Peter Klien
©Matt ObserveSeit zehn Jahren konfrontiert Peter Klien Politikerinnen und Politiker mit unangenehmen Fragen. Im Interview spricht er über den Schwitzkasten, ein raueres politisches Klima, die Grenzen des Humors und warum er den FPÖ-Chef nicht schätzt.
Sie wurden schon in den Schwitzkasten genommen, haben King Charles eine Frage gestellt oder haben sich auf das Foto von einem EU-Gipfel geschlichen: Was war das wildeste Erlebnis in zehn Jahren Reporter Außendienst?
Das Wi ldeste war natürlich der Schwitzkasten am Oktoberfest in Hartberg vor drei Jahren. Das ist etwas, mit dem ich einfach bis dahin nicht rechnen musste. Das war schon sehr daneben und unangenehm. Aber ich denke, beziehungsweise ich hoffe, dass die FPÖ aus dem Vorfall gelernt hat. Der EU-Gipfel war natürlich auch sehr aufregend. Wie oft steht man mit den Staats- und Regierungschefs von ganz Europa zusammen vor der Kamera?
Sie sind seit zehn Jahren als frecher Außenreporter unterwegs, 2019 startete die von Ihnen gehostete Late-Night-Satire-Show „Gute Nacht Österreich“. Was hat sich in diesen Jahren verändert?
Da hat sich wirklich vieles verändert. Wir leben in einer Zeit, in der Dinge, die wir als festen Grund und Basis gespürt haben, ins Rutschen kommen. Diese Grundlage, auf der wir stehen, als einzelne Personen, aber auch als Gesellschaft, hat an Stabilität verloren. Die Politik ist beispielsweise sehr viel schnelllebiger und veränderungsreicher geworden und das Personal wechselt auch sehr schnell.
Woran machen Sie das fest?
Man kann ja mitzählen, wie sich die Intervalle zwischen den großen Skandalen oder Dingen, die die Öffentlichkeit erschüttern, verkürzen. Als ich 2016 angefangen habe, war die Flüchtlingsbewegung im Nachhall. Daraufhin schnitt Norbert Hofer bei der Bundespräsidentschaftswahl sehr stark ab, so etwas hat es bis dahin einfach nicht gegeben.
Danach hat Sebastian Kurz den Herrn Mitterlehner gestürzt. Nach den Neuwahlen gab es dann Türkis-Blau, was für viele eine Grenzüberschreitung war. Dann kam das Ibiza-Video und dann kam Corona. Es gibt keine Atempausen mehr, es gibt keine Ruhe. Dieser Eindruck betrifft alle Lebensbereiche, aber in der Politik hat er sich über die letzten zehn Jahre verfestigt. Wir hoffen alle, dass sich das nicht weiter fortsetzt.
Bekommen Sie viele Drohmails und hat sich das in den letzten zehn Jahren verändert?
Es hat sich schon verändert, weil ich über die Jahre immer bekannter geworden bin. Wenn man bekannt ist, ist man automatisch das Ziel für Menschen, die viel Tagesfreizeit haben. Da gerät man schnell mal in die Schusslinie. Ich glaube aber auch, dass das Klima insgesamt rauer geworden ist. Wenn man sich den Umgang auf Social Media anschaut, geht es da schon zeitweise richtig hart her mit den Kommentaren.
Das hat mich aber alles nie wirklich beschäftigt, ehrlich gesagt. Solange die Rückmeldungen in erster Linie positiv sind und ich weiß, dass meine Arbeit von vielen Menschen geschätzt wird, ist das andere, was mir widerfährt, nicht so wichtig, öfters muss ich auch darüber lachen. Wenn sich zum Beispiel eine Frau im Zuge des Kabarettpreises die Zeit und Mühe nimmt, mir zu schreiben, dass sie mich sicher nicht wählen wird.
Sie werden seit Jahren nicht mehr für den FPÖ-Parteitag akkreditiert und Herbert Kickl geht Ihnen aus dem Weg. Finden Sie ihn diesbezüglich feig?
Ja, ich finde ihn diesbezüglich feig. Er hat einfach Angst, dass er verlieren könnte und schlecht aus der Konfrontation aussteigt. Das finde ich feig. Dafür, dass er sonst so um sich schlägt und große Worte spuckt, ist er da relativ still. Das ist man von ihm nicht gewöhnt. Enttäuschend.
Haben Politiker Ihrer Meinung nach eine gewisse Verpflichtung, sich auch satirischen Interviewsituationen zu stellen?
Ich finde Politikerinnen und Politiker haben weniger die Verpflichtung, sich auf Satire als auf kritische Nachfrage einzulassen. Logischerweise steht das noch einmal voran. Dort müssen sie sich für viele Dinge rechtfertigen, und das sind sie dem Volk schuldig. Ich kann verstehen, dass jemand mich oder eine Konfrontation mit Satire vermeiden möchte. Das finde ich feig, wie gesagt. Eine Verpflichtung sehe ich da aber nicht.
Das heißt, Sie finden, niemand ist Ihnen ein Interview schuldig?
Politiker, die besonders frech sind, die sind es mir dann schon schuldig, weil wenn jemand sehr frech ist, dann kann er sich auch Satire aussetzen.
Was ist die Motivation hinter Ihrer Arbeit, worum geht es Ihnen eigentlich?
Unsere Arbeit, ich spreche von wir, weil wir im Team die Sendung machen, zielt darauf ab, dass wir Dinge ans Licht bringen. Einerseits in den Reportagen. Ich zwinge die Politiker und Politikerinnen, den Menschen zu zeigen, weil ich keine 08/15-Phrasen zulasse, sondern in die Begegnung gehe. Das heißt, ich versuche, eine andere Dimension der Wahrheit aufzuspüren und aufzudecken.
Das ist das Ziel dieser Reportagearbeit, die natürlich ein bisschen schräg oder vielleicht sogar blöd daherkommt. Das ist aber schon durchdacht. In der Sendung haben wir die Möglichkeit, Dinge anzusprechen, die vielleicht nicht so viel diskutiert werden. Außerdem arbeiten wir investigativ und präsentieren das in einer unterhaltsamen Form. Das unterscheidet meine Arbeit auch von der seriöser Journalisten.
Warum sollte ich mich über jemanden lustig machen, der sich nicht wehren kann
Wo endet für Sie der Humor? Wo ziehen Sie eine Grenze?
Grundsätzlich endet der Humor dort, wo es nicht lustig ist. Aber natürlich ziehe ich auch Grenzen. Ich würde zum Beispiel als Außenreporter nicht zu Gerichtsterminen hingehen. Weil da geht es oft einmal um viel und das fände ich einfach unpassend.
Es gibt natürlich auch Themen, über die man schwer Witze machen kann. Der Krieg ist so ein Thema. Ansonsten gilt der Grundsatz, dass es Menschengruppen gibt, über die ich mich nicht lustig machen würde. Minderheiten zum Beispiel. Warum sollte ich mich über jemanden lustig machen, der sich nicht wehren kann.
Über wen wollen Sie sich lustig machen?
Mein primäres Ziel sind Machthaber, also Menschen, die über Macht verfügen, und die diese Macht vielleicht missbrauchen und uns Bürgerinnen und Bürger betrügen wollen. Indem sie uns hintergehen oder mit unserem Geld machen, was sie wollen. Das sind lauter Dinge, die wir aufdecken und anprangern wollen.
Was darf Satire?
Satire darf alles, außer langweilig sein und das Strafrecht brechen.
Stephen Colbert reagierte nach Trumps Wiederwahl auf die Frage, ob er sich nicht insgeheim über die Wiederwahl freue, weil er jetzt viel Material für die Sendung habe, wie folgt: „Niemand sagt zu dem Typen, der die Toiletten putzt: Du musst es lieben, wenn jemand explosiven Durchfall hat. Da gibt es so viel Material, mit dem du arbeiten kannst.“ Würden Sie sich diesem Vergleich anschließen, wenn die FPÖ an die Macht kommt?
In letzter Konsequenz muss man natürlich akzeptieren, was bei einer Wahl herauskommt. Das ist mir wichtig festzuhalten. Wenn die Mehrheit der Bevölkerung möchte, dass die FPÖ regiert, dann muss ich das auch akzeptieren und damit umgehen.
Was ich grundsätzlich in keiner Form möchte, ist, dass Menschen an die Macht kommen, die mit dieser Macht schlecht umgehen. Also die Gelder veruntreuen, die Entscheidungen fällen, die für die Zukunft schlecht sind und ein Klima im Land herstellen, das nicht von Harmonie geprägt ist, sondern von Gegensätzen, Misstrauen oder Feindbildern. Ich werde immer gegen diese Politik auftreten und ich werde mich nie freuen, dass ich die Gelegenheit dazu habe, da bin ich natürlich bei Stephen Colbert.
Stephen Colberts satirische Sendung wurde trotz hoher Quoten abgesetzt. Laut CBS beruht die Entscheidung auf wirtschaftlichen Gründen, das ist jedoch sehr umstritten. Haben Sie Angst, dass Ihrer Sendung so etwas Ähnliches passieren könnte?
Diese Angst habe ich natürlich und ich glaube nicht unbegründet. Die FPÖ spricht aus meiner Sicht sehr autoritär. Man müsse in den Medien und im ORF alles umbauen und neu machen. Ich erlebe die Freiheitlichen aber grundsätzlich unterschiedlich. Und es ist halt auch die Frage, welcher Teil sich in der FPÖ durchsetzt.
Ihr Grundsatz lautet: „Wir behandeln alle gleich, gleich schlecht.“ Werden Sie bei den verschiedenen Parteien unterschiedlich willkommen geheißen?
Ich spüre bei den Freiheitlichen schon ein bisschen mehr Zurückhaltung als bei anderen Parteien. Ich muss aber auch wiederum sagen, dass es dort viele Leute gibt, die meine Arbeit mögen und auch darüber lachen können, weil sie finden, dass das dazugehört und verstehen, dass ich alle gleich schlecht behandle.
Das war ja auch das Skurrile an diesem Nachmittag beim Hartberger Oktoberfest: Es hat diesen Übergriff mit dem Schwitzkasten gegeben von einem Bodyguard, der nicht unter Kontrolle war. Es gab aber auch viele wirklich offene Interviews, bei denen die Leute auch gerne mit mir gesprochen haben und lachen konnten. Die FPÖ ist eine wilde Mischung.
Kann man sich von der aktuellen Staffel „Gute Nacht Österreich“ investigative Recherchen erwarten?
Das wollen wir immer liefern, auf jeden Fall. Dadurch, dass wir keine riesige Redaktion haben, können wir nicht Woche für Woche selber recherchieren. Aber wir folgen immer wieder einer Spur und sind im Austausch mit anderen Journalisten und auch Leuten im ORF, die uns Hinweise geben, wo wir dann ein bisschen genauer nachschauen. Also das möchten wir auf jeden Fall machen.

Steckbrief
Peter Klien
Peter Klien studierte Klassische Philologie und Altgriechisch, ist seit 2016 als Außenreporter unterwegs, zuerst für die ORF-Late-Night-Show „Willkommen Österreich“. 2019 bekam er mit „Gute Nacht Österreich“ seine eigene Sendung im ORF, in der er freitags einen satirischen Blick auf das Geschehen in Österreich und der Welt wirft.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 42/2026 erschienen.
