Latein hat mit Glanz gegen die Ausbildungsbarbarei gewonnen. Jetzt wäre es eine üble Pointe, würde dafür das Fach Deutsch in die Bredouille reformiert.
Bemerkenswert, aber nicht überraschend, wie sich Ihre und meine Befürchtungen überschnitten haben: Wenn das nur kein Pyrrhussieg war, den wir über die ministerielle Plattmachungsoffensive gegen den Lateinunterricht gefeiert haben!
Unbestritten ist, dass Wiederkehr auf Granit gebissen hat. Nur wem die Kosten für die Zahnimplantate umgehängt werden, scheint unklar. Die zwei Stunden „Demokratie und Medien“, um derentwillen die Lateinstunden gekürzt werden sollen, sind ein Luftkonstrukt: Sie müssen gar nicht umgesetzt werden, sondern können auch schulautonom auf andere Fächer verteilt werden. Internen Erhebungen zufolge wird diese Option von so gut wie jedem Direktor gezogen, denn wer wird sich bürokratische Sonderschichten auferlegen, wenn er zu ihrer sinnlosen Umsetzung weder über Personal noch über Räume verfügt?
Der Pinke Christoph
Nach bewährter Methode wurde also der Pinke Christoph, diese Maximalvariante des Schwarzen Peters, an die Schulen delegiert, als der Minister sein Scheitern nicht einbekennen wollte.
ABER, und da wird mir bei Lektüre der ministeriellen Absichten angst und bang: Sogar die Direktorensprecherin Isabella Zins hat bei Bekanntgabe des „guten Kompromisses“ ein „kombiniertes Fach Deutsch und Medien“ in Aussicht gestellt.
Als gäbe es das nicht schon de facto, seit die Bildungsministerin Claudia Schmied 2008 mit Katastrophenfolge die Zentralmatura auf den Weg befördert hat. Seither starrt man mindestens vier Oberstufenjahre lang auf „Textsorten“ (u. a. Erörterung, Leserbrief und Meinungsrede). Sie haben den Literaturunterricht verdrängt und müssen bis zur Debilitätsgrenze in vorgeschriebener Wortanzahl, verbindlich mit Leerzeile zwischen den Absätzen, exekutiert werden.
… und wir sind verloren?
Jetzt noch ein paar Standard-Leitartikel statt Kleist und Brecht, und es geht uns wie dem König Pyrrhos I. von Epirus („Noch so ein Sieg, und wir sind verloren!“). Aber erklären Sie das Politikern der Ausbildungsgeneration Gehrer-Schmied! Deshalb zweifle ich leider entschieden daran, dass die Medienmaterie anhand des Wandsbecker Bothen von Matthias Claudius, der Schiller’schen Horen oder der Neuen Rheinischen Zeitung von Marx und Engels abgehandelt wird (was ein brillanter Ansatz wäre).
Und es könnte noch schlimmer kommen: Der Fokus der Ausbildung soll „stärker auf kompetenzorientiertes Lernen gelegt“ werden. Also „auf die Anwendung von Wissen statt Theorie“.
Ausgebildet statt gebildet
Konrad Paul Liessmann hat das Kompetenzgefasel schon vor zehn Jahren als Systemverhängnis identifiziert: Neoliberales Ausbildungsziel ist es, junge Menschen zur Exekution von Anordnungen zu drillen, die sie nicht verstehen. Warum? Weil sie nicht gebildet, sondern ausgebildet sind. So etwas ist oft schlimm ausgegangen.
Die Lesebücher, in denen noch Partikel von Primärliteratur gesammelt werden, sind schon fast außer Betrieb, ebenso die Literaturgeschichten. Wer so etwas wünscht, muss es selbst bezahlen.
Oder eine Schiller-Ballade, mit Emphase an der Tafel rezitiert: Die Rampensau, die mir heute bei der Moderation von Fernsehmagazinen die Klaue auf die Schulter legt, wurde damals aufgeweckt. Und wer immer sich wo immer bewirbt, wird sich diesem animalischen Kumpanen mit mehr Fortune anvertrauen als einer stumpfsinnigen Textsorte.
Und jetzt lassen wir die Dystopien hinter uns. In der Nobelpreisträger-Petition gegen die Lateinverwüstung verbirgt sich folgender Passus: „Dass das Kulturland Österreich die Literatur systematisch aus dem Bewusstsein rückt, erscheint widersinnig. Deshalb soll ihr der ihr gebührende Platz in den Lehrplänen wieder eingeräumt werden.“
Es gibt Hoffnung
Wiederkehr hat den Proponenten der Petition angeboten, den Literaturunterricht zu stärken, wenn sie in der Causa Latein einlenken. Der Versuch ist misslungen, und der Minister hat auch diesfalls nichts verstanden.
Er wollte die größten Autoren des Landes offenbar bestechen, indem er „Aufwertung der Gegenwartsliteratur“ in Aussicht stellte. So war es aber gar nicht gemeint: Nicht Jelinek und Menasse statt Kleist und Brecht, sondern Kleist, Brecht, Jelinek und Menasse statt Meinungsreden. Darum geht es.
Wie man hört, sind die Textsorten als veraltet und anachronistisch in Abwicklung
Und das sieht nach meinen Informationen gar nicht so übel aus. In den bald zu präsentierenden Deutsch-Lehrplänen sind die „Textsorten“ als veraltet und anachronistisch in Abwicklung (mögen sie durch keine neuen ersetzt werden). Literarische Werke aller Epochen sollen einerseits aus ihrem historischen Kontext verstanden, andererseits in ihrer funkelnden Vielfalt ausgebreitet werden. Bis in die Gegenwart der Poetry Slammer und der Twitterpoesie von Clemens Setz.
Und, man wagt es kaum auszusprechen: Die Materie „Zentralmatura“ wurde aus den Verhandlungen um den Lehrplan ausgegliedert! Das Fach Deutsch aus diesem Ochsengeschirr zu erlösen, um Kreativität und Freiheit des Arguments in den Unterricht zurückzubringen, scheint nicht mehr ganz utopisch. Sollte hier nun das neue Fach „Deutsch und Medien“ die Blutgrätsche versuchen: Die intellektuelle Elite und 41.811 Petitionsunterzeichner sind gerade in Maximalform.
PS. Salzburg, bei Redaktionsschluss
Dass Karin Bergmann die Salzburger Festspiele bis zur Inthronisierung des Nachfolgers übernimmt, ist eine gute Nachricht, vor allem für das Schauspielprogramm des Sommers 2027. Das diesjährige hat der übel aus dem Amt beförderte Markus Hinterhäuser selbst auf fulminante Höhe programmiert, die Oper, nicht Karin Bergmanns Kernkompetenz, ist für zwei Jahre bis in die Details disponiert.
Hinterhäuser wollte die fabulöse Theaterfrau als Schauspielchefin. Umso verwerflicher, dass man ihm daraus den Strick gedreht hat, an dem das Kuratorium jetzt durch die sich anbahnenden Schadenersatzprozesse geführt werden muss.
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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 15/2026 erschienen.







