Der Umstand, dass die Einwohner des Tourismuslandes Österreich so ungern ins Hotel essen gehen, zählt zu den letzten großen Rätseln der Menschheit.
Gastronomie und Hotellerie gehören zusammen. Nicht nur hinsichtlich der Ausbildung, der kollektivvertraglichen Regelungen oder der Zusammenfassung unter dem Begriff Gastgewerbe, sondern vor allem historisch: Nach Zusammenbruch der römischen Zivilisiertheit, in der es durchaus auch üblich war, auswärts essen zu gehen, fand Gastronomie in Europa über 1.500 Jahre nur in Tavernen und Unterkünften statt, in denen Reisende auch mehr oder weniger gepflegt übernachteten – „restaurare“, lateinisch für „wiederherstellen, erneuern“ und Ursprung des Begriffs Restaurant, lässt erahnen, dass Reisen dereinst kein Honigschlecken war.
Hort kulinarischer Innovationen
Aber auch nach der französischen Revolution, die zugleich eine gastronomische Revolution war, weil all die plötzlich arbeitslosen Hof-Köche eigene Restaurants aufmachten, fanden kulinarische Innovationen in Hotelrestaurants statt: Auguste Escoffier, der bekannteste Koch des späten 19. Jahrhunderts, ein Weltstar, dirigierte die Küche des Hotel Ritz in London und prägte damit die Haute Cuisine der folgenden Jahrzehnte.
Und auch in jüngerer Vergangenheit waren es Hotelrestaurants, in denen die Sterne funkelten – etwa Alain Ducasse im Le Meurice, im Hôtel de Paris in Monte Carlo oder im Pariser Plaza Athenée, Gordon Ramsay im Savoy oder im Le Trianon, Andreas Caminada im Grand Resort Bad Ragaz sowie im Badrutt’s Palace, die Liste lässt sich endlos fortführen …
Wie Hotel-Köche Österreichs Kulinarik prägten
Ist Österreich da eine Ausnahme, ging die gastronomische Entwicklung in Österreich immer nur von Familien-und eigentümergeführten Restaurants aus? Im Gegenteil, in den späten 1970ern und frühen 1980ern waren es Hotel-Köche, die Österreich aus dem kulinarischen Mittelalter holten, Werner Matt im Restaurant Prinz Eugen/Hilton, Reinhard Gerer im Korso/Bristol, Manfred Buchinger im Vier Jahreszeiten/ Intercontinental und nicht zuletzt Christian Petz im Palais Schwarzenberg. Gingen die Österreicherinnen und Österreicher gerne dorthin essen? Na klar.
Versorgungsauftrag statt kulinarische Kür
Woher also kommt diese weit verbreitete Einschätzung, dass Einwohner dieses Landes, und da besonders die Wiener, Hotelrestaurants meiden würden? Nun ja, vor allem aus dem Umstand, dass es in Wien tatsächlich sehr viele Hotels gibt, darunter sehr viele Häuser internationaler Hotelketten, und dass die Gastronomien solcher Hotels oft eher einen klassischen Versorgungsauftrag haben, nicht aber die Ambition im lokalen Restaurant-Ranking eine Rolle zu spielen.
Die Zentralen internationaler Hotelketten befinden sich außerdem irgendwo in Hongkong, St. Louis oder Toronto, dass man in Österreich einen interessiert-empfindsamen und vor allem individuellen Gaumen hat, der gerne charmant umschmeichelt wird, spielt für die F&B-Manager dort keine entscheidende Rolle, Österreich ist für sie eines dieser kleinen mitteleuropäischen Länder.
Psychologie, Ablehnung, Ausländer
Dann gibt es aber auch noch den psychologischen Faktor: In Österreich mag man es beim Essengehen gerne niederschwellig. Ein Hotelportal durchschreiten zu müssen, erhöht in Wien die Chance auf Misserfolg beim heimischen Publikum dramatisch. Ein Portal zu durchschreiten, an einer Rezeption vorbei und dann noch zu einem Empfangsbereich zu müssen, bei dem man dann darauf wartet, „geseated“ zu werden, ist nachgerade eine Garantie für Ablehnung.
Weshalb Hotels, die in ihren Restaurants gerne einheimische Gäste haben, nicht zuletzt der lebendigen Atmosphäre wegen, seit vielen Jahren darauf achten, eigene, vom Hotel unabhängige Eingänge bieten zu können.
Und dann gibt es da noch eine weitere Vermutung, warum Österreicherin und Österreich nicht so gerne in Hotelrestaurants gehen: Nämlich weil dort Ausländer sind oder zumindest sein könnten …
Der Hotel-Klassiker


Der Klassiker unter den Klassikern: das Club-Sandwich
© GETTY IMAGESInternationale Hotelrestaurants mögen vielleicht nicht immer die spannendsten Küchen der Umgebung bieten, haben aber andere Qualitäten: Zuverlässigkeit und einen gewissen Standard. Und es gibt Gerichte, die erlebten in Hotelrestaurants ihre Hochblüte, weshalb man sie am besten auch heute noch hier genießt.
Beispielsweise den Caesar Salad (erfunden 1930 im Hotel Caesar’s, Tijuana), Waldorfsalat (erfunden Ende des 19. Jahrhunderts im Hotel Waldorf, New York) und natürlich den Klassiker unter den Hotelrestaurant-Klassikern, das Club-Sandwich: Das legendäre Dreifach-Sandwich wird seit 1894 zubereitet, klassischerweise gefüllt mit gebratenem Speck, Hühnerbrust, Salat, Gurke, Tomate und vor allem Mayonnaise-Dressing, der Fantasie für zusätzliche Features sind da allerdings keine Grenzen gesetzt.
In einem Hotelrestaurant ein Club-Sandwich zu genießen, ist genauso wie der Tomatensaft im Flugzeug, das Paar Würstel im Speisewagen oder der erste Espresso in Italien – Kult.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 19/2026 erschienen.







