Wenn es was zu feiern gibt, trinkt man Champagner. Gerade gibt es aber wenig zu feiern, besonders nicht für die Champagner-Hersteller ...
Bernard Arnault hatte schon einmal bessere Monate. Von Jänner auf Februar schmolz das Vermögen des laut Forbes 2023 und 2024 reichsten Mannes der Welt um nicht weniger als 26 Milliarden Dollar. Er ist jetzt nur mehr der siebente in der Milliardärs-Rangliste und auch wenn der stockende Absatz seiner marktführenden Champagner-Häuser (etwa 22,5 % Marktanteil mit den Marken Moët & Chandon, Veuve Clicquot, Ruinart, Dom Pérignon, Mercier und Krug) jetzt sicher nicht das einzige Problem des Luxus-Magnaten ist – sie machen sich bemerkbar.
Und die Sorgen der Champagner-Häuser sind nur zum Teil politischer und ökonomischer Natur, also auf Problemen beruhend, die sich mit etwas Glück rasch wieder ändern können, es ist da wohl auch ein bisschen was Strukturelles dabei. Etwa tendenziell rückläufiger Alkoholkonsum und auch ein in den vergangenen Jahren gestiegenes Preisniveau, bei dem die Luft dann schon ein bisschen dünn wird. Und wenn dann im Zuge der Handelsboykotte gegenüber Russland auch noch ein Luxusgüter-Embargo beschlossen wird, trifft das den Champagner natürlich; und wenn die USA bei jeder politischen Unliebsamkeit Frankreich mit Zöllen von 200 Prozent drohen, dann trifft das den Champagner natürlich ebenfalls, die USA standen bisher immerhin für 27 bis 28 Millionen Flaschen Champagner-Absatz jährlich.
Aber „wir sind weit von Panik entfernt“, meint Christian Josephi, Chef des Bureau du Champagne für Deutschland und Österreich mit Sitz in Stuttgart. Die amerikanischen Zoll-Drohungen hätten den Absatz sogar eher befeuert, weil die amerikanischen Händler vorher noch schnell die Lager anfüllen wollten, der schwache Dollar sei da das aktuell fast noch größere Problem, „und generell weht dem Weinkonsum auch gesellschaftlich gerade ein rauer Wind entgegen“.
Strenge Kontrolle
Aber Champagner ist nicht nur der prestigeträchtigste aller Schaumweine und weltweit der Inbegriff französischer Festlichkeit, er ist auch eine Marktmacht und eines der am strengsten kontrollierte und reglementierte landwirtschaftliche Produkte der Welt.
Zu den Zahlen: Mit 33.500 Hektar zählt die Champagne zu den wirklich großen Anbaugebieten (im Vergleich: Ganz Österreich hat 44.000 Hektar Weinanbaufläche), die jährliche Produktionsmenge liegt bei etwa 300 Millionen Flaschen, was einerseits industrielle Dimensionen erfordert, andererseits unterliegt der Anbau der Trauben für die Grundweine und die Weiterverarbeitung zu Schaumwein strengen Regeln. Die etwa einen maximalen Höchstertrag (der mit 15.500 kg/ha allerdings extrem hoch ist) oder eine Lese von Hand vorschreiben; zugelassen sind nur bestimmte Rebsorten (von denen Chardonnay, Pinot Noir und Pinot Meunier die wichtigsten sind), Flaschenvergärung ist ebenso obligatorisch wie eine Mindestlagerzeit des Weins auf der Hefe in der Flasche (15 Monate).
Und nicht zu vergessen: Den jährlichen Champagner-Umsatz beziffern die offiziellen Stellen in Frankreich mit knapp sechs Milliarden Euro, nur der Verkauf, noch ganz ohne Wertschöpfung.
Es gibt auch Grund für Optimismus
Das sind alles extrem eindrucksvolle Zahlen, aber es sind die Zahlen der Gegenwart, Tendenz rückläufig, Christian Josephi hofft auf Stabilisierung „auf einem Niveau, das uns nicht gefällt“. Der Trend zu leichteren und vor allem zu weißen Weinen bestärkt ihn da in seinem Optimismus, vom Klimawandel könnte die nördliche Champagne sogar eher profitieren und auf eine antialkoholische Bewegung folge immer auch eine Zeit, in der wieder mehr getrunken würde, sagt er. Oder vielleicht auch andere Champagner, nicht mehr die industriell erzeugten Marken-Schaumweine, sondern die Produkte kleiner, individueller Hersteller, die mit eigenen Trauben arbeiten und nach eigener Philosophie vinifizieren.
Die werden immer mehr und das Lob für sie – oder zumindest die besten unter ihnen – wird immer enthusiastischer. Cédric Bouchard zum Beispiel, der seine Champagner ausschließlich sorten- und lagenrein vinifiziert, mit Hektarerträgen von einem Drittel des in der Champagne üblichen.
Antonio Galloni, einer der aktuell einflussreichsten Weinkritiker der Welt, bezeichnet seine Champagner als „… das sind die mitunter reinsten und tiefgründigsten Weine, die weltweit hergestellt werden“. Muss man sie nur noch bekommen, weil im Supermarkt gibt’s die natürlich nicht.
Die Champagner-Polizei
Champagner ist der prestigeträchtigste Wein der Welt, dementsprechend oft wird er kopiert, gefälscht oder man leiht sich seinen klingenden Namen aus, um andere Produkte zu vermarkten. Dagegen wird von den Bureaux de Champagne vorgegangen, „mit freundlichen oder unfreundlichen Briefen“, wie Christian Josephi, Bureau-Chef für Deutschland und Österreich, erklärt, manchmal auch mit Verfahren, die bis zum EUGH reichen. Etwa wenn Aldi für ein Champagner-Sorbet nur minimale Anteile des renommierten Sprudels verwendet, es laut Richterspruch aber um „nachhaltige geschmackliche Prägung gehen muss“. Eine derartige „Rufausbeutung“ sei der häufigste Fall, so Josephi, wobei der Keckheits-Grad nachgelassen habe, das Vorgehen gegen „werbliche Vergleiche“ sei aber nach wie vor sein täglich Brot, also etwa dass ein Sekt nach „Champagner-Methode“ hergestellt werde. Ist die Szene seit der Social-Media-Flut überhaupt noch kontrollierbar? Absolut, so Josephi, „alles, was irgendwie online geht, ist sichtbar“. So auch der Champagnerstollen eines Tiroler Bäckers, für den die Rosinen in Champagner eingelegt wurden, „wir haben uns freundlich unterhalten“. Das über Jahrzehnte am Naschmarkt angebotene Champagner-Kraut vom Gurkerl-Leo blieb dagegen von den Agenten unbemerkt – denn Leo hatte nie eine Website.
Buchtipps


Champagne 456
Eine der aktuell besten und komplettesten Auflistungen und Beschreibungen der Champagner-Produzenten, eine Enzyklopädie quasi. Wird auch international gelobt.
Gerhard Eichelmann mondo Heidelberg (768 Seiten)
€ 72,–


Champagner – das Buch
Peter Jauchs Buch ist weniger lexikalisch, sondern spürt mehr der sinnlichen Komponente des wunderbaren Getränks nach, schöne Fotos, stimmungsvolle Reportagen und Porträts, auch sehr viel Info.
Peter Jauch at Verlag (368 Seiten)
€ 67
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 07/2026 erschienen.







