Ein Espresso kostet in Österreichs Innenstädten mittlerweile so viel wie früher ein ganzes Mittagessen. Muss das sein? Ein Blick nach Italien beweist: nein.
Den Preisen für einen kleinen Espresso konnte man in Österreich während der vergangenen Jahre beim Wachsen zusehen: Lag der Preis für den schnellen Koffein-Shot vor Corona bei knapp über zwei Euro, so tendiert er aktuell gerade stark in Richtung vier.
Schon klar, alles wurde teurer, aber so viel? Ganz besonders deutlich wird die enorme Preissteigerung, wenn man nach Italien reist oder gerade von dort kommt, denn in Italien scheint die Espresso-Welt noch in Ordnung, zumindest genauso in Ordnung wie sie während der letzten Jahre auch schon war. Exorbitante Preissteigerung beim Kaffee? Fehlanzeige.
Das könne man gar nicht vergleichen, heißt es aus der heimischen Cafetier-Branche dann immer, in Italien seinen Lohn- und Lohnnebenkosten viel geringer, ebenso Miete und Energie, und wahrscheinlich nehme man in Italien halt auch weniger hochwertige Bohnen. Mitunter wird sogar vermutet, dass die fiskalische Moral dort eine niedrigere sei, das gute, alte Klischee des welsch’en Schlitzohrs …
Espresso „schwarz“?
Wer in den vergangenen 30 Jahren einmal in Italien war, weiß: Das Gegenteil ist der Fall, 1983 wurde in Italien das extrem strenge Gesetz erlassen, dass nicht nur für jede Konsumation eine Rechnung ausgestellt werden muss, egal, wie klein, als Gast musste man diesen Beleg im Falle einer Kontrolle durch die Guardia di Finanza sogar vorweisen können. 2003 wurde dieses Gesetz drastisch entschärft, überprüft werden mittlerweile nur mehr die Rechnungsaussteller.
Die Behauptung, dass in Italien weniger guter Kaffee verwendet würde als in Österreich, ist so absurd, dass man darauf nicht weiter eingehen muss. Vor allem aber machen die Preise von Bohnenkaffee einen nur so geringen Teil des Produkts „Espresso“ aus, dass diese Argumentation ohnehin ins Leere läuft:
Selbst bei Preisen von 40 Euro für ein Kilo Kaffee – das können Bohnen aus Top-Lagen und sogenannte „Specialty“-Kaffees schon kosten – macht das maximal 30 Cent pro Tasse aus, da sind wir vom Endpreis von € 3,90 noch ganz schön weit entfernt.
Kaffee-Lohnnebenkosten
Dann muss es wohl an den Lohnkosten liegen. Stimmt, die sind in Österreich ziemlich genau um die Hälfte höher als in Italien, 44,50 hier, 30,90 dort. Aber halt nur um die Hälfte und nicht dreimal so hoch; Mietpreise für Gewerbe liegen in Italien ein kleines bisschen unter dem österreichischen Niveau, in Top-Lagen – also dort, wo wir unseren Espresso gerne schlürfen – dafür weit über den heimischen Werten.
Und schließlich die Energiekosten, die bei uns zweifellos hoch sind, in Italien für Gewerbe allerdings um die Hälfte höher. Soll heißen: Daran kann es also nicht liegen, dass wir in Österreich bis zu dreimal so viel für den kleinen Kaffee zahlen.
Es muss andere Gründe haben. Etwa jenen, dass Italienerinnen und Italiener pro Tag zwar nicht sehr viel mehr Kaffees trinken als wir, aber in einem anderen Umfeld: In Österreich und Deutschland liegt das Schwergewicht des Kaffeekonsums zu Hause und in Büros, das Heißgetränk stammt hier aus Vollautomaten und Kapsel-Geräten; in Italien werden die drei Espressi pro Tag an der Bar getrunken, in urbanen Zentren bis zu fünf davon. Der Espresso ist dort kein Konsumgut, sondern ein Kommunikationsmittel.
Quantität und Qualität
Walter Mayer kennt beide Kaffeewelten gut, er führt nicht nur die mit Abstand charmanteste Konditorei in Wien-Währing, er war lange auch Importeur der Triestiner Kaffee-Marke Illy. Und er weiß etwa, dass der Espresso in Italien eine so wichtige soziale Rolle spielt, dass es bis in die 70er-Jahre sogar eine staatliche Preisregelung gab.
Das ist zwar lange her, die Preise bleiben dennoch sowohl einheitlich als auch niedrig, denn der Konkurrenzdruck ist hoch und die soziale Kontrolle enorm. Andererseits würden Kaffeebars in italienischen Top-Lagen mitunter mehr als 1.500 Espressi machen – pro Tag! –, „ich glaube in Österreich gibt es keinen einzigen Betrieb, der so viel verkauft“, da bleibt dann auch bei minimaler Marge etwas über.
Und es ist vielleicht auch eine Mentalitätsfrage. In Österreich nimmt man Preissteigerungen – missmutig aber doch – hin, man schränkt den Konsum vielleicht etwas ein, würde aber nie auf die Straße gehen, um dagegen zu protestieren. Das ist ein perfektes Umfeld für Gastronomen, denn verlangt werden bekanntlich nicht jene Preise, die eine Speise oder ein Getränk im Lokal tatsächlich kosten, sondern jene, die die Gäste bereit sind zu zahlen. Ganz selten ist das sogar ein Minus-Geschäft, beim Espresso um € 3,90 aber sicherlich nicht.
Raketenwissenschaft Espresso
Espresso kann man nicht „irgendwie“ machen, nicht gut oder schlecht, bei der Zubereitung eines Espresso muss so ziemlich alles stimmen. Der Unterschied zwischen göttlicher Crema und saurem G'schloder ist eine Frage von Millimetern. Warum?
Weil in der Espressomaschine starke Kräfte am Werk sind. Es braucht die richtigen Bohnen (Arabica mit einem kleinen Anteil Robusta) mit dem richtigen Röstgrad, die vor allem frisch und mit der richtigen Mühle gemahlen werden müssen, denn: Beim Kaffeemehl für einen Espresso kommt es auf die Mischung unterschiedlich großer Partikel an (30 bis 400 Mikrometer), die außerdem „kantig" sein müssen, um sich verkeilen zu können.
Das, die richtige Menge (mindestens 7 Gramm, besser 9) und die richtige Pressung im Siebträger (mit 200 N, also etwa 20 Kilo Druck) sorgen dafür, dass aus dem losen Kaffeemehl nach kurzer Quellphase ein kompakter Presskuchen wird.
Der dem mit 9 bar und etwa 90 ° heißen Wasser (von Kaffee zu Kaffee etwas unterschiedlich) exakt den richtigen Widerstand entgegensetzt, sodass es in 25 Sekunden die Lipide der Bohne schmelzen, die Aromastoffe lösen und alles zusammen zu einer Emulsion verbinden kann. Oder um es kurz zu sagen: ein technisches Wunder.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 10/2026 erschienen.







