihrer Kindheit, den Bodensee. Vielmehr spiegelten sich in den fein abgewogenen Grautönen all ihre Ängste und Enttäuschungen.

Annas Mutter war auf der deutschen Seite des Untersees aufgewachsen. Sie hatte den Krieg durch die Augen des Kindes als eine schreckliche Zeit erlebt. Die Erinnerung war sie nie losgeworden. Ihr Vater, Annas Großvater, hatte einem Freund, dem "Friedensmaler" Otto Marquard, bei der Rettung von Flüchtlingen über den See geholfen. Doch als die Mutter als 19-Jährige 1951 über den See ans Schweizer Ufer heiratete, war sie dort nicht mit offenen Armen empfangen worden. Das Schweigen ihr gegenüber nistete sich in der Familie ein.

Während Anna im grönländischen Ilulissat vergeblich auf ihren Bruder wartet, gehen ihr diese Geschichten und Erinnerungen auf. Und weil sie die Fotokamera, ihr geliebtes Utensil, zuhause gelassen hat, kauft sie sich Schreibhefte. "Der Bleistift erzeugt gleichzeitige Nähe und Distanz zum Film in meinem Kopf."

Schnee spielte indirekt schon in Sonja Sophie Kreis' Prosaband "Kein Schnee in Venedig" (2019) eine Rolle. Eine Japanerin hält darin einen Hagelschauer für sommerlichen Schneefall. Auf raffinierte Weise erzählt Kreis von sieben Personen, die je für sich in eine eigene Geschichte verstrickt sind und deren Wege sich einen Tag lang in den Gassen der Lagunenstadt kreuzen.

"Das große Eis" nun ist der erste Roman der Autorin. Er nimmt dieses kompositorische Geschick auf. Die Erzählerin Anna fügt die verschiedenen Schichten aus Angst und Winter und Eis feinfühlig zu einem bruchstückhaft Ganzen zusammen.

Der Roman ist reich an Geschichten, die von der Kriegszeit erzählen, von der beklemmenden Eheschließung über die Grenze hinweg und von ungleichen Geschwistern, die sich fremd geblieben sind. Auch wenn darin heitere Charaktere vorkommen, wie der Großvater Josef, bleibt der melancholisch winterliche Grundton von Beklommenheit und Wortkargheit bestimmend.

Am Schluss reist Anna aus Ilulissat ab, ohne Alex getroffen zu haben. Vielleicht hält er sich in der unwirtlichen Eislandschaft versteckt, um nicht mit ihr sprechen und sich erinnern zu müssen. Vielleicht hätte sie ihn nach vierzig Jahren auch gar nicht mehr erkannt. Das Bild von Adolf Dietrich lässt die Erzählerin für ihn zurück. Sie selbst aber bewahrt den Drang, all das ans Licht zu holen, was in dem Bild unausgesprochen enthalten ist.

(Von Beat Mazenauer/Keystone-SDA)

(S E R V I C E - Sonja Sophie Kreis: "Das große Eis". Rowohlt Berlin, 256 Seiten, 24,70 Euro)

BERLIN - DEUTSCHLAND: FOTO: APA/APA/Rowohlt Berlin

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