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Am Sonntag in der Burg: Neuer Seethaler-Roman "Die Straße"

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Neuer Roman von Robert Seethaler
Eine "stille Straße im achten Bezirk" zählt zu den Hauptschauplätzen von Ödön von Horváths "Geschichten aus dem Wiener Wald". An sie muss man bei der Lektüre von Robert Seethalers neuem Roman "Die Straße" immer wieder denken. Bloß gibt es in ihm keine Trafik, keinen Fleischhauer und keine "Puppenklinik", sondern ein Antiquariat, eine Blumenhandlung, eine Bäckerei und ein Altersheim. Doch auch hier ist die Menschenfreundlichkeit ebenso zu Hause wie die Niedertracht.

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In Seethalers "Heidestraße" (die der Wiener Leser zunächst irrtümlich als Heinestraße liest und daher in der Leopoldstadt ansiedelt) geht es keineswegs immer friedlich zu. Beim traditionellen Straßenfest, das, wie Anrainer beklagen, in den vergangenen Jahren immer mehr in Besäufnisse ausartete, ist die unterbesetzte Polizei überfordert und wird ein Mann krankenhausreif geschlagen, ein Vorfall, der sich bald darauf unter anderen Vorzeichen wiederholt. Auch strukturell wird Gewalt ausgeübt: Immobilienspekulanten wollen Altmieter verjagen, um Platz für gewinnbringende Investitionen zu schaffen. "Spannende Stadtteilentwicklungsprojekte" mit "unkonventionellen Beteiligungsprozessen" wird das zynisch genannt.

Gewalt äußert sich auch in der Sprache - und so hat Seethaler neben Liebesbriefen auch behördliche Schriftstücke in seinen Fluss von Stimmen und Gegenstimmen eingebaut, die nahezu unverständlich klingen und es wohl auch sein sollen: Bittgesuche, Aktennotizen, anwaltliche Anschreiben. Doch auch die Menschen, die diese Straße bevölkern, erhalten zu ihren Mono- und Dialogen kaum Gestalt und Gesicht. Anders als Horváth, der dazu einen Mikrokosmos aus unvergesslichen Figuren geschaffen hat, geht es Seethaler in seinem Stimmungsmosaik mehr um den Sound, um ein alltägliches Grundrauschen, das an Thornton Wilders Stück "Our Town" erinnert, in dem in einer US-Kleinstadt das Leben mit seinen großen und kleinen Tragödien wie ein ruhiger Fluss an einem vorüberzieht.

Solche Tragödien gibt es auch bei dem 1966 geborenen Wiener Autor, der mit "Der Trafikant" und "Ein ganzes Leben" zwei auch verfilmte internationale Bestseller geschrieben hat und dessen 2023 erschienener bisher letzter Roman "Das Café ohne Namen" im Karmeliterviertel der 60er- und 70er-Jahre spielte. Der Ton ist der gleiche, doch diesmal ist die Verortung weniger präzise, sind die Figuren weniger konturiert. Nähere Bekanntschaft macht man mit einem sich aufopfernden Arzt, einer tragisch verliebten Blumenhändlerin, einem gegen Schädlinge kämpfenden Antiquar, einer übergewichtigen Heimleiterin und von das Abenteuer suchenden Heiminsassen. Das Heim heißt "Haus Abendschein", die einzige Gaststätte der Straße ist das "Südstern". Es gibt Polizei- und Feuerwehreinsätze, Beicht- und Arztgespräche, doch eine rechte Stoßrichtung lässt sich nicht erkennen. "Ich bin immer weniger am Plot interessiert", bekannte der Autor unlängst im "Kurier".

Vielleicht erschließt sich das Buch also doch am ehesten als Horváth-Paraphrase? In "Geschichten aus dem Wiener Wald" hört man in stillen Momenten immer wieder den gleichnamigen Strauß-Walzer auf einem ausgeleierten Klavier klimpern. In "Die Straße" übt die kleine Hannah Zeligman mit ihrem Musiklehrer auf ihrem Waldhorn Jaroslav Kofroňs Concertino für Horn und Orchester. "Manchmal bricht sie ab, und man hört sie weinen. Ich weiß nicht, was schlimmer ist: die verrutschten Töne des Horns oder Hannahs leises Schluchzen in der plötzlich eingetretenen Stille."

(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - Robert Seethaler: "Die Straße", Claassen Verlag. 240 Seiten, 25,70 Euro, Buchpräsentation am 3.5., 11 Uhr, im Burgtheater. Es liest Dörte Lyssewski, Moderation: Thomas Jonigk.)

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