Echte Zeit statt Bildschirmzeit. Brettspiele, Malen, Plaudern, Tanzen - ganz ohne Selfies, Social Media oder Schnell-mal-irgendetwas-im-Internet-Nachschauen. Ein Besuch beim Offline Club.
Hier herrschen klare Worte, ein Plakat an der Tür macht klar, worum es geht: „Put your f*cking phone away“. Das Abschalten beginnt erst einmal mit Anstellen. Viele sind gekommen, und alle warten geduldig darauf, dass sie ihr Handy abgeben können. Ein Paar schießt noch schnell einige Fotos – vom Heurigen, in den der Offline Club geladen hat, und auch noch ein letztes Selfie. Dann ist es so weit, das Telefon, sonst ständiger Begleiter, ohne den eigentlich gar nichts mehr geht, wird weggesperrt. In ein sogenanntes „Handy-Hotel“, eine durchsichtige Box, in der die Smartphones die kommenden Stunden verbringen werden.
Auf den Tischen liegen Brettspiele, Karten, Puzzles sowie Malutensilien, eine DJane sorgt für die richtigen Offline-Vibes. Nach einer halben Stunde, die der inneren Einkehr, dem Schweigen oder dem Lesen (natürlich ein Buch oder eine Zeitung und nicht am Handy) gewidmet ist, und die danach von vielen Gästen als besonders wertvoll und angenehm bezeichnet wird, beginnt der lebhafte Teil der Veranstaltung.


Im Offline Club wird die Handy-Abstinenz unter anderem mit Live-Musik regelrecht gefeiert.
© BeigestelltWer sich hier umsieht, hat das Gefühl, in eine Zeitmaschine geraten und in die Vergangenheit gereist zu sein – die Menschen plaudern miteinander, sie lachen – und das ganz ohne Handyfotos, ohne einander Instagram-Bilder oder TikTok-Videos zu zeigen. Ohne rasch etwas zu posten. Und genau darum geht es den Veranstaltern: Eine bewusste Zeit ohne das Telefon, Zeit im echten Leben statt auf dem Bildschirm. „Es geht um einen bewussten Umgang mit dem Handy. Jeder kennt das ja: Man hat gerade nichts zu tun und greift reflexartig zum Smartphone“, sagt Lena, eine der Veranstalterinnen des „DJ und Apfelstrudel“-Events.
Konzept aus den Niederlanden
Studien zeigen, dass gerade junge Menschen über sich selbst sagen, dass sie zu viel Zeit am Handy verbringen. Der Offline Club trifft einen Nerv, Digital Detox liegt im Trend, Influencer propagieren auf ihren Instagram-Seiten die Telefon-Abstinenz. Das Handy-Experiment des ORF, bei dem Schülerinnen und Schüler für 21 Tage ihr Handy abgeben, erlebte gerade eine große Neuauflage.
Das Konzept des Offline Clubs stammt aus den Niederlanden: Drei Freunde unternahmen im Jahr 2021 einen Ausflug aufs Land – ohne Handy. Diese Offline-Tage haben ihr Leben verändert, berichteten sie danach überschwänglich, sie hätten viel kreativere und glücklichere Gedanken gehabt. Daraufhin gründeten sie die Offline-Bewegung, denn sie seien überzeugt, die Welt brauche mehr Menschlichkeit, mehr Zusammengehörigkeit, mehr Freude und mehr Entspannung. Mittlerweile gibt es entsprechende Offline-Gruppen in 18 europäischen Städten und sogar auf Bali.
Die drei Freundinnen Kerstin, Carina und Sophie sind in ein Kartenspiel vertieft. Sie sagen zwar, dass sie kein problematisches Handyverhalten an den Tag legen, dennoch wollen sie das Telefon weniger nutzen. Sophie hat sich für den Offline-Heurigen gleich ganz in die vordigitale Zeit zurückversetzt. Sie hat sich schon am Vortag angeschaut, wie sie in das Lokal in Wien-Döbling kommt und das Handy dann gleich daheim gelassen.
Spielen und Stricken
Piotr ist allein hier, er möchte neue Leute kennenlernen. Am besten solche mit ähnlichen Interessen. Er will sich gern unterhalten, sagt er, für ihn, der aus Polen stammt und seit neun Jahren in Wien lebt, sei es eine gute Gelegenheit, Kontakte zu knüpfen. Ein paar Tische weiter sitzt das Ehepaar Natascha und Andreas, gemeinsam mit Paula und Maya sind sie über ein Puzzle gebeugt, nur ein paar Teile fehlen noch. Das Handy geht ihnen nicht ab, auch wenn es sehr ungewohnt ist, sich Namen und Nummer des Gegenübers aufzuschreiben, statt mit dem Telefon Nummern auszutauschen.
Die Offline-Erlebnisse werden online geteilt. 600.000 Menschen folgen der Instagram-Seite des Clubs, die Anmeldung zu den Treffen erfolgt digital. Dass das etwas absurd anmutet, wissen die Veranstalter selbst. Doch Lena betont: „Wir wollen ja nicht für immer offline sein.“ Das Projekt kommt jedenfalls an. Die ersten Veranstaltungen, ein Spaziergang im Wiener Prater, der Heurigen-Vormittag oder ein Schallplatten- und Comic-Abend, waren ausgebucht. Geplant sind Treffen, bei denen gestrickt wird, und auch weitere Spieleabende stehen auf dem Programm.
Nicht kostenlos
Kostenlos ist dies nicht, die Preise sind aber so kalkuliert, dass sie als Unkostenbeitrag durchgehen. Dennoch regt es zum Nachdenken an, wenn Menschen dafür zahlen, dass man ihnen das Handy wegnimmt und stattdessen Spiele und Malsachen hinlegt. „Natürlich könnte das jeder auch allein machen, aber das geschieht eben nicht. Ein wichtiger Punkt bei uns ist auch das Ritual des gemeinsamen Telefonwegsperrens“, sagt Veranstalterin Lena.
Nachdem alle Puzzles zusammengesetzt, die Bilder gezeichnet und die Spiele beendet sind, wird es Zeit, das Handy aus seinem „Hotel“ abzuholen. Was man in der Zwischenzeit online wohl verpasst hat?
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 25/2026 erschienen.






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