Inspiriert von der Kultur Japans, thematisiert Marielis Seyler in ihren erweiterten, fotografischen Bildwelten Verletzlichkeit und Fragilität – ein serielles Oszillieren zwischen Natur und Frau.
Atelierbesuch bei Marielis Seyler
© VGN | Moritz König
„Trau’ dich ruhig, tritt drauf“, fordert Marielis Seyler bewusst zum vermeintlichen Fehltritt auf. Wiederholt macht sie es vor, um die anfängliche Hemmung zu nehmen. In Anbetracht des Motivs schnellt die Schwelle jedoch nach oben: Im lichtdurchfluteten Atelier in Neulengbach ist ein großformatiges belichtetes Fotopapier mit Paketklebeband am Parkett befestigt – es zeigt ein Kleinkind, das durch das Bild zu krabbeln scheint. Diese bewusste Auseinandersetzung mit Verletzlichkeit, das forcierte Spiel mit Fragilität, ist in Seylers Arbeit immanent.
Ist man im Umgang mit Kunst für gewöhnlich bedachtes Hantieren gewohnt, versteht sich die am Boden fixierte Fotografie hingegen als Aufforderung: „Meine Trampelbilder sind genau darauf angewiesen“, erzählt sie von der Idee hinter einer der zentralen Säulen ihres vielschichtigen Œuvres. Der Schuh des zaghaft auf die Arbeit gesetzten Fußes hinterlässt sogleich Spuren – Schritt für Schritt werden es mehr. „Sehr gut“, gratuliert Seyler mit breitem Grinsen. Inspiration für ihre performativen „Trampelbilder“ fand die Künstlerin – wie für vieles andere auch – während ihrer Zeit in Japan. Sogenannte „Fumie“, was wörtlich so viel wie „Tretbild“ bedeutet, dienten im Nagasaki des 16. Jahrhunderts, zur Zeit der Christenverfolgung, der Überführung ebendieser. Wer die Zugehörigkeit zum Christentum leugnete, musste als Beweis dafür auf ein am Boden liegendes Christusbild treten. Seylers künstlerische Absicht ist hingegen das Aufzeigen unbedachter Leichtfertigkeit menschlichen Handelns, indem sie Menschen – oftmals im Ausstellungskontext – über Fotografien fragiler Objekte oder vulnerabler Wesen gehen lässt. Die hinterlassenen Spuren sind Sinnbild destruktiven Agierens.
Zur Person
Marielis Seyler
wurde 1942 in Wels geboren. In Deutschland aufgewachsen, besucht sie später die Graphische Lehr- und Versuchsanstalt in Wien. Beeinflusst durch zahlreiche Reisen, formt sich ein singuläres fotografisches Narrativ, das sie um malerische Gestaltungselemente erweitert. Die Basis dafür legte ihre Zeit als Gasthörerin bei Rudolf Hausner an der Akademie in Wien sowie die Ausbildung zur Restauratorin.
Das Wesen der Dinge
Ihr Zugang zur Fotografie ist, unschwer zu erahnen, ein unkonventioneller – ihre Kunst ist eine stete Erweiterung des Mediums. So nutzt sie neben unterschiedlichen Bildträgern auch malerische Gestaltungsmittel natürlichen Ursprungs. Daraus ergibt sich eine scheinbar nicht enden wollende Genese, die ihren Anfang in Seylers Kindheit fand: Mit neun Jahren greift sie erstmals zur Kamera. „Ich hatte damals gerade das Buch ‚Bettina – die rasende Reporterin‘ gelesen“, erinnert sich die 1942 in Wels geborene Künstlerin, die damals gerade in Deutschland lebte. Die Protagonistin des Buchs fotografierte für einen Wettbewerb Grashalme. „Diese vielfältigen Blickwinkel auf ein- und dasselbe Motiv haben mich unglaublich fasziniert.“ Fortan betrachtet sie die Welt bloß noch durch den Sucher ihrer Kamera.
Seylers Berufswunsch war spätestens damit besiegelt. Nach sechs Jahren am Lycée in der Pfalz in Deutschland beginnt die Suche nach einer geeigneten Ausbildungsstätte – die Optionen: Wien oder München. „Die legendäre Graphische Lehr- und Versuchsanstalt war einfach die bessere Schule“, begründet Seyler, die mit 16 Jahren zu ihrer Verwandtschaft nach Wien zieht, ihre Entscheidung. „Dort hatte ich das Glück, bei einem genialen Professor gelandet zu sein.“ Während andere Lehrmeister die Fotografie als Handwerk verstanden und als solches lehrten, ging es ihm um den Einfluss von Emotionen. Seyler lernte damit, die Fotografie früh als Kunstform zu verstehen. „Die Abbildung eines Gegenstands war nicht genug – es ging ihm um die Darstellung des Wesens der Dinge.“ Die Bedeutung des Sehens wird immer zentraler: „Das Sehen, die detaillierte Wahrnehmung, ist das, was Kunstschaffende von anderen unterscheidet – das Narrativ ist darauf begründet.“
Reisen verändert Blick und Wesen
Gesehen hat Seyler in ihrem Leben so einiges: Nach ihrem Abschluss lässt sie Wien hinter sich und übersiedelt nach München, wo sie in einer renommierten Werbefilmagentur als Fotografin arbeitet. Nach rund zwei Jahren begibt sich Seyler auf den Weg nach Japan, wo ihr Verlobter einen Managementposten besetzte. Obwohl sie die kommenden drei Jahre ausschließlich für sich selbst fotografierte, hinterlässt die Zeit in Fernost nachhaltige Spuren, die bis heute in ihrer Kunst sichtbar sind – neben der Idee für ihre Trampelbilder findet sie etwa in der „Sumi-e“, der japanischen Tuschemalerei, Inspiration für ihre späteren Fotografien auf Transparentpapier.
Der wehmütigen Rückkehr nach Wien folgen Aufenthalte in Barcelona und Paris. „Das Reisen verändert deinen Blickwinkel und dein Wesen“, zeigt sich Seyler demütig für das Erlebte. „Du wirst offener und empfänglicher für das Unbekannte und beginnst, deine Skepsis zunehmend abzulegen.“


Zerrissen. Die Serie zeigt Seylers Thema der fragilen Frau
Vom Ende und Neustart
Während der Zeit in Paris scheitert Seylers Ehe. Mit der gemeinsamen, mittlerweile 3-jährigen Tochter kehrt sie zurück in die Pfalz. Alleinerziehend und auf der Suche nach einem Job, um für den Lebensunterhalt aufzukommen, findet sie Hilfe in ihrer Nachbarschaft – bei niemand Geringerem als Georg Baselitz. „Schorsch wohnte im Nachbarhaus meiner Eltern“, berichtet sie von langer Freundschaft. „Er hatte mir immer beigestanden und als ich ihm damals von meiner Trennung erzählte, saß gerade Markus Lüpertz bei ihm am Tisch.“ Folglich überlegte man zu dritt nach beruflichen Optionen. Auf Anraten der beiden Künstler bewarb sich Seyler ob ihres sprachlichen Repertoires – das neben Deutsch auch Englisch, Französisch, Spanisch und Japanisch umfasst – als Galeristin in deren Galerien. Die Wahl fiel auf Lüpertz’ Galerie Onnasch, dem damaligen Dreh- und Angelpunkt zeitgenössischer Kunst. „Wir waren damals die Ersten, die Warhol im deutschsprachigen Raum zeigten – am Markt herrschte absolute Aufbruchstimmung“, berichtet sie von intensiver Auseinandersetzung mit Gegenwartskunst. Die Fotografie legte sie dazu gänzlich ad acta: „Ich war ständig unterwegs und hatte eine kleine Tochter – da blieb einfach keine Zeit.“
Die Kunst als Weckruf
Erst Jahre später, als Seyler wieder nach Wien übersiedelt war und gerade Hugo Portischs Erfolgsserie „Österreich II“ managte, griff sie erstmals wieder zur Kamera. Das war im Jahr 1984: „Ein befreundeter Kollege hatte mich damals motiviert, mich wieder der Fotografie zu widmen“, so Seyler. Die Küche wird kurzerhand zur Dunkelkammer. „Meine Tochter war total begeistert.“ Und sie war es auch – wieder.
1985 lernt Seyler ihren heutigen Mann kennen, der fortan zu ihrer größten Stütze wird. „Er hat meine Kunst immer zu schätzen gewusst und sie dementsprechend gefördert.“ Gemeinsam ziehen die beiden nach Neulengbach und verwandeln ein leer stehendes Fitnesscenter in deren mit Licht geflutetes Eigenheim. Mit dem Einzug fällt Seylers Entschluss, sich mit Ausschließlichkeit der Fotografie und damit ihrer Kunst, die sie sich zunächst mit Jobs als Restauratorin finanzierte, zu widmen. Inspiriert von Joseph Beuys’ Aktion „Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt“ steht der Protagonist ihrer ersten Serie fest. Ein befreundeter Jäger hilft aus – der wortwörtliche Startschuss einer immerwährenden Schaffensobsession ist damit gefallen. Sechs Tage verbringt Seyler im künstlerischen Dialog mit dem toten Tier und findet darüber direkt in eines ihrer zentralen Themen: die Natur, deren Zerstörung sie über Jahre hinweg schweigend beobachtet. Die Fotografie bietet schließlich das perfekte Medium, um diesem Schweigen ein Ende zu setzen: „Bereits als Kind bin ich immer in Resonanz mit der Natur gegangen – habe im Garten meiner Eltern die Elfen der Blumen, von denen mir meine Großmutter immer erzählt hatte, gesehen und sogar mit ihnen gesprochen.“ Natur, Tier oder Mensch leiden zu sehen, widerstrebe ihr. „Wenn jemand eine Pflanze abknickt, verspüre ich Schmerz“, deutet sie auf ihren Wohndschungel, der hier über die letzten 30 Jahre herangewachsen ist. Durch ihre fotografischen Inhalte, die ihr künstlerisches Narrativ formen, möchte sie anregen: „Meine Kunst ist ein Appell, Rücksicht auf die Natur, aber auch auf unsere Mitmenschen zu nehmen –, damit es gar nicht erst zu jedweder Verletzung kommt.“


Blauer Hügel mit Baum. Die mittels blauer Kreide erweiterte Fotografie auf Transparentpapier zeigt Seylers Auseinandersetzung mit der Natur
Kein Ende in Sicht
Diese Auseinandersetzung mit Verletzlichkeit ist es, die eine jede ihrer Serien – die zwischen den Themen Natur und Frau oszillieren – als Konstante begleitet. Ihre seriellen Motive brauche sie als „ständige Beobachterin“ nicht zu suchen. „Sie finden mich“, erzählt sie von der magischen Anziehung der Dinge, die sie fotografiert. Deshalb folge sie auch keinem Konzept: „Ich plane nicht, die Bilder passieren – von Reisen, wie etwa der Islandserie STILLNESS, abgesehen.“ Dass ihre Serien zumeist aus wenigen Teilen bestehen, sei Folge des gezielten Fotografierens – „das macht es hinterher einfacher.“ Nicht selten bestehen sie aus gerade einmal drei Teilen. Um vieles zu sagen, reiche oftmals wenig: „Ähnlich einem Haiku, einem japanischen Kurzgedicht“, referenziert sie wiederholt auf ihren frühen Einfluss aus Fernost.
Apropos Fernost: Anfang April stellt Seyler, die ihre Bilder bereits unter anderem in Köln, Prag, Paris, New York, Chicago und Los Angeles präsentierte, in Peking aus. Sie selbst wird allerdings nicht nach China reisen. „Ich habe genug Zeit meines Lebens reisend verbracht“, so die 83-Jährige. Außerdem sei ihr das Reisen mittlerweile zu anstrengend. „Ich bin eine alte Schachtel“, lacht sie. Ihr Alter sieht man ihr nicht an. „Aber ich spüre es – ich bin müder als noch vor einigen Jahren.“ Mit der verbleibenden Zeit müsse man deshalb weise haushalten: „Ich nütze sie lieber für das, was ich wirklich gerne tue – Fotografieren.“ Und ein künstlerisches Ende ist glücklicherweise keines in Sicht: „Das geopolitische Geschehen fördert ein neues, mir unbekanntes Gefühl zutage – das muss ich erst einordnen und hoffe, es später durch meine Arbeit zugänglich machen zu können. Schließlich will ich Mitfühlende haben. Nicht bloß schöne Kunst machen.“
KUNSTTIPP
Ausgewählte Werke von Marielis Seyler sind in der Lukas Feichtner Galerie (1., Seilerstätte 19) zu sehen.
Ab 4. April wird Seylers Arbeit außerdem in der XYZ Gallery in Peking präsentiert.







