von
Das Cover zeigt ein Bild, das wie von Kinderhand gemalt wirkt: Ein blondes Mädchen klammert sich an ein sich aufbäumendes weißes Pferd. Es ist ein Gemälde der Dänin Mie Olise Kjaergaard, die eine ganze Serie ähnlicher Sujets gemalt hat: Fröhliche Kinder reiten mit fliegenden Haaren auf Elefanten, Leoparden, Pferden oder Fantasietieren. Tatsächlich ist "Gliff" der Name, den ein Geschwisterpaar einem Pferd gibt, das sie vor der Schlachtung retten und auf dem sie ihren Häschern zunächst davonreiten. Es sind märchenhafte und irritierende Details einer Story, die viel Unbehagen bereitet und bei aller Verwaschenheit eine klare Warnung darstellt: So könnte es kommen, wenn ...
... wenn etwa jene Menschen, die auf Bildung und Gemeinsamkeit, auf Solidarität, Gleichberechtigung und gegenseitige Achtung wert legen, unterliegen. Dann werden sie von einer anonymen Kaste von Bestimmenden zu Gejagten, zu "Unverifizierbaren" erklärt, die aufgespürt, gefangen, umerzogen und in Arbeitslager gesteckt werden, wo sie höchst gefährliche Tätigkeiten zu verrichten haben. Theater, Universitäten und Bibliotheken sind nur noch Ruinen, die den Outcasts und Widerstandskämpfern als Unterschlupf dienen, ehe sie abgerissen werden und Gated Communitys weichen müssen. Aus Smartwatches wurden "Edukatoren", die die Online-Überwachung der Bürgerinnen und Bürger sicherstellen. Willkommen in der "Brave New World". Auf Aldous Huxleys 1932 erschienene Dystopie nimmt Ali Smith immer wieder direkt Bezug.
Im Zentrum stehen die Geschwister Bri und Rose, die zunächst mit ihrem Ziehvater Leif in einem Camper herumfahren und offenbar von den Behörden verfolgt werden. "Unverifizierbare", das heißt aus irgendwelchen Gründen als systemfeindlich eingestufte Personen und ihre Häuser werden von Angestellten der Behörden mit roter Farbe markiert und "begrenzt". Leif bringt die Kinder in einem leer stehenden Haus unter und versorgt sie mit einem Konservenvorrat. Er bricht auf, um ihre verschollene Mutter zu suchen, aber die beiden ahnen bald, dass sie künftig auf sich allein gestellt sein werden. Und das ist so schwierig wie gefährlich. Auf die Anmutung eines wilden Sommers der Anarchie, zu dem brütend heiße Frühlingstage werden, weil sich in der Nähe einige Gleichgesinnte und ein verlassenes Grundstück finden, auf dem das Pferd den Kindern Gesellschaft leisten kann, folgt die böse, bittere Realität der Staatsgewalt, die von Ali Smith bloß angedeutet wird. Bri wird umerzogen und - zumindest dem Anschein nach - Teil des repressiven Systems.
"Gliff" betört und verzaubert nicht wie frühere Romane der Schottin, sondern verstört und irritiert. Ihre Geschichte geht unter die Haut und wirkt dort weiter, kribbelt und kratzt. Das begegnet einem auch bei der Lektüre immer wieder: Viele der ehemals "Unverifizierbaren" leiden an schweren Hand- und Hautverletzungen. Sie müssen scharfes, leicht brennbares Material aus alten Batterien kratzen und werden sich selbst überlassen, wenn sie sich verätzen oder Feuer fangen. Dass man dabei an "Fahrenheit 451", den später von François Truffaut mit Oskar Werner verfilmten dystopischen Roman von Ray Bradbury denken muss, ist wohl intendiert.
"Gliff" soll ein schottisches Dialektwort sein, das einen kurzen Moment des Erschreckens bezeichnet, ein unbestimmtes, unangenehmes Gefühl. Ali Smith hat ihm Nachdruck und Nachhaltigkeit verliehen.
(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)
(S E R V I C E - Ali Smith: "Gliff", Übersetzt von Stefanie Jacobs, Luchterhand Literaturverlag, 302 Seiten, 25,70 Euro)




