ABO

Gastronom Manuel Bartolacci erklärt den italienischen Espresso-Preis

Subressort
Aktualisiert
Lesezeit
5 min
Artikelbild
©Getty Images/Inverse Couple Images

Unterschiedliche Kaffeekulturen, sehr unterschiedliche Kaffeepreise - wir fragen Manuel Bartolacci, wie der Espresso in zwei benachbarten Ländern preislich so schwanken kann.

Wäre in Italien ein Espresso zu Preisen, wie sie aktuell in Österreich verlangt werden, überhaupt vorstellbar?

Es gibt in Rom oder in Mailand natürlich auch schicke Cafés, in denen der Espresso sechs oder sieben Euro kostet – zumindest am Tisch, an der Theke bleibt er auch dort günstig. In Italien trinkt man mindestens sechs, sieben Kaffees pro Tag, das wäre bei den österreichischen Preisen nur für die wenigsten bezahlbar.

Man hat die Zeit, sechsmal auf einen Kaffee zu gehen?

Wir Italiener verstehen den Espresso, der bei Tisch getrunken wird, nicht. Espresso trinkt man an der Theke mit Freunden und Bekannten, um ein paar Worte zu wechseln. Espresso gehört gemacht und gleich getrunken, heiß, fertig. Wenn man wartet, fällt nur die Crema zusammen.

Erstaunlich, dass ein und dasselbe Heißgetränk in zwei benachbarten Ländern so unterschiedlich rezipiert wird …

Es handelt sich da einfach um zwei ganz unterschiedliche Kaffee-Kulturen. In Österreich fußt sie auf der Kaffeehaus-Kultur, in das man ging, um dort zu sein, und nicht zuletzt, weil die Wohnungen so klein und kaum geheizt waren. In Italien ist das ganz anders, da gehen die Leute mittags nach Hause zum Essen, gegen 14 Uhr begeben sie sich wieder zur Arbeit und davor muss sich noch schnell ein Caffè ausgehen.

Ich als Italiener würde mich schämen, für einen Espresso € 3,50 zu verlangen

Manuel Bartolacci

Würde sich Espresso nach italienischer Kalkulation auch in Österreich verkaufen lassen?

Theoretisch ja, und zwar obwohl sich die in der Gastronomie anfallenden Kosten in den vergangenen sechs Jahren etwa verdoppelt haben. Aber beim Espresso al banco fallen ja geringe Servicekosten an und das Produkt an sich kostet auch bei guten Bohnen nicht viel mehr als 20 Cent. Reich wird man an einem Espresso um € 1,50 nicht, der Umsatz kommt dann halt mit der Menge. In der kleinen Kaffeebar meiner Eltern gingen pro Tag ein bis eineinhalb Kilo Kaffeebohnen weg.

Das heißt, hohe Preise hemmen die Gäste eher in ihrer Konsumationsbereitschaft?

Ich als Italiener würde mich schämen, für einen Espresso € 3,50 zu verlangen. 1.000 Prozent Aufschlag und das oft für einen Kaffee, der nicht einmal gut ist. Und man sollte sich doch überlegen: Wenn der Cappuccino € 3,70 kostet, nimmt der Gast vielleicht noch einen zweiten. Bei 5,50 denken sich das wohl nur die wenigsten.

Haben Ihre Gäste von Anfang an begriffen, dass der gleiche Espresso an der Theke einen Euro billiger ist als am Tisch?

Am Anfang war’s den Gästen nicht so klar, mittlerweile funktioniert es gut, vor allem am Wochenende. Wenn die Leute auf einen freien Tisch warten, trinken sie an der Bar einstweilen einen Espresso und haben eine gute Zeit. Und: An der Theke ist der Espresso ja auch besser als am Tisch.

Steckbrief

Manuel Bartolacci

Manuel Bartolacci, 40 stammt aus dem malerischen Städtchen Treia in den Marken, kam 2013 nach Wien und arbeitete als Bier-Sommelier im Edel-Pub Charlie P's sowie als Restaurantleiter im Brickmakers. 2020 mitbegründete er das Avantgarde-Beisl „brösl“ im Stuwerviertel, Ende 2024 eröffnete er mit seiner Frau Britt Kamper das „Alice“, ein italo-dänisches Café. An der Theke kostet sein Espresso € 1,50.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 10/2026 erschienen.

Über die Autoren

Logo
Monatsabo ab € 21,75
Ähnliche Artikel
2048ALMAITVEUNZZNSWI314112341311241241412414124141241TIER