Tiefe Seufzer beruhigen nicht nur das Nervensystem, sie tun auch viel für unsere Lungengesundheit: Eine neue Studie zeigt, dass tiefes Ein- und Ausatmen die Struktur der Lungenflüssigkeit verändert und die Atmung erleichtern kann. Wie man richtig atmet und warum die richtige Atemtechnik sogar Erkrankungen vorbeugen kann.
Der Atem gehört wie Herzschlag, Verdauung und Temperaturregulation zu den unwillkürlichen Körperfunktionen, ist zugleich aber die einzige, die sich gezielt steuern lässt.
Seufzer, jene tiefen Atemzüge, die oft ganz automatisch kommen und den Körper spürbar entspannen, tun dabei nicht nur der Seele gut. Wie eine Studie der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH) zeigt, erfüllen sie auch eine wichtige physiologische Funktion. In ihrer 2025 veröffentlichten Arbeit untersuchten die Forschenden die menschliche Lungenflüssigkeit und kamen zu dem Ergebnis, dass Seufzen weit mehr ist als ein Ausdruck von Erleichterung: Tiefe Atemzüge tragen aktiv zur Funktionsfähigkeit der Lunge bei.
Wenig beachtete Flüssigkeit
Schon ein einzelner tiefer Atemzug kann die Lungenfunktion verbessern und das Atmen erleichtern. Verantwortlich dafür ist eine flüssigkeitsartige Substanz, die die gesamte Oberfläche der Lungenbläschen überzieht. Diese sogenannte Lungenflüssigkeit reduziert die Oberflächenspannung und beeinflusst damit maßgeblich die mechanischen Eigenschaften der Lunge, erklären die Studienautoren Jan Vermant und Maria Novaes Silva.
In ihren Versuchen simulierten die Forschenden die Bewegungsabläufe normaler und tiefer Atemzüge und erfassten dabei die jeweilige Oberflächenspannung der Flüssigkeit. Das Resultat: Ihre größte Wirkung entfaltet die Lungenflüssigkeit bei gelegentlichen tiefen Atemzügen. Beim Einatmen dehnt sich die Lunge, beim Ausatmen zieht sie sich zusammen – eine Bewegung, auf die das Gewebe mit Widerstand reagiert.
Die Experimente zeigen jedoch, dass sich dieser Widerstand durch tiefe Atemzüge deutlich verringert. Die Oberflächenspannung nimmt ab, die Lunge
wird somit nachgiebiger, erklärt Studienautor Vermant: „Je nachgiebiger das Organ, desto weniger Widerstand gibt es beim Zusammenziehen und Ausdehnen und desto einfacher fällt somit das Atmen.“
Dass viele Menschen nach einem tiefen Atemzug ein Gefühl von Weite oder Erleichterung in der Brust verspüren, lässt sich somit physikalisch erklären. Ursache ist der besondere, mehrschichtige Aufbau der Lungenflüssigkeit. Idealerweise ist die oberste Schicht etwas steifer, während die darunterliegenden Schichten weicher und empfindlicher sind, erläutert Erstautorin Novaes Silva. „Direkt an der Grenze zur Luft befindet sich eine etwas steifere Oberflächenschicht. Darunter liegen mehrere Schichten, die weicher als die Oberflächenschicht sein sollten.“
Um die optimale Schichtung herzustellen, ist von Zeit zu Zeit ein tiefer Atemzug nötig. Ursache sei eine Anreicherung gesättigter Lipide, die zu einer dichteren Packung der Grenzfläche führe, so die Forscherin.
Flache Atmung
Im Ruhezustand atmet ein erwachsener Mensch zwölf bis 15 Mal pro Minute und nimmt pro Atemzug rund einen halben Liter Luft auf. In Stresssituationen wird die Atmung automatisch flacher – ein natürlicher Mechanismus, der den Körper in Alarmbereitschaft versetzt. Dabei hebt und senkt sich nur der Brustkorb, während Herzfrequenz und Blutdruck steigen: Der Körper schaltet in den Fluchtmodus.
Ein tiefer Atemzug geht über das bloße Anheben des Brustkorbs hinaus. Dabei weitet sich dieser, das Zwerchfell verlagert sich nach unten in den Bauchraum, der Bauch wölbt sich, die Lunge füllt sich vollständig mit Luft. Organe werden optimal mit Sauerstoff versorgt, zudem werden viele Organe im Bauchraum regelrecht „massiert“, weshalb eine flache Atmung nicht selten im Verdacht steht, Verdauungsprobleme zu verursachen.
Eine dauerhaft flache Atmung kann vor allem dann ungesund werden, wenn sie als Folge langen Sitzens oder durch chronischen Stress auftritt. Wer überwiegend flach atmet, nutzt sein Lungenvolumen nicht vollständig. Müdigkeit, Kopfschmerzen und muskuläre Verspannungen können die Folge sein, im schlimmsten Fall können dadurch sogar bestimmte Krankheiten begünstigt werden.
Richtig atmen lernen
Die richtige Atemtechnik kann gesundheitsfördernd wirken, doch wer Atemtechniken recherchiert, muss einen langen Atem beweisen. Das Angebot ist gigantisch und reicht von der „4-7-11“-Atemübung (hier wird vier Sekunden lang eingeatmet, sieben Sekunden lang ausgeatmet und das für mindestens elf Minuten am Stück) über die „4-7-8“-Atmung (einatmen, bis vier zählen, Luft anhalten, bis sieben zählen, dann mit geöffnetem Mund laut und vollständig ausatmen und dabei bis acht zählen), bis zu tagelangen Workshops.
Auch für traditionelle Lehren wie Yoga ist die Atmung ein zentrales Element in der Praxis. Beim Pranayama wird der Atem bewusst reguliert und vertieft, was nachweislich Stress reduzieren, Puls und Blutdruck senken und die Aktivität des Parasympathikus – jener Teil des vegetativen Nervensystems, welcher auch als „Ruhenerv“ bezeichnet wird – erhöhen kann.
Beim Biohacking widmet man sich ebenfalls intensiv der Wirkung des Atmens: Als „Breathwork“ wird die aktive Arbeit mit der Atmung bezeichnet und dabei werden spezielle Atemtechniken geübt, bei welchen Ein- und Ausatmung gezielt angesteuert werden. Durch die Übungen steigt die Sauerstoffversorgung im Blut, gleichzeitig sinkt die Konzentration des Stresshormons Cortisol.
„Unser Atem ist das einzige System in unserem Körper, das wir bewusst beeinflussen können und das zugleich unser gesamtes System beeinflusst“, erklärt Dominique Scharax, Gründerin von Move Mind Food by Dominique und erste zertifizierte FBR* Breathwork Facilitatorin. Regelmäßige Einheiten sollen unter anderem zu mehr Entspannung, besserem Schlaf und besserer Verdauung führen. Die Effekte sollen sich schon nach kurzer Zeit einstellen. Weniger entspannend sind allerdings die Kosten: Für entsprechende Workshops werden mitunter mehrere Hundert Euro fällig.
FBR:
FBR steht für „Facilitated Breath Repatterning" und versteht sich nicht als klassisches Atemtraining, sondern als körperorientierter, intuitiver Ansatz, bei dem Atemarbeit mit Körperarbeit, Wissen über das Nervensystem und traumasensibler Begleitung verbunden werden.
Nachhaltige Wirkung
Unstrittig ist jedoch die Bedeutung einer ruhigen, tiefen Atmung für die Gesundheit. Bei gewissen Erkrankungen werden bestimmte Atemübungen sogar empfohlen, wie bei chronischer Bronchitis oder COPD. Allerdings sollten diese immer unter ärztlicher Absprache erfolgen. Mit richtigem Atmen können Entspannung gefördert und Schmerzen gemindert werden. Ob mit oder ohne Workshop: Der Atem mag unauffällig scheinen, jedoch kann er ein einfaches Instrument sein, um die eigene Gesundheit und Leistungsfähigkeit gezielt und effizient zu beeinflussen.
Hotel Miramonte
Vom 23. bis 27. März stehen im Bad Gasteiner Hotel Miramonte bewusstes Atmen und Entspannung im Mittelpunkt. Unter der Leitung von Eleanor Curtis - Triathletin, zertifizierte Freitaucherin und Gründerin der Londoner Akademie „The Breathing Practice" - lernen die Teilnehmenden verschiedene BreathworkTechniken sowie begleitende Entspannungsübungen.
Biogena
Die Breathwork Sessions von Biogena setzen auf wissenschaftlich fundierte Atemtechniken, um Energie, mentale Klarheit und innere Balance zu fördern. Die alltagstauglichen Sessions lassen sich flexibel als Einzeltermin oder im Paket buchen und eignen sich als ergänzender Baustein für eine ganzheitliche Longevity-Routine. Ab 49,99 Euro pro Anwendung.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 07/2026 erschienen.







