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Für die Eltern bedeutet die Anwesenheit der Großeltern vor allem eines: Entlastung. Der ständige Blick auf die Kinder, die Organisation des Tages, die Bespaßung verteilen sich auf mehr Schultern. Für Paare, die im Alltag kaum Zeit füreinander finden, kann das eine seltene Gelegenheit sein, wieder mehr miteinander zu sprechen, gemeinsam etwas zu unternehmen, einfach durchzuatmen.
Die Kinder profitieren davon, dass die Großeltern oft mehr Geduld mitbringen und weniger Alltagsstress im Gepäck haben als die Eltern. Sie lassen sich auf endlose Runden Memory ein oder auf das dritte Eis. Sie erzählen Geschichten aus ihrer eigenen Kindheit und aus der Zeit, als Mama oder Papa noch klein waren.
Auch finanziell kann sich die Konstellation lohnen. Ein großes Ferienhaus für alle ist oft günstiger als zwei separate Unterkünfte, und die Kosten für Ausflüge, Einkäufe oder ein gemeinsames Abendessen im Restaurant lassen sich aufteilen. Soweit die Theorie.
"Ein Mehrgenerationenurlaub kann sehr positive Effekte haben, mit ausdrücklicher Betonung auf dem Wort "kann"", sagt Sozialpädagogin Dana Mundt. "Aber er ist nicht zwangsläufig entlastend. Man sollte ihn deshalb nicht aus Pflichtgefühl planen, jede Familie muss das für sich entscheiden", betont Mundt.
Doch vor einem Urlaub sind die Koffer auch randvoll mit Erwartungen. Häufig kollidieren die jeweiligen Vorstellungen von Erholung: Die einen wünschen Aktivität, die anderen Ruhe. Die Eltern setzen auf Kinderbetreuung durch die Großeltern und planen Ausflüge zu zweit. Oma und Opa würden am liebsten alles zusammen unternehmen. "Erwartungen hat jeder, aber man sollte versuchen, sie nicht zu hoch anzusetzen", sagt Mundt: "Wenn die Erwartungen zu starr sind, dann sind Konflikte schnell verbunden mit dem Gefühl des Scheiterns."
Bevor es überhaupt ans Planen geht, auf die Suche nach dem passenden Reiseziel und einer geeigneten Unterkunft, sollten deshalb die jeweiligen Vorstellungen vom gemeinsamen Urlaub ganz offen besprochen werden, empfiehlt Anna Hofer, Elternberaterin und Co-Autorin des Buchs "Bei meinem Kind mache ich das anders", das sich mit Generationenkonflikten rund um Erziehungsthemen beschäftigt. Ihr Tipp: In einem ersten Schritt schreibt jeder auf, wie er oder sie sich den Urlaub vorstellt.
Erwartungen an Tagesabläufe, Rückzugsmöglichkeiten, Kinderbetreuung und gemeinsame Aktivitäten sollten benannt werden. Auch Themen wie die Aufteilung der Kosten, Schlafgewohnheiten oder gesundheitliche Einschränkungen gehören auf den Tisch. Zentral ist die Frage nach den Erwartungen an Nähe und Distanz.
Manche Großeltern wünschen sich intensive gemeinsame Erlebnisse, andere sind bereits mit wenigen Stunden am Tag zufrieden. Manche Eltern erhoffen sich viel Unterstützung, andere möchten lieber nur gelegentliche Berührungspunkte. "Das liest man sich dann gegenseitig vor. So erhält man ein realistisches Bild der Erwartungen", sagt Hofer.
In einem zweiten Schritt macht man sich bei unterschiedlichen Vorstellungen auf die Suche nach Kompromissen. Und unterzieht die möglicherweise etwas idealisierten Großeltern-Vorstellungen vom stundenlangen gepflegten Familienbrunch mit quirligen Kleinkindern einem Realitätscheck. Auf dieser Basis lässt es sich dann entscheiden, ob man es sich vorstellen kann, gemeinsam zu verreisen - oder nicht.
"Wenn man eine solche ehrliche Kommunikation erst einmal etabliert hat, dann kann man sie in vielen Situationen nutzen, zum Beispiel auch bei der Vorbereitung einer Familienfeier", sagt Hofer.
Ein heikles Thema sind unterschiedliche Erziehungsvorstellungen, bei der Ernährung beispielsweise oder bei den Schlafenszeiten. Wenn Großeltern Regeln lockern oder eigene Maßstäbe anlegen, fühlen sich Eltern schnell untergraben. "Eltern sollten ihre Grenzen im Vorfeld klar und zugleich wertschätzend kommunizieren", rät Mundt.
Das kann in der Praxis dann beispielsweise folgendermaßen klingen: "Wir sehen, dass ihr euch einbringen möchtet, aber diese Entscheidung wollen wir als Eltern treffen." Zugleich plädiert die Erziehungsexpertin - es ist schließlich Urlaub - für eine gewisse Gelassenheit, wenn es um die nicht ganz so grundsätzlichen Fragen geht, um ein Eis mehr oder weniger beispielsweise.
Solche Konflikte haben oft zu tun mit unbewussten Rollenzuschreibungen. Großeltern sehen ihre längst erwachsenen Söhne und Töchter manchmal noch als die Kinder von früher und geben ungefragt Ratschläge. Die mittlere Generation wiederum fühlt sich bevormundet und reagiert möglicherweise gereizter als nötig - alte Konflikte flammen auf, gerade weil man sich so nahe ist.
Leichter werde es, wenn man weiß, warum gewisse Bemerkungen einen zuverlässig auf die Palme bringen, sagt Hofer: "Im besten Fall schafft man es, ein bisschen Abstand zu gewinnen und zu lachen, weil man sich wieder selbst auf den Leim gegangen ist." Aber auch das ist eine zwischenmenschliche Beziehungsarbeit, die man im besten Fall nicht im Urlaub, sondern schon im Vorfeld erledigt.
Perfekt wird der Mehrgenerationenurlaub vermutlich nie sein. "Aber im besten Fall", sagt Hofer, "wird man davon überrascht, dass alles viel besser geklappt hat, als vorher vermutet."
WIEN - ÖSTERREICH: FOTO: APA/APA/dpa-tmn/Roger Richter






