Jeder liebt Pistazien. Vor allem dann, wenn Social-Media-Hypes wie Dubai-Schokolade & Co. Fahrt aufnehmen. Was macht das mit dem Pistazienmarkt?
Landstraßer Hauptstraße, ein kleiner Laden mit blauer Fassade zwischen einem Barbershop und einem hippen Kaffeebohnen-Outlet. Aber nicht nach frisch gemahlenem Kaffee oder Haarpomade duftet es hier vor der Ladenzeile, vielmehr entströmt dem kleinen Laden eines der besten Aromen der Welt – frisch geröstete Nüsse. Konkret drehen sich gerade Mandeln mit Rosmarin langsam in Vasil Ivanovskis computergesteuerter Rösttrommel mit Sichtfenster.
Vor sieben Jahren entschied sich der bulgarische Manager dafür, sein Leben zu verändern, in Griechenland das Rösten von Nüssen zu erlernen und das dann in Wien zu praktizieren. „Kein einfaches Geschäft“, sagt er. An die 60 verschiedene Nüsse und Kerne röstet er, darunter natürlich auch Pistazien, sowohl in der Schale als auch die geschälte Version.
Woher seine grünen Nuggets stammen? Ausschließlich aus dem Iran, sagt Vasil Ivanovski, dort gebe es die besten Voraussetzungen für die Pistazien, die längste Tradition und daher auch die besten Qualitäten.
Aber war da nicht gerade was mit dem Iran? Und die Lade mit den Pistazien ist gerade auch verdächtig leer …
Volle Lager – noch
Der Krieg werde sich aufs Pistazien-Business ohne Zweifel auswirken, sagt der Röster, mit sehr viel höheren Preisen und mit verzögerten oder eingestellten Lieferungen. „Aber wahrscheinlich erst in zwei oder drei Wochen, einstweilen ist mein Lager noch voll.“
Was wissen wir über Pistazien, außer, dass daraus grünes Eis gemacht wird und sie in der Dubai-Schokolade drin sind? Wenig. Wenig darüber, dass es sich bei den Steinfrüchten des Pistazienbaums um eine der ältesten Kulturpflanzen der Menschheit handelt, dass sie ihre Heimat im Nahen Osten hat, dass der Legende nach die Königin von Saba sie königlichen Genüssen vorbehielt, und dass ein Pistazienbaum bis zu 300 Jahre alt werden kann.
Oder dass sich die größte Anbaufläche zwar in der Türkei befindet (knapp 400.000 Hektar), Kalifornien mit seinen 170.000 Hektar dank moderner Anbaumethoden aber viereinhalbmal so viele Pistazien produziert, nämlich knapp 60 Prozent des weltweiten Ertrags. Der Iran liegt da dazwischen, drittgrößtes Anbaugebiet (125.500 Hektar), mit 135.000 Tonnen zweitgrößte Produktionsmenge.
Schnell geht bei der Pistazie gar nichts
Was aber klar ist: Auf rasante Social-Media-Hypes reagiert die Pistazie – mit Gelassenheit. Denn es dauert sieben bis zehn Jahre, bis eine Pistazienpflanze erste Erträge erbringt, 15 bis 20 Jahre bis zum Vollertrag. Da erinnert man sich dann wahrscheinlich nur mehr schemenhaft an eine Zeit zurück, als man sich selbst und seine Kinder von amerikanischen und chinesischen Algorithmen manipulieren ließ.
Und was auch klar ist: Wenn das Angebot einer sprunghaft ansteigenden Nachfrage nicht mehr gerecht werden kann, weil auf einmal alle Schokoladehersteller Pistaziencreme und Knusperteig in ihre Tafeln packen und darüber hinaus alle Croissantbäcker Pistaziencreme in ihr Plundergebäck füllen wollen und dann auch noch die Pistazienkuchen des „Instagram-Patissiers“ Cédric Grolet durch die Decke gehen – steigt der Preis.
Zwischen 2022 und 2024, also in der „Dubai-Phase“, ging der Pistazienpreis um bis zu 60 Prozent nach oben, zur starken Nachfrage kam eine schlechte Ernte in Kalifornien noch dazu. 2025 verzeichnete der Preisanstieg dann weitere 35 Prozent und dass die Preise 2026 sinken werden, ist mehr als unwahrscheinlich.
Da werden wir dann vielleicht wieder Marmelade in unsere Kipferln schmieren, gemacht aus Marille oder Erdbeere. Oder Kiwi, wenn’s grün sein muss.
Die Wurst mit den Nüssen


Nirgendwo auf der Welt wird leidenschaftlicher darüber diskutiert, ob ein Rezept „echt“, „authentisch“ und „traditionell“ ist, als in Italien. Behauptungen geschickter Autoren, dass traditionelle Rezepturen gar nicht so traditionell seien, lösen in Italien regelmäßig Staatskrisen aus und machten zum Beispiel Alberto Grandis Buch „Denominazione di origine inventata“ zum Bestseller. Auch die Frage, ob Pistazien in der Mortadella sein müssen/dürfen, wird in Bologna, der wahrscheinlichen Heimat dieser nationalen Identität in Wurstform, kontrovers diskutiert.
Denn Historiker argumentieren, dass es ursprünglich Myrtenbeeren und nicht Pistazien waren, die man zur Würzung verwendete (was – neben dem lateinischen Begrifffür Mörser, mortarium, auch einer der Ursprünge des Namens dieser Wurst sein könnte); andere Historiker wiederum sagen, dass man im reichen Bologna die damals teuren Pistazien schon ab dem 17. Jahrhundert beimengte, um Status zu beweisen. Dann wiederum gibt es welche, die glauben, dass die rosige Riesenwurst von Kennern in Bologna selbst ohne Pistazien genossen, für andere Regionen und Auslandsmärkte aber mit Pistazien hergestellt werde. Die einzige Mortadella mit Slow-Food-Siegel, hergestellt von Bonfatti aus Cento, verzichtet jedenfalls darauf.
Wie auch immer, Hauptsache hauchdünn geschnitten und mit Zimmertemperatur serviert …
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 12/2026 erschienen.







