In Österreichs Kellereien liegt Rotwein, den keiner trinken will. Ist die Lösung des Problems, Sprit daraus zu brennen?
Fährt man entlang der Bundesstraße 62 durchs Mittelburgenland, entlang der 51er durch den Seewinkel oder auf der B7 in Richtung Norden, drängt sich angesichts der endlosen Weingärten der Gedanke auf: Meine Güte, wer soll denn das alles trinken?
Verändertes Trinkverhalten
Und tatsächlich: In den vergangenen 20 Jahren ging der jährliche Pro Kopf-Verbrauch von Wein in Österreich von 32 Liter (2005) auf 25,5 Liter (2024) zurück, das sind 20 Prozent. Und zwar nicht wegen irgendwelcher Weinskandale, Kampagnen religiöser Gruppen oder gesundheitlicher Bedenken – das Konsumverhalten hat sich ganz einfach geändert.
Vor allem die 20- bis 35-Jährigen trinken Wein anders als ihre Eltern und Großeltern, nämlich nicht mehr regelmäßig als Teil des traditionellen, heimischen Lebensstils, sondern nur mehr fallweise und anlassbezogen. Auch das, womit die heimische Weinbau-Szene die vergangenen 40 Jahre erfolgreich war, nämlich trockene Weine mit Herkunftsidentität, ist den Jungen heute eher egal, wie die Österreichische Weinmarketing-Gesellschaft im Vorjahr erhob, sie wollen es beim Wein fruchtig und blumig. Und vor allem weiß.
Die fetten, roten Jahre sind vorbei
Das war vor 20 und 30 Jahren noch ganz anders, da war Rotwein das große Ding, Hunderte und Tausende an Hektaren wurden in Niederösterreich und dem Burgenland mit sowohl heimischem Zweigelt und Blaufränkisch als auch mit französischen Rebsorten wie Merlot, Cabernet Sauvignon und Syrah bestockt. Wo bis dahin noch Erdäpfel und Getreide wuchsen, gedieh nun das Material für schwere, dunkle Rotweine im „internationalen“ Stil. Die heute kein Mensch mehr trinken will.
Das Problem: Man kann Wein – anders als eben Erdäpfel oder Getreide – nicht einfach pausieren. Die Rebstöcke sind eine langfristige Kultur, liefern ihre Trauben Jahr für Jahr, sowohl die Errichtungskosten (25.000 Euro pro Hektar) als auch die Bewirtschaftung eines Weingartens kosten viel Geld (je nach Gelände und Qualitätsanspruch zwischen 6.500 und 11.000 Euro pro Hektar, die Trauben zu Wein zu verarbeiten, ist die einzige Form der Nutzung.
Und weil das so ist, weil die vergangenen Jahre recht hohe Erträge, aber keine hohen Verkäufe erbrachten, sind die Lager voll: Zehn Millionen Liter Rotwein, so viel wie in 13,3 Millionen Flaschen passt, liegt bleischwer in den Tanks, das sind 14,3 Prozent der Rotweinernte des Jahrgangs 2025.
Wohin mit dem Zeug?
100.000 Hektoliter Wein kann man nicht einfach in den Kanal schütten, allerdings muss auch der 2026er-Jahrgang irgendwo untergebracht werden. Eine Lösung für solche Fälle ist die sogenannte „Krisendestillation“, über die gerade auch in Österreich diskutiert wird. Das heißt, Weingüter liefern überschüssigen Wein ab, der dann in Groß-Destillen wie etwa bei der Agrana in Pischelsdorf zu Industrie-Sprit für die Desinfektionsmittel-Herstellung gebrannt wird.
Weingüter erhalten für den so verwerteten Wein nur einen sehr geringen Betrag, aber dafür sind sie das Problem der unverkäuflichen Altware los. In den großen Wein-Ländern wird dieses Mittel immer wieder einmal eingesetzt, in Österreich kam es erst einmal zur Anwendung, nämlich 2020, als der Wein-Verkauf wegen der Corona-Lockdowns zum Erliegen kam. Zehn Millionen Liter Wein der Jahrgänge 2018 und älter wurden da zu Alkohol gebrannt.
Der Brief nach Brüssel
Ende Juli dieses Jahres hat sich das Präsidium des Österreichischen Weinbauverbands dafür ausgesprochen, dass das auch heuer wieder passieren soll, eben mit dieser Übermenge von 10 Millionen Litern Rotwein, nachdem es durch Mittel der EU-Agrarkrisenreserve finanziert werden soll, muss ein Antrag nach Brüssel geschickt werden, was aber noch nicht geschah.
Warum nicht? Es gäbe noch Diskussionen, erklärt DI Dr. Rudolf Schmid, stellvertretender Leiter der Abteilung Obst, Gemüse, Wein und Sonderkulturen im Landwirtschaftsministerium. Denn der Jahrgang 2026 erbrachte extrem geringe Erträge, und zwar nicht nur beim österreichischen Rotwein, sondern auch in Italien und Frankreich, was die Nachfragesituation veränderte und eventuell auch andere, lukrativere Möglichkeiten der Überschussverwertung erbringe als sie zu destillieren. Welche? EU-Rotweinverschnitt mit Zweigelt und Blaufränkisch für Glühwein? „Der Bogen ist weit, und was wir da auf Lager haben, ist ja keine schlechte Qualität“, so Schmid.
Entsorgung? Nein, danke
Apropos Qualität: Sollte das Ansuchen dann irgendwann nach Brüssel geschickt werden (Schmid: „Schön langsam sollten wir da zu einer Entscheidung gelangen …“), kommt aber auch für die Destillation nur Wein infrage, der „marktfähig“ ist, also fehlerfrei. „Man wird sich diese Weine genau anschauen müssen“, so Schmid, eine Entsorgung fehlerhafter Plörre sei definitiv kein Thema.
In Deutschland, das seinen Antrag schon abgeschickt und eine EU-Genehmigung für Destillierung von bis zu 23 Millionen Litern Wein aus Württemberg und Rheinhessen bekommen hatte, musste es sich bei der Brenn-Ware sogar um Qualitätswein handeln. Pro Liter erhielten Weingüter 0,43 Euro plus 0,16 Euro für Logistik und Brennkosten. Ob sich die Vergütungen in Österreich im gleichen Rahmen bewegen würden, konnte DI Dr. Schmid nicht bestätigen, man kann aber wohl davon ausgehen.
Tatsache ist jedoch, dass es sich dabei um eine kurzfristige Notmaßnahme handelt, „angesichts des derzeitigen Verbrauchs haben wir in Österreich definitiv zu viel Rotwein“, weiß Schmid.
Lösung Rodungsprämie?
Weinstöcke werden bis zu 60 Jahre und älter, liefern in dieser Zeit jährlich Trauben, der Ertrag lässt sich nur sehr bedingt der Nachfrage anpassen. Einen Weingarten einfach auf „Standby“ zu halten, ihn nicht zu bewirtschaften, geht aber leider auch nicht.
Denn in verwilderten Weingärten breiten sich schnell Schädlinge aus, die auch auf kultivierte Anlagen übergreifen können – etwa der Traubenwickler, diverse Rebmilben und die jüngst zum Problem gewordene Amerikanische Rebzikade. Weshalb man im Fall von Überproduktion dazu übergeht, die Rebflächen zu verkleinern und für Rodungen eine Prämie zu bezahlen.
Das wurde in Österreich schon nach dem Zusammenbruch des Exportmarkts nach dem Weinskandal 1985 gemacht, ab 1991 wurden 5.700 Hektar gerodet, etwa zehn Prozent der österreichischen Rebfläche, im Februar 2026 beschloss der EU-Rat, dass national sowohl für Rodung als auch für Destillation Mittel ausgeschüttet werden dürfen.
Wobei die Rodung die sehr viel nachhaltigere Methode ist, da die Flächen langfristig – zumindest sechs Jahre lang – nicht neu bestockt werden dürfen. In Spanien wurden so bei einer früheren Kampagne an die 70.000 Hektar gerodet, in Italien 20.000, in Frankreich 17.000. Aktuell wurden in Frankreich knapp 30.0000 Hektar zur Rodung angemeldet, die Prämie dafür sind viertausend Euro pro Hektar.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 42/2026 erschienen.
