Fünf Jahre nach dem Tod des großen Künstlers und Humanisten Arik Brauer öffnet seine Tochter Timna Brauer die ikonische Villa für Besuchergruppen. Dazu erscheint ein Prachtband.
Den „Führer“ mit der Trommel auf dem Schädel, auf die man möglichst beherzt einschlagen soll, hat der Hauseigner am Ende seines Lebens noch selbst in den Garten gestellt.
Dieses Haptische sei ihm wichtig gewesen, dass sogar Blinde seine Skulpturen erfühlen könnten, sagt die Musikerin Timna Brauer, Tochter des großen österreichischen Künstlers Arik Brauer.
Eine Art Stammesfürst
Am 21. Jänner 2021 ist er gestorben, die Familie war in großer Zahl teils aus Israel angereist. Alle standen um sein Bett, und es war ein schöner, friedlicher Abschied voller Dankbarkeit. „Er war ja eine Art Stammesfürst“, sagt die Tochter. Dass die Mutter dem Vater bald folgen würde, daran zweifelte niemand, drei Jahre später war es schon geschehen.
Und was das für eine Verbindung war! Arik, geborener Erich, hatte die Shoa als Wiener Bub im Untergrund überlebt. Seinen Vater brachten die Nazis um. Der begeisterte Austromarxist wollte das Land nicht verlassen, weil er als litauischer Immigrant mit Hitler im Männerheim logiert hatte: „Der Mann ist so meschigge, der hält sich nicht lang.“ Der Irrtum hätte folgenreicher nicht sein können.
Naomi, die Mutter der drei Brauer-Töchter, war jemenitische Jüdin und trat in Israel als gesuchte Folklorekünstlerin auf. Da traf sie den als Sänger und Tänzer gastierenden Wiener Sandalen-Hippie, und es war um sie geschehen. „Ihr Leben war, Ehefrau, Hausfrau und Mutter zu sein. Dieser Beitrag sollte von der Gesellschaft als einer der wichtigsten Berufe gewürdigt und dementsprechend bezahlt werden“, begehrt die Tochter gegen linksideologische Diktate auf. Sie wird im Verlauf des Gesprächs diesbezüglich einiges folgen lassen.
Hier geht es zum vollständigen Interview mit Timna Brauer.
Welten aus Witz und Wehmut
Über der Brauer-Villa im 18. Bezirk zieht schon der Frühling auf. Aber hier blüht es zu jeder Jahreszeit, denn jeder Raum ist ein eigener Kontinent in einer Welt aus Schönheit, Erinnerung, Wehmut und Ironie.
Timna hatte schon das angrenzende 200-Quadratmeter-Museum mit den unverkäuflichen Hauptwerken verwaltet. Als die Mutter starb, waren die Optionen offen: die Villa an der feinen Peripherie an eine Botschaft vermieten und sich in die Karibik verfügen? Sie entschied sich dafür, das Vermächtnis in einem Prachtband zu dokumentieren und bei dieser Gelegenheit auch begehbar zu machen: Wer sich zu Führungen anmeldet, ist willkommen.
So weit die eine Existenz. Es gibt aber auch die der österreichisch-israelischen Doppelstaatsbürgerin, die ein Drittel des Jahres im muslimischen Viertel von Jaffa, südlich von Tel Aviv, lebt.


Ein Haus als Kunstwerk. Sämtliche Räume in der Villa sind chronologisch zu Kunstbiotopen ausgebaut.
© Matt ObserveDie Villa
Neben dem Museum im Garten ist jetzt auch die Villa in der Colloredogasse 30 in Wien-Währing für Gruppen zu besuchen. Sie ist vom Eingangsbereich mit den großen Wandgemälden über alle Räume durchgebildet. Anmeldung unter arikbrauer.at. Der Preis für die Führungen beträgt 35 Euro.
„Mein Kampf“ als Bestseller
Das Gespräch, das sich aus dieser Konstellation entwickelt, ist von solcher Dringlichkeit, dass wir es in voller Länge digital abdrucken. Doch auch was im Druck Platz findet, gibt aus. „Ich lebe zwar nicht bewusst als Teil einer Minderheit, aber de facto bin ich es sowohl in Wien als auch im Land meiner Väter“, holt sie aus. „Seit dem Regimewechsel im Iran ist im ganzen Nahen Osten ein religiöser Eifer ausgebrochen, alle Frauen haben sich verschleiert, und es gibt auch immer wieder Ehrenmorde. Als alleinstehende Frau, die Fahrrad fährt, laute Gesangsübungen macht und im Bikini am Balkon Skulpturen erschafft, falle ich natürlich auf.“
Die Kindheit bei den jemenitischen Großeltern habe sie in die diesbezüglichen Komplikationen eingewiesen. Und die Realität des Judenhasses sei weit von ideologischer Romantik entfernt. Im Koran werde das Land zwar unmissverständlich „den Kindern Israels“ zugesprochen. Aber in den pragmatisch begleitenden Hadithen lese sich das ganz anders.
„Die NS-Rassenideologie hat sich ab den Zwanzigerjahren wie ein Lauffeuer im Nahen Osten verbreitet. Bis heute ist ,Mein Kampf’ in allen Nachbarländern von Israel ein Bestseller, in Gaza gab es einen Kleidershop mit dem Namen Hitler.“ Das schöne, der Mutter wie von Künstlerhand nachgebildete Gesicht hat sich gerötet. „Der Mufti von Jerusalem, Amin al Husseini, kollaborierte bei der sogenannten Endlösung der Juden mit Hitler und plante ein Krematorium in Nablus. Während mein Vater in Wien den Judenstern tragen musste, trug meine Mutter als Kind in Tel Aviv eine Diskette mit ihren Personalien, damit man sie identifizieren kann, falls sie ermordet wird. Gott sei Dank wurde der Afrikafeldzug Rommels von den Engländern gestoppt.“

Steckbrief
Arik Brauer
Arik Brauer wurde am 4. Jänner 1929 in Wien geboren und ist ebendort am 24. Jänner 2021 gestorben. Brauer wuchs als Sohn eines jüdischen Schusters im Untergrund auf, wurde als Mitbegründer der Schule des Wiener Phantastischen Realismus und grandioser Chansonnier eine historisch relevante Gestalt. Verheiratet mit Naomi Brauer (gestorben 2024), drei Töchter: Timna, Talia, die als Krankenschwester in Israel lebt, und Ruth, Schauspielerin und Regisseurin. Alle sind Doppelstaatsbürgerinnen.
Aber das gegenwärtige Israel unter Netanjahu kann doch nicht pauschal freigesprochen werden? Auch Israel leide unter Extremisten von rassistischer Struktur, beklagenswerterweise sogar als Bestandteil der Regierung. „Aber sie können auch abgewählt werden und sind eine Minderheit. Bei unseren arabischen Nachbarn hingegen ist die Gesellschaft als Kollektiv antisemitisch bis extrem antisemitisch, so wie es auch früher in Europa selbstverständlich war.
Es beginnt in der Familie und in den Schulbüchern und dann an den Unis, in den Medien und in der Politik. Dass das jüdische Volk nach 2.000 Jahren wieder in seinem historischen Land einen souveränen Staat hat, ist für die muslimische Psyche eine Beleidigung. Mit den Feinden Mohammeds Frieden zu schließen, wäre für viele Hochverrat.“ Nicht zu reden vom Vatikan, der den „Gottesmördern“ erst 1993 durch die Anerkennung Israels die Absolution für das sechs Millionen Mal Erlittene erteilt hat.
Arik Brauers frühe Warnung
Arik Brauer hat seine Angst vor importiertem Judenhass schon 2015 artikuliert und musste sich korrektheitsseitig viel gefallen lassen. „Zuerst bringen sie sechs Millionen um, und dann holen sie sich eine Million Antisemiten ins Land“, sagte er den Töchtern.
Und heute? „Als Diaspora-Jüdin und erste Generation von Shoa-Überlebenden bin ich froh, dass mein Vater den 7. Oktober 2023 nicht erleben musste. Für mich war der 8. Oktober psychisch fast genauso schlimm wie der 7. Die Israelis hatten noch nicht ihre innerhalb von vier Stunden verstümmelten und lebendig verbrannten Angehörigen identifizieren können, und schon stürzte sich der Mob, vor Freude mit Zuckerln zum Verteilen, auf die Straßen in Ramallah, Neukölln und New York, um Israel zu dämonisieren.“ Israel habe da noch gar nicht zurückgeschlagen! „Für mich ist da schon eine Welt, ein ganzes Weltbild zusammengebrochen.“
Und die Linke!
An dieser Stelle will man den höchst kontrollierten Gedankenstrom nicht mehr unterbrechen.
„Viele Linke und Grüne scheinen das jihadistische Denken gutzuheißen. Auch einige Leitmedien schließen sich an. Es ist eine suizidale Empathie im Trend. Offenbar ist man auch erleichtert, die Verantwortung für die Shoa an die Juden weiterreichen zu können. Auch die Islamophobie, die man Menschen vorwirft, die sich um die europäische Kultur Sorgen machen, ist absurd. Erstens wird man ja wohl Angst vor etwas haben dürfen, eine Phobie ist daher nichts Verwerfliches. Aber indem man diesen Menschen eine Phobie, also eine imaginäre und irrelevante Angst, vorwirft, nimmt man ihre Sorge nicht ernst und wundert sich, wenn sie dann rechtsextrem wählen. Die vielen jungen Leute, die ihre politische Bildung aus TikTok beziehen, haben keine Ahnung, um was es wirklich geht, die meisten Menschen der Welt wissen gar nicht, wie komplex die Lage im Nahen Osten wirklich ist. Aber diese ignoranten Massen werden von den Drahtziehern als ,useful idiots‘ instrumentalisiert. Alle antisemitischen Register aus dem Mittelalter werden gezogen, es geht den Aktivisten nicht um das tatsächliche Leid der Palästinenser, ich glaube es ihnen einfach nicht. Und wo sind die Leute auf der Straße, wenn die iranische Bevölkerung massenweise ermordet wird?“


Das Buch
Der Prachtband Die Arik Brauer Villa. Ein Gesamtkunstwerk ist auch unter arikbrauer.at erhältlich. Brandstätter, 290 Seiten, 1.000 Abbildungen, 50 Euro
„Lieber auf dem Strich“
Sie selbst, fährt sie fort, lebe unter Arabern, lerne ihre Sprache und ihre Kultur, veranstalte Friedenskonzerte mit palästinensischen Musikern, nicht zu reden von der geliebten muslimischen Schwiegertochter. Sie spricht heldenhaften Palästinensern im Widerstand gegen die Hamas die Bewunderung aus. Denen, die darauf verweisen, dass Ägypten mit vielfach tödlicher Konsequenz die Grenzen gegen Flüchtlinge aus dem Gaza geschlossen habe.
Dass die Hamas mit Geldern aus der EU den größten unterirdischen Bunker der Welt gebaut und dort keinem einzigen Zivilisten Schutz gewährt habe. Dass Israel seine Soldaten in die Schlangengrube geschickt habe, statt von oben alles niederzubomben und die Zivilbevölkerung auszulöschen.
„Diese mutigen Menschen erzählen die Geschichte von geflüchteten Homosexuellen, die lieber im Untergrund in Tel Aviv am Strich leben, als zu Hause gelyncht zu werden. Sie weisen darauf hin, dass die Aufnahmeprüfungen an israelischen Universitäten für Araber leichter sind als für Juden, damit die Quoten stimmen. Es gibt, wie in jeder Demokratie, sicher viel Unrecht in Israel, keine Frage. Aber es ist das einzige Land auf der Welt, dessen Existenzrecht seit seiner Gründung obsessiv hinterfragt wird.“
Dank an Trump
Und Trumps täglich folgenschwereres Bombardement gegen den Iran? Das Wort bleibt bei der linksliberal erzogenen Pazifistin, der wenig übrig blieb, als manche Position zu überdenken.
„Auch einige Leitmedien erklären die Atombombe zur Erfindung von Netanjahu und Trump, oder sie ist ja ohnehin noch gar nicht fertig. Dann ist es halt nicht in einem Monat, sondern in einem Jahr, dass meine Nichten und Neffen in Israel umkippen. Also würde ich lieber sagen: Let’s stay on the safe side und machen wir das, was zu tun ist. Auch um der in Massen getöteten Menschen im Iran willen. Trump ist als Politiker für den liberalen Westen ein No-Go, aber er war der Einzige, der imstande war, unsere Geiseln lebend zu befreien, und das wird ihm Israel nie vergessen. In dem Hexenkessel des Nahen Ostens regieren so viele verrückte Diktatoren, dass nur ein verrückter Radikaler wie Trump imstande ist, diese Menschen in die Knie zu zwingen. Bei der Außenpolitik Obamas lachte man sich ins Fäustchen, für den Orient ist der Westen ,verweichlicht, weiblich und wehrlos wie ein Jude, Europa ist eine Frau, die man zu besteigen hat‘. Es gibt einen großen Unterschied zwischen der Kommunikation auf Englisch und der arabischen Version derselben Aussage. Man sollte Arabisch lernen, sonst wird man an der Nase herumgeführt. Orientalen sind Meister im Geschichtenerzählen.“
Philosemiten und der Jude im Pyjama
Und auch die Philosemiten mögen sich ihres Edelmuts nicht zu gewiss sein. „Man redet immer nur von der Shoa, von toten Juden. Philosemiten lieben den Juden im Pyjama, denn man kann ihn bedauern. Antisemiten verzeihen den Juden die Shoa nicht. In der woken Gesellschaft Amsterdams wurde vier Monate darüber debattiert, ob ein jüdischer Mitarbeiter im Anne-Frank-Museum eine Kippa tragen darf. Aber“, dringt sie immer tiefer an die Fundamente vor, „wer weiß wirklich, wer wir sind? Oft nicht einmal wir selbst. Ein Volk, das eben doch anders ist und nur deshalb 3.000 Jahre als Mini-Minderheit überlebt hat. Es hat der Menschheit den Monotheismus geschenkt: Die Weigerung, Götzen zu dienen, hatte zur Folge, dass die Juden auch nicht bereit waren, den lebenden Götzen, den Herrschern der Antike, zu dienen. Es ist die Idee, dass alle Menschen gleichwertig sind, für die wir gehasst werden. Unsere zehn Gebote haben den Grundstein für die Menschenrechte gebildet. Den genialen Spruch ,Liebe deinen Nächsten wie dich selbst‘ hat Rabbi Jesus von Rabbi Hillel übernommen.“
Zwei Jahre beim Heer
Dafür einzustehen, das war der Doppelstaatsbürgerin eines neutralen und eines in ständiger Kriegsbereitschaft stehenden Landes nicht zu mühsam: Sie war 18, als sie sich zum zweijährigen Wehrdienst in Israel meldete. Wenige Wochen Grundausbildung, dann begann eine Zeit, die sie als „intensivste und lehrreichste“ ihres Lebens bezeichnet. Sie sang in einer Band zur Truppenbetreuung an der Front, leider endete das Ganze in einem Skandal, der mehrere ihrer Kameraden wegen Drogenkonsums ins Gefängnis brachte. Aber dass es ohne Militär kein Israel mehr gäbe, das hat schon Vater Arik angemerkt.
Und die Wehrpflicht für Frauen, deren bloße Skizzierung für friedliebende Österreicher den Rücksturz in die Barbarei bezeichnet? „Man sollte Frauen auf jeden Fall die Möglichkeit geben. Und es sollte freiwillig sein.“
Das ist das entscheidende Wort, mögen die Verhältnisse vorerst auch unvergleichbar sein.
Steckbrief
Timna Brauer
Timna Brauer, geboren am 1. Mai 1961 in Wien, ist Sängerin, Entertainerin, bildende Künstlerin sowie Professorin für Jazzgesang an der Musik-Uni. Sie legte mit ihrem langjährigen Partner Elias Meiri ein reiches musikalisches Werk vor. Brauer lebt in Wien und hat zwei erwachsene Kinder, Tochter und Sohn.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 15/2026 erschienen.






