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Kind ist "Picky Eater"? Warum Gemüse verstecken nicht hilft

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Ronia Schiftan ist Gesundheits- und Ernährungspsychologin
©Ruben Ung, APA, dpa-tmn
Eltern sind häufig irritiert, wenn Kinder ihr liebevoll zubereitetes Essen mit Sätzen wie "Das sieht komisch aus" oder "Das knirscht im Mund" ablehnen. Das wollen Mütter und Väter ungern so stehen lassen und drängen: "Probier doch mal, nur ein kleines bisschen." Wenn das nicht hilft, kramen sie vielleicht noch einen Satz heraus, der ihnen selbst als Kind um die Ohren gehauen wurde: "Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt! Basta!".

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Gesundheits- und Ernährungspsychologin Ronia Schiftan kennt solche Situationen von verzweifelten Eltern, die Beratung bei ihr suchen. Bei dem Basta-Satz hakt sie dann gerne ein, fragt: "Und wie haben Sie sich damals gefühlt?" Häufigste Reaktionen: offener Mund, ungläubiges Staunen, manchmal nur ein Wort: "mies" oder "wütend".

Und man ahnt es schon: Wenn Psychologen einem Problem auf den Grund gehen, suchen und finden sie es in der Kindheit. "Unser Essverhalten ist von den ersten Kinderjahren geprägt - mit all den Kämpfen und emotional angespannten Stresssituationen am Familientisch", sagt Ronia Schiftan, Autorin des Buches "Wie Kinder essen - Kindliches Essverhalten verstehen, Prägungen reflektieren und Familien entspannen", im Interview.

Ronia Schiftan: Ja. Wenn Eltern ehrlich sind, kennen die meisten die Struggles am Tisch aus der eigenen Kindheit. Jede Generation wird von der vorherigen geprägt. So kann es sein, dass bei der Nachkriegsgeneration drinsteckte: "Du musst aufessen, man weiß ja nicht, ob man morgen wieder kann. Oder ob es genug Lebensmittelkarten gibt" und so weiter. Das wurde an die Babyboomer vermittelt - inklusive des Satzes: "Wenn du nicht aufisst, scheint morgen nicht die Sonne" und Stress am Tisch war vorprogrammiert.

Die Boomer erlebten dann eine ganz andere Realität mit Wirtschaftsboom und Diätindustrie aus den USA. Schlank sein war das Ziel. Das strahle Gesundheit aus, verspricht Erfolg. Das Erreichen - eine Frage der Disziplin. Neuer Stress am Tisch. Die Kinder der Diät-Mütter erbten neue, alte und ganz alte Überzeugungen - und wie wichtig Gemüse sei. Die bewegt nun oft die Frage: "Wie kann ich reichlich davon meinem Kind unterjubeln." Stress für alle Seiten.

Schiftan: Ja. Das Bild vom harmonischen Familientisch kennen die wenigsten. Der Esstisch ist meist ein Ort der Erziehung, Diskussion und Konflikte. Eigentlich genau der Ort, wo man es nicht möchte.

Schiftan: Da frage ich als Psychologin: Warum muss das Kind überhaupt den berühmten Brokkoli essen? Da geht es doch um etwas anderes: Wir wollen als Eltern einen Wunsch umsetzen. Aber ist denn der überhaupt nötig?

Schiftan: Eltern sollten verstehen, wie Kinder eigentlich essen. Sie sind intuitiv Essende, kommen quasi esskompetent auf die Welt. Das Baby bekommt Milch von der Brust oder aus der Flasche. Ist es gesund, verhungert es nicht und man kann es auch nicht überfüttern. Will es nicht mehr, macht es einfach den Mund zu, presst die Lippen zusammen, dreht den Kopf weg oder bricht wieder raus. Das Kind entscheidet aufgrund der Innenreize wie Hunger, Sättigung, aber auch nach Nährstoffbedarf.

Wenn das Kind später sozialisiert wird, beginnt eine Übersteuerung. Ein Beispiel: Das Kind kommt heim, sagt: "Papa, ich habe mega Hunger." Es ist aber erst halb zwölf. Papa sagt: "Ich bin noch am Kochen, Essen gibt es erst um 13.00 Uhr. Geh spielen." Dann lernt das Kind: Vergiss dieses starke Körpersignal. Ich muss es zugunsten der sozialen Anforderungen hinten anstellen und den Hunger verdrängen.

Andersherum wirkt der Satz: "Wenn du das Gemüse nicht aufisst, gibt's keinen Nachtisch!" Übersetzt heißt das: Du musst erst durch das Schlechte durch, um eine Belohnung zu bekommen. Dann wird das Gemüse als Bestrafung empfunden. Dazu soll man über den Hunger essen und mehr, als einem der Körper sagt.

Der Sozialisierungsprozess hilft in vielen Bereichen, aber im Bereich Ernährung ist er fatal. Man verliert die Körperwahrnehmung, konzentriert sich auf äußere Anforderungen. Gleichzeitig wollen Kinder ihre Essens-Umwelt entdecken. Und das machen sie ganz anders, als wir meinen.

Schiftan: Stellen Sie sich einen Linseneintopf vor! Wir sehen zwischen den Linsen etwas Oranges und denken: Ahh, das wird Karotte sein. Wir sehen vielleicht Zwiebelstückchen und haben eine Zwiebel vor Augen, die mich einlädt. Wir haben irgendeine Erfahrung mit all den Zutaten und können darauf vertrauen: Das kann ich essen.

Das Kind sieht diese braune Matsche mit irgendwelchen Sachen drin, hat aber diese Konzepte noch gar nicht gelernt. Je nach Garstufe, Wachstum, Reifegrad sieht halt eine Karotte anders aus und schmeckt auch anders. Genau wie die Wurststückchen da drin. Die sehen anders aus als Wurst am Stück und gekocht schmecken sie auch noch mal anders. Also sind Kinder erst einmal tendenziell unsicher. Sie müssen Geschmack auch erst lernen.

Das geht uns nicht anders, wenn wir auf Reisen sind und etwa eine unbekannte Suppe essen, die Sachen darin aber nicht identifizieren können. Da hätten wir auch lieber Sicherheit und wüssten gerne, was da drinnen ist. Wenn dann noch Unbekanntes zur Unkenntlichkeit wegpüriert worden ist, fühlt man sich überrumpelt, oder? Deshalb ist Gemüse verstecken absurd, weil man genau das Gegenteil erreicht. Entscheidend ist aber auch der Lernmoment für das Kind. Oft setzen Eltern neues Essen zum falschen Zeitpunkt vor.

Schiftan: Lernmomente benötigen Energie, sogar viel Energie. Wenn wir müde sind, machen wir uns ja auch nicht ans Prüfungslernen. Was passiert also, wenn das Kind nach einem langen Kindergarten-Tag müde und hungrig heimkommt und den unbekannten Linseneintopf sieht? Da reicht es nicht, wenn man nach dem Motto verfährt: "So, hier hast du. Du weißt zwar nicht, was es ist, aber vertrau mir." Das wäre so, wenn wir erst eine komplizierte mathematische Aufgabe lösen müssten, bevor wir essen dürften. Ein besserer Lernmoment ist etwa, wenn man einen Kindertag am Nachmittag nutzt und das Essen gemeinsam vorbereitet. Dann kann man etwa die Karotte spielerisch quasi nebenbei in verschiedenen Situationen erklären, im Ganzen, roh, geschnippelt, gekocht.

WIEN - ÖSTERREICH: FOTO: APA/APA/dpa-tmn/Christin Klose/Christin Klose

WIEN - ÖSTERREICH: FOTO: APA/APA/dpa-tmn/Ruben Ung/Ruben Ung

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