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Lukas Klaschinski: Gefühle sind das Wichtigste, was wir haben. Alles in uns, ob wir riechen, schmecken, hören oder sehen, wird am Ende in ein Gefühl übersetzt. Gefühle geben uns Informationen über die Welt. Ich unterscheide bewusst nicht zwischen negativ und positiv, sondern zwischen angenehm und unangenehm.
Die angenehmen sagen zum Beispiel: Glück, mach das noch mal, das war gut. Die unangenehmen, wie zum Beispiel Traurigkeit, zeigen uns an, dass wir einen wichtigen Menschen nicht mehr in unserem Leben haben.
Und wenn wir unsere Wut nicht spüren würden, könnten wir vielleicht nicht sehen, dass jemand gerade über unsere Grenze geschritten ist. Wut zeigt uns an: "Das ist unser Raum, bis hierhin und nicht weiter." Und wenn wir Gefühle nicht haben beziehungsweise nicht fühlen, steuern sie uns trotzdem, aber wir wissen nicht, wohin. Das heißt, wir sind wie blind unterwegs, und das ist doch viel gefährlicher.
Wenn wir Gefühle konstant unterdrücken oder nicht wahrnehmen wollen, dann kann das in psychosomatische Beschwerden umschlagen, zum Beispiel Reizbarkeit, Erschöpfung, Angststörungen oder noch schlimmer, Bluthochdruck, Depression und Schlafstörungen.
Klaschinski: Ganz wichtig ist immer zu unterscheiden zwischen Gefühle fühlen und machen - also dem Impuls nachgehen, den mir mein Gefühl gibt. Nur weil ich gerade Wut fühle, heißt es nicht, dass ich meine Aggression ausleben und irgendwas zerschlagen muss.
Das Wichtige ist immer, in den Raum zu kommen zwischen Reiz und Reaktion. Gefühlsbereitschaft ist ein ganz wichtiges Tool dafür. Da habe ich dann die Freiheit zu entscheiden: Ich spüre Wut. Aha, was kann hier gerade passiert sein und wie möchte ich mich verhalten?
Klaschinski: Gefühle brauchen Platz und Zeit und Raum. Das heißt, erst einmal den Mut haben, in diesen Moment der Stille zu gehen, wo das Gefühl aufkommen kann. Gefühle zeigen sich immer als körperliche Reaktion. Was nehme ich eigentlich gerade jetzt im Moment wahr? Ist da eine Enge im Hals? Ist da ein Druck auf der Brust? Vielleicht eine Schwere auf den Schultern? Dann die Bereitschaft zu haben, zu sagen: Ich nehme das an, was gerade da ist.
Ganz viele Gefühle sind unangenehm. Und trotzdem kann ich beschließen: Ich bewerte das erst mal nicht, sondern nehme wahr, wie sich die Wut, die Traurigkeit oder die Scham anfühlt. Wir stehen vor dieser körperlichen Empfindung am besten wie vor einem Kunstwerk, das wir einfach beschreiben und nicht bewerten.
Man kann sich das ein bisschen vorstellen wie das Wetter am Himmel: Wir sind der Himmel und bleiben bestehen. Das Wetter zieht vorbei und kommt in Wellen. Und das sind die Gefühle.
Wenn wir so hinfühlen, macht uns das kompetenter. Und vor allem stärkt das nicht nur die Beziehung zu uns selbst, sondern auch zu unserem Gegenüber. Denn ich kann nur das bei meinem Gegenüber wahrnehmen, was ich bei mir selbst zulasse. Wenn ich jemand bin, der keine Traurigkeit bei mir zulassen kann und sie dann irgendwann auch nicht mehr wahrnehme, kann ich nicht erkennen, wenn meine Partnerin traurig nach Hause kommt und ja eigentlich mal in den Arm genommen werden will.
BERLIN - DEUTSCHLAND: FOTO: APA/APA/dpa/gms/Westend61/Alena A
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