In ihrem Œuvre – einem multimedialen Oszillieren – geht Eva Schlegel an Grenzen: Sie lotet aus, überwindet und lässt verschwimmen. Damit eröffnet sie Räume und neue Blickwinkel. Zu erleben in der aktuellen Ausstellung „Falling up“ im Kunsthaus Graz.
Video: Atelierbesuch bei Eva Schlegel
© VGN | Osama Rasheed
„Siehst du, was ich meine“, deutet Eva Schlegel in Fahrtrichtung des „Travelators“. Noch ehe der Fahrsteig den „Space01“ – die zweite Etage im Kunsthaus Graz – erreicht, eröffnet die um ihre eigene Achse rotierende Spiegelinstallation „floating orbit“ ungeahnte Perspektiven. Für einen kurzen Augenblick lässt sie einen fragmentierten, flüchtigen Blick auf das entgegengesetzte Ende der großen Ausstellungsfläche erhaschen. Und macht damit Lust auf mehr: Als Endstation des „Travelators“ markieren die sich ineinander drehenden, großen Spiegelorbitale den Auftakt der Ausstellung „Falling up“ – ein künstlerisches Aufheben der Schwerkraft. Die Installation ist Ausgangspunkt einer Umlaufbahn, die Besucherinnen und Besucher durch Schlegels künstlerischen Kosmos führt und sie sogleich inmitten dessen willkommen heißt. Denn die Spiegel dienen hier keinesfalls dem Nachweis individueller Existenz: Eindrucksvoll erweitern sie den Raumbegriff und damit, Schlegels künstlerischem Bestreben folgend, die individuelle Wahrnehmung.
Die Spiegelinstallation „floating orbit“ fragmentiert Räume und regt an, die Raumwahrnehmung und sich selbst zu hinterfragen.
Kosmos der Kunst
Doch was war es, das der kurze, rätselhafte Spiegelblick hat wahrnehmen lassen? Wie selbstverständlich weist die große Ausstellungswand den Weg in Richtung des Rätsels Lösung. Wobei: Selbstverständlich scheint hier nichts. Die schwarze und per se wandlose Kuppelblase der Architekten Peter Cook und Colin Fournier birgt in puncto kuratorischer Inszenierung so manche Herausforderung. „Wände in einem derart sphärischen Raum bleiben immer ein Fremdkörper – die Aufgabe liegt darin, dass sie dich leiten, dabei aber keinesfalls spürbar sind“, führt die Künstlerin entlang des besagten Bauteils, das sie gemeinsam mit ihrer Architektin Valerie Messini geplant hat. Ihren Zweck erfüllend, leitet die Ausstellungswand entlang von Schlegels „liminal spaces“ und Schriftbildern auf Glas, die sich beide ihres künstlerischen Konzepts der Unschärfe bedienen. Außerdem zeigen Videos endlos Fallender die Abgründe der Schwerkraft.
Vorüber an wolkenförmigen Sitzmöbeln mit verspiegelter Oberfläche – die ein eigenes Gravitationsfeld zu haben scheinen, Betrachtende förmlich anziehen und zur Interaktion animieren – geht es weiter zu einer der trichterförmigen „nozzles“. Dort, wo das Bauteil im Kunsthaus für gewöhnlich den Blick auf den Grazer Schlossberg eröffnet, ist die Aussicht eine weitere: Die Software „SpaceEngine“ erlaubt die Echtzeiterkundung des gesamten Universums. Während vis-à-vis – teils verdeckt von riesigen und von innen beleuchteten Ballons – die abstrahierende Arbeit „Dance of Chance“ die von Alan Turing beschriebene Formel zur Berechnung der Musterbildung aller Lebensformen visualisiert: Entlang eines 15 Meter langen LED-Paneels schlängelt ein sich permanent wandelndes Formengeflecht, das Schlegel gemeinsam mit Damjan Minovski realisiert hat und das sich mit Einbruch der Dunkelheit in modifizierter Darbietung auf der ostseitigen BIX-Fassade des Museums von Graz aus erleben lässt.
Von Wurzeln und Referenzen
Obwohl Raum und Zeit seit Albert Einstein untrennbar miteinander verwoben sind, scheint Zweiteres bei Erkundung des Ersteren in der Ausstellung vergessen: Jegliches Zeitgefühl verloren, lüften am Ende der Ausstellungsfläche schließlich drei Rotoren unterschiedlicher Größe das anfängliche Geheimnis. Die rasche Rotation lässt die einzelnen Blätter zu einer Fläche verschmelzen – darauf projiziert die Künstlerin Videos fallender, schwebender und fliegender Menschen in Straßenkleidung. Damit erreicht das Oxymoron im Ausstellungstitel „Falling up“ einen weiteren Höhepunkt.
Ein Jahr haben die Vorbereitungen zur Ausstellung laut Schlegel gedauert. Relativ. Denn das Konzept der mittels Videomaterials bespielten Rotoren datiert auf das Jahr 1985: Im Rahmen ihrer Diplomarbeit an der Angewandten in Wien projiziert die gebürtige Tirolerin damals ein auf „Super 8“ aufgenommenes Video eines rotierenden Ventilators auf einen ebenfalls rotierenden Ventilator. Damit schließt sich in der Ausstellung nicht bloß ein Kreis: Vor allem vermittelt sie einen gelungenen Querschnitt durch die Gesamtheit Schlegels künstlerischen, über 40-jährigen Schaffens, dessen Wurzeln in früheste Kindheit reichen. Als eines von vier Geschwistern wächst sie in einer Großfamilie auf: „Um dem Trubel zu entkommen, habe ich mich mit Stift und Papier in meinem Zimmer eingeschlossen“, erinnert sich die heute 66-Jährige. Dort eröffnet sich für Schlegel ihr erster höchstpersönlicher Raum. Erweiterung findet dieser in der Literatur: „Ich habe immer gerne gelesen“, sinniert die Künstlerin, die später mit ihren abstrahierten Schriftarbeiten reüssieren wird. „Das hat mir Bilder und ganze Welten im Kopf erschlossen.“ Schlegels Kunstbegriff ist demnach schon früh ein weit gefasster; ein intermedialer. Das Spannende: „Niemand entwickelt zu einer Geschichte ein und dieselbe Vorstellung.“ Dieser subjektive Vorstellungsraum formiert ein Fundament künstlerischer Auffassung, das ihr fortan als Ausgangspunkt dienen soll. Eine Schaffensbasis, von der aus sie sich immer weiter geistige, immaterielle Räume erschließt, die heute bis in die dynamischen Weiten der Augmented Reality reichen.
Schegels frühe Lackmalerein, bestehend aus rund 40 Schichten Lack, stehen geradezu sinnbildhaft für ihren künstlerischen Zugang: "Irgendwann kommt der Punkt, an dem sich das Mittel erschöpft – größer nicht mehr möglich ist oder mehr einfach nicht geht. Dann beginne ich, mich nach Neuem umzuschauen oder Umwege über andere Disziplinen einzuschlagen.“
Zwischen Ankunft und Aufbruch
Der Weg dahin war jedoch ein langer: Bekräftigt durch ihren Zeichenlehrer, wächst früh der Drang nach Entfaltung – mit 15 Jahren ist der Berufswunsch besiegelt. Aufgewachsen in einem wirtschaftlich orientierten Elternhaus, stößt sie zunächst auf väterlichen Widerstand. Mit Vehemenz leistet sie jedoch erfolgreich Überzeugungsarbeit und findet den Kompromiss in einem begleitenden Lehramtstudium, das sie letztlich nie antreten wird. Tirol verlässt sie indes mit einem klaren Ziel: die Angewandte in Wien.
Doch gerade der Anfang in Wien sei hart gewesen: „Ich war total enttäuscht“, erzählt sie. „Es war selten jemand in der Klasse. Auch Oswald Oberhuber war nur einmal die Woche da – im Grunde war man auf sich selbst zurückgeworfen.“ Retrospektiv ein Vorteil, den sie während ihrer Zeit als Professorin an der Akademie auch ihren Studierenden zuteil werden lässt: „Daraus resultiert ein enormer Freiraum, der für die künstlerische Genese essenziell ist.“ Sie selbst haut jedoch nach gerade einmal zwei Jahren an der Angewandten ab: „Mit zwei Freundinnen bin ich nach New York – ich war schon immer eine Suchende.“ Ein halbes Jahr sucht sie in Übersee, das damals von einer Welle an europäischer Kunst überflutet wird, nach einer Antwort auf die Frage: Was ist Kunst? Den Plan, in der Stadt der Träume Fuß zu fassen, verwirft sie rasch. „In der „New York Times“ habe ich gelesen, dass es 90.000 Künstlerinnen und Künstler gibt – alleine in Manhattan.“ Tagsüber als Tellerwäscherin Geld zu verdienen, um nachts kraftlos der Kunst frönen zu können, erschien Schlegel wenig attraktiv. Der „American Dream“ zerplatzt, noch ehe er beginnt. Zudem lehrt sie die generalisierte Andersartigkeit der fremden Ferne, das eigene Zuhause besser zu verstehen. „Ich bin also zurück nach Wien und habe – ohne nach links oder rechts zu schauen – mein Diplom durchgezogen.“
Mediales Oszillieren
Währenddessen entwickelt sich Schlegels Multimedialität – einer künstlerischen Ein- bzw. Zuordnung entzieht sie sich damit früh. Der experimentelle Zugang sei ihr in die DNA geschrieben; etwas Intrinsisches, das danach strebt, gelebt zu werden. Sich festzulegen, war hingegen nie Option: „Irgendwann beginnst du“, holt sie aus, um ihre stete Progression zu erklären. Und setzt nach: „Zunächst mit einem Medium. Dann arbeitest du weiter, entwickelst deine Arbeit und analog dazu auch dich immer weiter. Irgendwann kommt der Punkt, an dem sich das Mittel erschöpft – größer nicht mehr möglich ist oder mehr einfach nicht geht“, erinnert sie sich an ihre frühen Lackmalereien, die sie aus bis zu 40 Schichten aufgebaut hat. „Das ist dann der Moment, an dem du einsehen musst, dass du in diesem Medium nicht mehr weiterwachsen kannst – der Augenblick, in dem ich beginne, mich nach Neuem umzuschauen und Umwege über andere Disziplinen einzuschlagen.“ So führe das Eine letztlich zum Anderen. Das Wichtigste sei, sich niemals zu langweilen: „Deshalb suche ich immer nach Dingen, die mich in Spannung halten – die mich animieren, weiterzugehen und weiterzuforschen.“
Schlegels lithografische Serie Tsunamis lotet drucktechnische Grenzen aus und ist Sinnbild für ihr experimentelles Agieren am Rande des Machbaren.
Ein alchimistisches Forschen, dessen großzügiger Rahmen in Schlegels vielfältigem Interesse begründet ist, in dem Konzept auf Emotion trifft, sie mediale Grenzen auslotet, überwindet, verschwimmen lässt und Materialien an das Äußerste des Machbaren treibt. Etwa in ihrer Werkgruppe der Tsunamis, die weniger aus dem Drang der biografischen Aufarbeitung ihrer Erlebnisse 2004 auf Sri Lanka resultiert, sondern mehr aus Interesse an den Grenzen des Prozesses der Lithografie: „Damals habe ich gerade mit meinem Lithografen an einer Edition gearbeitet, als er den großen Lithostein mit Wasser und Schleifpulver beschliffen hat, um das vorherige Motiv darauf verschwinden zu lassen.“ Das Geräusch, das verwendete Wasser und die rhythmische Gestik der Bewegung evozieren in Schlegel letztlich Erinnerungen an Erlebtes. „Hinzukommt, dass das sich daraus ergebende wellenartige Muster an die Urkraft der Meere erinnert – da war klar: genau das will ich!“ Gemeinsam mit ihrem Lithografen Kurt Raich forscht sie schließlich an einem Weg, um das zunächst Unmögliche möglich zu machen. Am Ende gilt: Geht nicht, gibt’s nicht. „Wobei, ganz stimmt das natürlich nicht“, so Schlegel. „Scheitern gehört nicht bloß dazu – es ist von enormer Wichtigkeit.“ Es öffne neue Blickwinkel jenseits des Tellerrands.
Mittels Unschärfe abstrahiert Schlegel ihre Motive und schärft den Blick für das Wesentliche – die Wahrnehmung.
Raum: ein narrativer Nenner
Selbst hinsichtlich ihrer Karriere war das allgemeine Scheitern durchaus einmal Option – wenn auch keine wünschenswerte: „Ich habe mir damals gesagt, wenn ich bis zu meinem 30. Geburtstag von meiner Kunst leben kann, mache ich weiter. Andernfalls wäre ich heute wohl Bäckerin, weil mich das frühe Aufstehen nie gestört hat. Oder Lkw-Fahrerin. Ich habe damals extrem viel und gerne geraucht – das rauchende Dasein in der Lkw-Kabine hatte da durchaus Romantisches.“
Das Rauchen hat sie längst aufgegeben, die Kunst ist ihr glücklicherweise geblieben. „Auch, wenn es immer mal wieder schwere Zeiten gab, war relativ früh klar, dass es sich finanziell ausgeht.“ Bereits während der 80er- Jahre reüssiert Schlegel international – 1988 etwa im Rahmen der Biennale of Sydney – mit ihren Gips- und Bleiarbeiten: Sie beginnt zunächst, nassen Gips mit Graphit vollzuzeichnen. Aufgrund der skulpturalen Anmutung der Werkserie verlässt sie einerseits den klassischen zweidimensionalen Raum des Tafelbilds, lotet durch die schwarzen Vertiefungen im Gips aber auch das Dahinter, das Immaterielle, aus. Ein narrativer Nenner, der die Multimedialität in Schlegels Œuvre seit jeher eint, entwickelt sich.
Anfang der 90er entwickelt Schlegel das Konzept ihrer unscharfen Texte. 1995 reüssiert sie damit im Rahmen der Biennale die Venezia – die Gestaltung der Fassade des Hoffmann-Pavillons wird außerdem zur ihrer ersten Intervention im öffentlichen Raum.
Unschärfe als Konzept
1995 ist Schlegel Teil des österreichischen Beitrags zur Biennale di Venezia – ein wegweisender Schritt innerhalb ihres Œuvres: Anfang der 90er entwickelt die Künstlerin ihre unverkennbaren Schriftbilder. „Ich habe damals den Text auf einem Buch hinter einem Wasserglas verschwimmen sehen.“ Es folgt die Überlegung: Was bleibt, wenn man den Text seines primären Informationsgehalts entbindet? In bestimmter Graduation fotografiert, lässt sie Texte – aus ihrer persönlichen Bibliothek – verschwimmen, druckt sie auf Glasplatten und stellt sie, sich überlappend und an Wände gelehnt, aus. Darunter etwa das Gedicht „Die Wolke und die Uhr“ von Ferdinand Schmatz, das Schlegels wiederkehrendes Thema des Flüchtigen aufgreift. Das Spiel mit bewusster Verunklärung – der Entzug von Information – wird fortan zentraler Teil des künstlerischen Konzepts. „Es ist eine Form der Abstraktion“, so die Künstlerin, „ein Weglassen von Details, wodurch wesentliche Kompositionselemente in den Vordergrund treten – die Unschärfe schärft letztlich die Wahrnehmung; den Blick für das Wesentliche.“
So ist Venedig für Schlegel Premiere und Startschuss in vielerlei Hinsicht: „Die Gestaltung der Fassade des Hoffmann-Pavillons war meine erste Kunstintervention im öffentlichen Raum.“ Die Künstlerin findet Gefallen an der Arbeit in Dimensionen, die sich der Intimität des Studioraums entziehen. Immerhin ist ihr künstlerisches Bestreben darauf ausgerichtet, philosophischen Problemstellungen mit einer Erweiterung des Raums – und damit einhergehend der Vorstellung und Wahrnehmung – zu entgegnen.
KUNSTTIPP!
Bis 29. März 2027 gibt die von Katia Huemer kuratierte Ausstellung „Falling up“ im Kunsthaus Graz Einblick in Eva Schlegels vielschichtiges Œuvre. Mittels unterschiedlicher Medien erforscht die arrivierte Künstlerin (immaterielle) Räume, erweitert diese und damit unsere subjektive Wahrnehmung.
Bestehen unter Männern
Die geschlechtliche, von der Gesellschaft aufoktroyierte Hürde des männlich dominierten Kunstmarkts nimmt sie entlang des Wegs zum Erfolg mit Geschick: „Der bewusste Austausch mit Kollegen war mir immer schon ein Anliegen“, so ihr Zugang. „Als Frau wurdest du damals noch deutlich weniger gesehen als heute – da warst du im Idealfall schön und sonst nichts.“ Eine Stigmatisierung, mit der sie in ihren unscharfen Frauenporträts bricht: Vage Verschwommenheit nimmt den Porträtierten die Physiognomie des Schönen ebenso wie deren Individualität. Sie selbst hat sich Begehrlichkeiten damals durch ihr breites, kunsttheoretisches Wissen vom Leib gehalten: „Eine Verschiebung in ein theoretisches Feld“, schmunzelt Schlegel.
Dass die Künstlerin, die sich für eine Frauenquote im Ausstellungswesen stark macht, 2011 als Kommissärin des Österreich-Pavillons mit Markus Schinwald ausgerechnet einen Mann nach Venedig schickt, stößt auf Kritik. In zig Literatur über Maria Theresia versucht sie, deren Verständnis für „typisch Österreichisches“ nachvollziehen zu können. „Ich habe damals tatsächlich alle Frauen, die gerade am österreichischen Markt relevant waren, gelistet. Um die Auffassung österreichischer Kultur künstlerisch widerspiegeln zu können, schien mir letztlich aber Schinwalds Multimedialität und seine Psychologie des Abgründigen am geeignetsten.“ Den Wandel am Markt, hin zu mehr Diversität, beobachtet Schlegel mit großer Begeisterung: „Aber auch hier sehe ich noch ganz viel Raum, den es zu erobern gilt.“
Apropos „Raum“: Ein letztes Highlight hat sich Schlegel für das Ende unseres Gesprächs aufgehoben. Oberhalb der zweiten Ausstellungsetage wartet in der sogenannten „Needle“ des „friendly alien“, so der Kosename des Grazer Kunsthauses, ein ganz persönlicher Höhepunkt für Schlegel. „Durch die elliptische Glasarchitektur eröffnet der Aufbau ein unglaubliches Panorama über die Stadt“, schwärmt sie. Oben angekommen, fragmentieren jedoch die unzähligen, kleinen Metallkugeln eines Perlenvorhangs die Aussicht. Die halb durchlässige Installation animiert dazu, hindurchzuschreiten, um zu erleben: „Um den Raum, und damit die persönliche Wahrnehmung zu erweitern.“
