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John Logie Baird und die Erfindung des Fernsehers

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John Logie Baird

©APA-Images / Science Photo Library / IML

Der Schotte baute vor 100 Jahren den ersten funktionierenden mechanischen Fernseher und gilt damit als Pionier der drahtlosen Bildübertragung.

John Logie Baird wurde 1888 als viertes und jüngstes Kind des Pfarrers John Baird in Helensburgh geboren, einer schottischen Kleinstadt im Norden von Glasgow. Als Kind experimentierte er bereits mit Fotografie, Elektrizität und dem Telefonsystem, baute mit 13 Jahren eine Beleuchtungsanlage im Haus seiner Eltern und schuf eine Telefonvermittlung für Nachbarn und Freunde.

An der Universität in Glasgow studierte Baird Elektronik, wurde wegen gesundheitlicher Probleme zu Beginn des 1. Weltkriegs nicht zum Militär einberufen und arbeitete während des Kriegs in einem Elektrizitätswerk.

Von widerstandsfähigen Socken zum „Drahtlosen Sehen“

Nach dem Studium versuchte Baird, mit teils skurrilen Ideen eine wirtschaftliche Existenz aufzubauen, entwickelte besonders widerstandsfähige Socken, nannte sie „Baird-Socken“, und begann in Trinidad mit der Herstellung von Marmelade. Nach zahlreichen gescheiterten Projekten ­kehrte er 1922 nach Schottland zurück.

Baird war ein Erfinder mit Kreativität und Fantasie, kein Wissenschafter, und auch kein Geschäftsmann. Kommerzielles Scheitern trotz sensationeller Ideen und Entwicklungen verfolgte ihn sein Leben lang. Er probierte, untersuchte, tüftelte, verfolgte hartnäckig seine Ideen, bis eines der vielen Experimente, an denen er oft gleichzeitig arbeitete, tatsächlich die Welt veränderte – das „Drahtlose Sehen“, die Entwicklung des Fernsehens.

Der „verrückte Professor“

Vor 100 Jahren, im Jänner 1926, gelang es Baird in einem kleinen Raum der Royal Institution in London vor ausgewählten Gästen und Vertretern der Presse, die unscharfen Umrisse eines Menschenkopfs auf einen selbst gebastelten Bildschirm zu übertragen. Das schottische Genie hatte ein Gerät geschaffen, das Bewegungen in elektrische Signale verwandelte und sie über eine Distanz drahtlos sichtbar machte – das erste Fernsehbild.

Die Presse war begeistert. Der „verrückte Professor“, den keiner ernst genommen hatte, plötzlich der gefeierte „Zauberer aus Schottland“. Ein Jahr später gelang Baird, ein TV-Signal von Glasgow nach London zu überspielen. 1928 die erste Übertragung über den Atlantik in die USA.

Seine Entwicklung ist mit heutigen TV-Systemen nicht vergleichbar. Sie wird als „Mechanische Ära“ des Fernsehens – 1920 bis 1930 – erfasst. Grundlage war eine rotierende Scheibe mit spiralförmig angeordneten Löchern, durch die ein Licht­strahl das Objekt abtastet.

Zusammenarbeit mit der BBC

Bereits im Juli 1923 registrierte er das erste Patent und bot es der BBC an, die es jedoch ablehnte. Im Herbst 1924 kam es zu einer gewaltigen Explosion in seiner Werkstatt in Helensburgh, die Kleinstadt hatte genug von seinen Experimenten. Er zog nach London, wo ihm im Januar 1926 die berühmte Präsentation gelang. Jetzt war die BBC bereit, mit Baird zusammenzuarbeiten, übernahm seine Forschungsergebnisse und verbesserte das Baird-System mit eigenen Technikern.

Am 14. Juli 1930 konnte „Der Mann mit der Blume im Mund“ von Pirandello als erstes Theaterstück im britischen Fernsehen übertragen werden. Von 1930 bis 1935 sendete BBC mit dem von Baird entwickelten Verfahren, auch die Berliner „Fernseh-AG“ arbeitete mit dem Baird-System.

Durchbruch der Braun’schen Röhre

Mitte der 1930er-Jahre setzte sich jedoch die Braun’sche Röhre durch. Entwickelt von Karl Ferdinand Braun, einem deutschen Physiker (1909 Nobelpreis für Physik), adaptiert für TV von Manfred von Ardenne und Walter Bruch.

Damit begann die zweite Phase der Fernseh-Entwicklung – die elektronische Epoche. Die BBC bot am 2. November 1936 als erster TV-Sender weltweit ein regelmäßiges Fernsehprogramm auf der Grundlage des elektronischen Systems an – das mechanische System von Baird wurde damit ersetzt.

Die nächstfolgende TV-Epoche war das Kabel- und Satelliten-Fernsehen (1980-1990) mit der Gründung von Privatsendern wie RTL, ProSieben und Sky. Bis auch diese Periode durch die Digitalisierung ab 2000 und durch Streaming und Internet ab 2010 abgelöst wurde.

Farbfernsehen und Video-Aufzeichnungen

1936 trennte sich die BBC wirtschaftlich von Baird und beendete die Zusammenarbeit. Baird experimentierte weiter in seiner Werkstatt mit neuen Ideen – an der Wiedergabe von Farben im Fernsehen und den ersten großen Bildschirmen. Er entwickelte das Intermediate-Film System für Militärflugzeuge – Filmaufnahmen wurden sofort entwickelt, getrocknet, per Fernsehen abgetastet und in Echtzeit übermittelt. 1937 präsentierte er das erste Farbfernsehen auf einer 4x3 Meter großen Leinwand. Mit der mechanischen „Phonovision“ schuf er die Grundlage der Video-Aufzeichnungen.

Doch die Öffentlichkeit ignorierte seine Erfindungen, sein Name verschwand aus den Medien, und er scheiterte wie in vergangenen Jahren mit der wirtschaftlichen Nutzung seiner Ideen. Geschäftspartner betrogen ihn, nutzten seine Kreativität und wurden reich mit seinen Erfindungen. Baird, oft weltfremd und gutgläubig, schlitterte immer wieder in finanzielle Krisen. Sein Unternehmen – einst das wichtigste und erfolgreichste in der Entwicklung des Fernsehens – musste wegen Zahlungsunfähigkeit geschlossen werden. Er zog nach Bexhill, einem verschlafenen Ort an der Südküste Englands, krank, verarmt, verzweifelt und vergessen. 1946 starb er, er war 57 Jahre alt.

Visionär und Wegbereiter

Baird war nicht der alleinige Erfinder des Fernsehens, eher ein Visionär und Wegbereiter, dessen Ideen und Entwicklungen eine weltweite Neugierde, Begeisterung und wirtschaftliches Interesse auslösten. Fernsehanstalten gehören heute zu den mächtigsten Unternehmen der Informations- und Unterhaltungsindustrie.

In den letzten Jahren – bald 80 Jahre nach seinem Tod – begann man, sich seiner wieder zu erinnern. Die großen Fernsehpreise von Australien – die Logie Awards – sind nach John Logie Baird benannt. In der Umfrage der BBC nach den 100 bedeutendsten Briten belegt Baird den 44. Platz.

Am 26. Januar 2017 wurde Baird durch eine Gedenktafel in London geehrt. Die Tafel befindet sich an dem Gebäude, in der Frith Street 22, in dem Baird am 26. Jänner 1926 seine Erfindung vorgeführt hatte.

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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 1+2/2026 erschienen.

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