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Die erste Revolution auf diesem Gebiet bedeutete ehemals die Einführung der Tests auf das Prostata-spezifische Antigen (PSA) im Blut, die seit den 1990er-Jahren international verwendet wird. "Bevor es die PSA-Tests gab, starb jeder zweite Mann mit einem Prostatakarzinom. Heute ist das nur noch eine kleine Zahl. Allein mit den PSA-Tests ist es gelungen, die Sterblichkeit um 51 Prozent zu reduzieren", sagte der Leiter der Universitätsklinik für Urologie der MedUni Wien/AKH, Shahrokh Shariat, vergangene Woche bei einer Pressekonferenz der Praevenire-Gesundheitsinitiative.
Die PSA-Bestimmungen werden seit vergangenem Jahr in einer höchstrangigen deutschen Leitlinie zum Thema Prostatakarzinom auch klar als Basis für die Früherkennung bezeichnet. Gleichzeitig legten die deutschen Experten - wie auch mittlerweile international üblich - fest, dass die altbekannte Tastuntersuchung (digital-rektal) in der Früherkennung dieses Karzinoms keinen Wert mehr besitzt.
Doch die PSA-Tests - vor allem, wenn sie nicht durch andere Untersuchungen ergänzt werden - bringen auch Probleme mit sich: "Wir testen die Falschen", erklärte Shariat. "Mehr als 50 Prozent der Männer über 80 Jahre werden regelmäßig alle paar Monate auf PSA gescreent - obwohl sie kaum davon profitieren. Gleichzeitig bekommt nur rund ein Drittel der Männer zwischen 40 und 70 Jahren, also jener Altersgruppe mit dem größten Nutzen, überhaupt einen PSA-Test."
Doch mit dem Erfolg kamen auch die Schattenseiten der PSA-Tests ans Licht: Überdiagnosen und Übertherapien. Bei 20 bis 30 Prozent der diagnostizierten Männer wird ein Prostatakarzinom festgestellt, das zu Lebzeiten nie klinisch relevant geworden wäre. Unnötige Biopsien, unnötige Operationen, unnötige Nebenwirkungen - Inkontinenz, erektile Dysfunktion und Angst, wie der Experte erklärte.
Hier hat in den vergangenen Jahren die Magnetresonanzuntersuchung (MRT oder MR; Anm.) der Prostata als Zusatzuntersuchung nach einem verdächtigen PSA-Wert (vor allem zwei Tests mit mehr als drei Nanogramm/Milliliter Blut) als riesiger Fortschritt erwiesen. Das hat auch eine internationale Studie unter federführender Leitung von Wiener Urologen (MedUni Wien(AKH) aus dem Jahr 2024 belegt. Die Wissenschafter analysierten die Daten aus zwölf wissenschaftlichen Untersuchungen mit mehr als 80.000 Männern. Verglichen wurde die Genauigkeit der herkömmlichen Screening-Untersuchungen mit PSA-Test auf erhöhte Werte und dann eine Biopsie mit einem Vorgehen via anfänglicher MR-Untersuchung.
Das Ergebnis: Schied man MR-Befunde mit sehr unwahrscheinlichem oder unwahrscheinlichem Vorliegen eines klinisch signifikanten Karzinoms aus, zeigte sich mit MR-Bildgebung eine um mehr als das Vierfache (Faktor 4,15) erhöhte Trefferquote, was das wirkliche Vorliegen eines Karzinoms bei einem positiven Befund betraf. Gleichzeitig reduzierte sich damit die Häufigkeit einer Biopsie um 72 Prozent, nicht wirklich bedeutsame Prostatakarzinome wurden um zwei Drittel weniger häufig diagnostiziert. Die Genauigkeit beim Finden von für die Betroffenen wirklich gefährlichen Prostatakarzinomen blieb hingegen gleich.
Eine erst vor wenigen Tagen in der Zeitschrift der amerikanischen Ärztegesellschaft ("JAMA Oncology"; doi: 10.1001/jamaoncol.2026.0371) erschienene Studie unter Leitung von niederländischen Wissenschaftern hat ergeben, dass eine MR-Untersuchung bei Prostatakarzinom-Patienten auch den wahrscheinlichen Krankheitsverlauf vorhersagen kann. Das ergänzt den Wert des bildgebenden Verfahrens zur reinen Diagnose noch mehr.
Jetzt soll in Österreich bald der Startschuss für ein organisiertes, geordnetes und faires Screening zur Früherkennung von Prostatakarzinomen gegeben werden. Unter Federführung der Österreichischen Gesellschaft für Urologie und Andrologie (ÖGU) und des Berufsverbands der Urologen Österreichs (BVU) wurde in einem breiten Konsensusprozess mit mehr als 70 Beteiligten aus über 20 Organisationen - Fachgesellschaften, Systempartnern wie ÖGK, SVS und BVAEB sowie Patientenorganisationen - ein nationales Konsensusstatement erarbeitet. Das Dokument wird bis Anfang Juli 2026 finalisiert und übergeben; die öffentliche Kommunikation beginnt laut Shariat ab Sommer 2026.
In Österreich gibt es bisher - auch entgegen den EU-Vorgaben, so der Wiener Urologe - nur ein sogenanntes "opportunistisches Prostatakarzinom-Screening". Untersucht wird eben per Zufall und Gelegenheit. Die Verteilung ist sozial unfair. Je gebildeter Männer sind und je höher ihr Einkommen ist, desto eher bekommen sie die Früherkennungsuntersuchung.
Und so sollte in Zukunft ein effizientes Früherkennungsprogramm auf das Prostatakarzinom in Österreich aussehen: Alle Männer zwischen 50 und 70 werden eingeladen. Die PSA-Tests könnten über die Allgemeinmedizin, Urologen oder Internisten erfolgen. Von 1.000 Teilnehmern dürften rund hundert bis 160 verdächtig hohe PSA-Werte aufweisen. Nach Wiederholen eines ersten Tests mit verdächtigem Ausgang dürften 30 bis 75 der Untersuchten zu einer genaueren Risikobestimmung plus MR-Bildgebung kommen. Dann bleiben wahrscheinlich zehn bis 30 Männer übrig, die eine Biopsie benötigen. Bei neun bis 22 Männern dürfte schließlich wirklich ein Karzinom vorliegen.
Die erhöhte Genauigkeit sollte das Programm effizienter und gleichzeitig kostengünstiger machen. "Damit kommen wir auf mehr als 50 Prozent weniger PSA-Tests, mehr als 25 Prozent weniger MR-Untersuchungen und auf mehr als 30 Prozent weniger Biopsien als mit einem unregulierten System. Gleichzeitig werden klinisch relevante Prostatakarzinome besser erkannt", erklärte Shariat. In Irland als Beispiel habe man allein die Zahl der PSA-Tests mit einem organisierten Screening von 500.000 pro Jahr auf rund 200.000 senken können.
FRANKFURT/MAIN - DEUTSCHLAND: FOTO: APA/APA/dpa/Andreas Arnold





