Entgegen aller Einzelhandels-Prognosen boomen die Märkte. Weil sie neben erlebbarer Ware auch Lebensgefühl vermitteln. Nicht immer nur harmonisch.
Auch die Märkte unterliegen der Marktwirtschaft: Sie waren ab den 1960ern nicht mehr modern, zu kleinteilig, zu schlecht sortiert. Der Supermarkt versprach zukunftsfitten Konsum, hygienisch abgepackte Waren, farbenfrohe Werbung, und ein Ende der jahrtausendealten Befürchtung, dass der Standler den Finger an der Waage hatte.
Mit dem Effekt, dass die Märkte verschwanden, zuerst die Markthallen in den Großstädten, dann auch die klassischen Freiluftmärkte. Die Politik ließ sie gehen, weil sie in ihnen kein Zukunftsmodell sah. Manche überlebten trotzdem. Sei es, weil sie touristischen Mehrwert besaßen wie der Wiener Naschmarkt, sei es, weil neue, migrantische Gesellschaftsschichten nun mal lieber am Markt als im Supermarkt kauften, wie im Fall des Brunnenmarkts, des Viktor-Adler- oder des Hannovermarkts.
Und dann kam in den 1990er-Jahren plötzlich noch ein ganz anderer, kaum vorhersehbarer Faktor dazu: Am Markt nicht nur einzukaufen, sondern dort Zeit zu verbringen, zu gustieren und vor der kulinarischen Kulisse eventuell ein Gläschen zu trinken, ganz so wie im Urlaub, war auf einmal cool. Essen und Trinken, beziehungsweise der Einkauf der dafür notwendigen Zutaten waren plötzlich etwas, mit dem man sich gerne seine Freizeit vertrieb. Ein Gamechanger nicht nur für Gastronomie, Weinbranche und Tourismus, sondern auch für die Städte und damit für die Stadtplanung.
Das Problem dabei: Viele Märkte waren nur mehr als Rumpfstruktur vorhanden, die selbst bei bester Prosecco-Laune kaum für mediterrane Einkaufsstimmung sorgte; oder sie waren längst in Imbissbuden und Ladenzeilen umfunktioniert worden, wie beim Schwendermarkt, Nussdorfermarkt und Gersthofer Markt. Oder man hatte die Marktstände an die Betreiber verkauft, um sich nicht mehr weiter um Kosten kümmern zu müssen. Nur die Stände wohlgemerkt, nicht den Grund und Boden.
Spekulationsobjekt Marktstandl
Etwa ein Drittel der Stände am Naschmarkt und der anderen Wiener Märkte fallen unter dieses sogenannte „Superädifikat“, mit dem man zweifellos jahrzehntelang gut fuhr, das einem nun aber die Möglichkeit der Gestaltung nimmt. Und man dabei zusehen muss, wie Marktstände mit Superädifikat zu Spekulationsobjekten mit Ablösesummen von über 400.000 Euro für eine schlichte Holzhütte werden.
Vorschreiben kann das Marktamt in so einem Fall nur mehr, dass der Stand betrieben wird. Was die Besitzer erfüllen, indem sie billigstmögliche Arbeitskräfte irgendwelche Waren anbieten lassen, die auch mit geringster Obsorge lange haltbar sind, also zum Beispiel Gewürze, billigen Industrie-Hartkäse oder die berüchtigten Wasabi-Nüsse.
Worauf warten Marktstand-Spekulanten? Schwer zu sagen, entweder darauf, dass die ohnehin schon sehr gastronomiefreundliche Marktordnung Beschränkungen überhaupt sein lässt, oder wohl eher, dass die Ablösesummen noch weiter steigen.
Der Markt belohnt Initiative
Es gibt aber auch Beispiele, wo sich die zunehmende Lust an lebendigen Märkten nicht nur in Spekulation oder noch mehr Marktgastronomie äußerte. Der Karmelitermarkt ist so ein Fall: Der anlässlich eines Tiefgaragenbaus in den 1990ern um die Hälfte reduzierte Markt hatte außer für die lokale Alkoholiker-Szene kaum mehr eine Bedeutung, bis das sogenannte „Karmeliterviertel“ als hippes, zentrumsnahes Wohnviertel plötzlich extrem attraktiv wurde.
Und Slow Food Wien 2008 am Karmelitermarkt ihren „Slow Food Wien-Corner“ startete, wo Hersteller besondere, seltene und regional-spezifische Produkte anboten. Genau der richtige Impuls zur richtigen Zeit am richtigen Ort – auch wenn der Karmelitermarkt unter der Woche ein wenig leer wirkt, am Wochenende ist der Bär los, auch das Angebot an fixen Ständen verbessert sich kontinuierlich.
Kutschkermarkt: der Phönix
Oder der Kutschkermarkt in Währing, der vor 30 Jahren überhaupt schon kurz davor war, aufgelassen zu werden, bis die Käse- und Delikatessen-Händlerin Irene Pöhl und drei Mitstreiterinnen den sogenannten „Genusspfad“ ins Leben riefen, nichts Kompliziertes, einfach die Möglichkeit, bei jedem der Stände etwas probieren zu können.
Der Kutschkermarkt heute: Eine Gourmet-Meile, die sich sehen lassen kann, mit witziger, individueller Gastronomie und am Wochenende einem der besten Bauernmärkte der Stadt. So erfolgreich übrigens, dass der beinahe schon aufgegebene Markt vor zweieinhalb Jahren bis zur Schopenhauerstraße verlängert wurde.
Ganz ähnlich der Vorgartenmarkt, ebenfalls schon abgeschrieben, bis 2012 das „Kuratorium Kulinarisches Österreich“ – ein Netzwerk, das jährlich das Genuss-Festival im Stadtpark organisiert – ein paar seiner Feinkost-Aussteller dazu motivierte, auch mal am sterbenden Betonmarkt im Stuwerviertel auszustellen. In Folge wurde der Markt nicht nur renoviert, es kamen Mochi mit der Ramen Bar, die Sauerteigbrot-Bäckerei Gragger und andere. Der Markt lebt jetzt wieder.
In Linz hörte es nie auf
Und dann gibt es die seltenen Fälle, bei denen über die Zeit hinweg kaum Fehler gemacht wurden, wie zum Beispiel der Linzer Südbahnhofmarkt: Die Stadt hatte sich von den 28 fixen Ständen, den sogenannten Kiosken, nie getrennt und kann daher bestimmen, wer da drin was verkauft.
Pachtverträge werden vorerst auf ein Jahr geschlossen, erklärt die zuständige Magistratsbeamtin Therese Gilhofer, wenn da alles glatt läuft, wird auf drei, später auf fünf Jahre verlängert. Wenn wieder ein Platz frei wird, gibt’s Ausschreibungen auf der städtischen Website, in einer Zeitung und auf willhaben, Bewerbungen werden von einem Gremium mit Punkten beurteilt, ein persönliches Gespräch sorgt zusätzlich für Klarheit. So gelänge es seit Jahren, einen guten Branchenmix bei hohem Niveau bieten zu können, „natürlich könnten wir auch viel mehr Gastronomie haben, aber das wollen wir nicht“.
Raum für Chancen: Marktraum
Beim Wiener Naschmarkt sah man diesen Zug der Kontrollmöglichkeit offenbar als bereits abgefahren an und beschloss daher, Geld nicht etwa in den Rückkauf von Ständen mit Superädifikat zu investieren und es dann so handzuhaben wie in Linz, sondern quasi einen neuen Naschmarkt zu bauen, den vorigen November eröffneten sogenannten „Marktraum“. 27 Millionen Euro ließ man sich die spektakuläre Markthalle mit begehbarem Dachgarten kosten, dafür kann die Stadt hier nun kuratieren und tut das auch.
Mit der Grazer Traditionsbäckerei Sorger, der Bio-Fleischerei Waldgut, dem Aquaponik-Projekt Blün und dem Süßwasserfisch-Spezialisten Fangfrisch von Alex sind da auch wirkliche Bereicherungen des Naschmarkts feststellbar. Okay, die Fratelli Valentino mit ihrem hausgemachtem Mozzarella zogen nach vier Monaten schon wieder aus, dem Vernehmen nach wegen Personalengpässen und nicht wegen mangelnden Publikumsinteresses. Ins Siegesgeheul der Gegner des Projekts Marktraum muss man deshalb aber nicht einstimmen. Erstens, weil mit dem Wiener Tofu schon ein toller Nachfolger gefunden wurde. Und zweitens: Je mehr Märkte desto besser.
Nebenrechte - Fluch oder Segen?
Seit dem Millennium entdeckten die Österreicherinnen und Österreicher die mediterrane Lebenslust für sich, strömten auf die Märkte, verlangten nach Prosecco und gebratenem Fisch. Und bekamen das dort auch.
Mit dem Effekt, dass die Gastronomen auf den Märkten immer größere Umsätze machten, die Standler daneben sich aber mit der Rolle der stimmungsvollen Kulisse zufriedengeben mussten. Das sorgte für Unmut, 2012 wurde die Marktordnung daher um die sogenannten „Nebenrechte“ ergänzt, soll heißen, Standler durften von da an auch Prosecco ausschenken und an acht Sitzplätzen kleine Speisen verabreichen. Rettete das die Märkte?
Nein, denn damit mutierte vor allem der Wiener Naschmarkt überhaupt zur Gastro-Meile. Mit der Aktualisierung der Marktordnung 2018 ging man dann sogar noch weiter: Statt der bisherigen 33,3 Prozent Marktgebiet darf Gastronomie seither auf 40 Prozent stattfinden, auf 40 Prozent der Fläche ist Handel mit gastronomischen Nebenrechten gestattet, sind in Summe 80 Prozent.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 11/2026 erschienen.







