Junge Politik von

Julia Herr: "Kurz ist so jung
und hat so alte Ansichten"

SJ-Chefin über den perfekt inszenierten Kanzler und Rendi-Wagners "Einheizer"-Qualitäten

Julia herr © Bild: APA/Gindl

„Frau Herr“ schlug FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache als SPÖ-Parteichefin nach Christian Kerns Abgang – scherzhaft – vor. Das ist sie zwar nicht geworden, doch Julia Herr ist seit 2014 Chefin der sozialistischen Jugend (SJ). News hat im Rahmen der Reihe „Junge Politik“ mit der 25-Jährigen über ihr Pendant bei den „Großen“, Pamela Rendi-Wagner, deren Fähigkeit, die SPÖ aus der Krise zu führen sowie Sebastian Kurz und seine schwarz-blaue Regierung gesprochen.

Sie sind 25 Jahre alt, wie sind Sie in die Politik gekommen? Was hat Ihr Interesse geweckt?
Ich war schon immer politisch interessiert. Es waren die ganz großen Fragen, die mich schon mit 14 beschäftigt haben. Ich habe etwa nicht verstanden, warum Frauen anders behandelt werden als Männer, oder auch nicht, wieso im reichen Land Österreich Obdachlose auf der Straße sitzen. Ich habe immer gedacht, diese Ungerechtigkeiten muss man beheben.

Wie sind Sie dann bei der SPÖ gelandet?
Ich war zwar interessiert, aber nicht sicher, ob die SPÖ meine Partei ist. Dann habe ich an einem Seminar mit 300 jungen Menschen teilgenommen, die politisch diskutiert und erzählt haben, was sie machen, um die Welt zu verbessern. Ich bin direkt am Seminar noch Mitglied der SJ (Sozialistische Jugend) geworden und habe gewusst: Das ist es.

»Wir putzen selbst, wenn die Veranstaltung vorbei ist. «

Wie lernt man Politiker?
Das ist „learning by doing“. Gerade in einer Jugendorganisation lernt man so viel, weil wir alles selbst machen: Wir planen unsere Kampagnen und Seminare selbst, wir diskutieren inhaltlich, wir schreiben unsere Flyer; wir putzen selbst, wenn die Veranstaltung vorbei ist.

Was ist die Aufgabe einer Jugendpartei wie der SJ?
Die Hauptaufgabe ist es, junge Menschen zu erreichen und sie zu berühren. Dass junge Menschen anfangen können, politisch zu träumen und visionär zu denken aber auch kritische Fragen zu formulieren.
Eines meiner Lieblingszitate ist: „Bildung ist nicht, einen Eimer zu füllen, sondern ein Feuer zu entfachen“ und wir sehen es auch als unsere Aufgabe, vielen jungen Menschen zu zeigen, dass die Welt nicht so sein muss, wie sie ist. Und dass sie das Zeug in der Hand haben, sie besser zu machen.

»Man unterschätzt junge Menschen oft. «

Wie schwer ist es, Jugendliche politisch zu erreichen?
Meine Wahrnehmung ist, dass junge Menschen gerade sehr politisch interessiert sind. Junge Leute sind nicht blöd, die bekommen mit, dass im Moment sehr vieles im Umbruch ist. Ich glaube, dass die jungen Menschen in Österreich extrem polarisiert sind und wir merken auch, dass jetzt gerade sehr viele Menschen aktiv werden wollen. Man unterschätzt junge Menschen oft.

Wie würden Sie die Stimmung unter den Jungen im Land derzeit beschreiben?
Es gibt nicht „die Jugend“, das ist nicht eine homogene Gruppe. Die Unterschiede, die man im Großen sieht, gibt es auch bei der Jugend. Gerade den Unterschied zwischen Stadt und Land sehen wir sehr stark.

Worin liegt dieser Unterschied?
Jugendliche am Land haben größere Herausforderungen. Wenn man in einem Abwanderungsgebiet lebt, wo es keine Jobs gibt und sich alle die Frage stellen, ob man in die Stadt ziehen muss, dann hat das einen extremen Einfluss. Darum ist es unser Anspruch, in jedem kleinen Dorf in Österreich SJ-Ortsgruppen zu haben.

» Ich kann mich zu allem zu Wort melden und es gibt keine Möglichkeit, wie die SPÖ mich stoppen kann. «

Was hat die SPÖ jungen Menschen zu bieten?
Was die SPÖ jungen Menschen bietet - und das hebt uns von JVP (Junge ÖVP), RFJ (Ring Freiheitlicher Jugend) oder sonstigen Jugendorganisationen ab - ist, dass wir zu 100 Prozent unsere Entscheidungen allein treffen können. Niemand verbietet der SJ ihre Meinung. Ich kann mich zu allem zu Wort melden und es gibt keine Möglichkeit, wie die SPÖ mich stoppen kann. Wir haben natürlich ein Naheverhältnis, aber wir haben uns über 120 Jahre lang erkämpft, dass die SJ ein eigenständiger Verein ist. Das gibt uns viel Freiraum.

Muss eine Jugendorganisation rebellisch sein?
Sie muss eigenständig sein, sonst ist es ein Verschönerungsverein. Oft nimmt man junge Menschen mit auf die Liste, weil es gut ankommt oder aufs Foto, um sich jugendlich oder dynamisch zu verkaufen. Das ist extrem heuchlerisch. Jung sein ist keine politische Kategorie.

»Rendi-Wagner ist dann die Richtige, wenn sie es schafft, Schwarz-Blau einzuheizen.«

Sie sind Vorsitzende der SJ, Pamela Rendi-Wagner führt die SPÖ; zwei Frauen an der Spitze. Wie sehr freut Sie das? Was bedeutet das für die SPÖ?
Es freut mich immens. Wir sagen immer: „Wir wollen nicht ein Stück vom Kuchen, wir wollen die Hälfte der Bäckerei“ und wenn kaum Frauen an den großen Machthebeln sitzen, braucht man nicht von Gleichberechtigung zu sprechen. Deswegen war das ein unglaublich wichtiges Zeichen, dass die SPÖ jetzt eine Frau an der Spitze hat. Die Politik ist immer noch eine Männerdomäne und es ist wichtig, dass Frauen diese durchbrechen und sagen: „Ich kann es genauso gut, oder sogar besser.“

Ist Rendi-Wagner die Richtige, um die SPÖ wieder an die Spitze zu führen?
Politik nur auf Personen zuzuspitzen, finde ich falsch. Ich glaube, sie ist dann die Richtige, wenn sie es schafft, Schwarz-Blau einzuheizen. Sie ist ein Kontrast zu Schwarz-Blau. Wir müssen die Alternative sein und das nicht nur im frauenpolitischen, sondern in ganz vielen Bereichen.

Trauen Sie ihr das zu?
Ja, ich traue es ihr zu.

Julia Herr
© News.at Julia Herr beim Interview mit News.at im SJ-Büro: "Rendi-Wagner ist die Richtige, wenn sie es schafft, Schwarz-Blau einzuheizen"

Kann der Weg zurück zur Spitze gelingen? Wenn ja, wie?
Das wichtigste ist Glaubwürdigkeit. Das, was wir sagen, müssen wir auch umsetzen und ich glaube, die Themen sind auf unserer Seite.

Was ist bei der SPÖ in den letzten Jahren falsch gelaufen?
Man hat sich zu oft mit dem Kompromiss zufrieden gegeben. Ich war nie eine Unterstützerin der rot-schwarzen Bundesregierung und habe immer gesagt: Man geht nur dann als sozialdemokratische Partei in die Regierung, wenn man sozialdemokratische Inhalte umsetzen kann und wenn das nicht geht, dann verlassen wir diese Regierung. Ich glaube, da müssen wir einfach wieder radikaler werden.

Im Bildungsbereich gibt es zahlreiche Probleme…
Beim Bildungssystem müssten wir generell einmal ganz neu auf einem weißen Blatt Papier aufzeichnen, wie es ausschauen soll, da fehlt es seit Jahrzehnten an Reformen. Ich glaube, dass das Bildungssystem ausfinanziert gehört, es kracht an zu vielen Ecken und Enden.

Aber die letzten Jahrzehnte war auch die SPÖ an der Macht…
Aber gerade bei Bildungsthemen braucht man die Zwei-Drittel-Mehrheit. Ich hätte mir gewünscht, dass mehr passiert, aber da hat die ÖVP wirklich blockiert. Im Gegenteil, es gab sogar eher immer der Wunsch nach einem „Zurück wie es früher war“.

Was halten Sie von den Regierungsmaßnahmen bzw. Ideen der Deutschklassen sowie Deutschpflicht in Pausen?
Was ist das für ein Blödsinn? Darf man Sprachen, die man kann, nicht mehr sprechen in der Schule? Ich finde Mehrsprachigkeit ist eine große Chance. Was soll man 13- oder 14-Jährigen vorwerfen, wenn die ihre Muttersprache sprechen? Die Politik soll dort ansetzen, wo man sie braucht und aufhören, junge Menschen zu verteufeln.

»Die Regierung schafft sich wissentlich Probleme, um dann sagen zu können: "Die Integration läuft schlecht. Die Ausländer sind an allem schuld.“ «

Was wären Ihre Lösungsansätze in Bezug auf die Migrationsthematik?
Man weiß, dass in der Schule viel Druck herrscht. Aber egal ob Integration, Schulstress, Mobbing oder sonstige Probleme: was man bräuchte, ist Sozialarbeit an der Schule. Damit junge Leute, gerade auch jene aus ärmeren Familien, einen Ort haben, um ihre Probleme anzusprechen. Da haben wir viel zu wenig Angebot.
Unter der letzten Regierung gab es einen Extra-Fördertopf für Integration an der Schule, der ist jetzt auf die Hälfte gekürzt worden. Man schafft sich da wissentlich selbst Probleme, um dann wieder sagen zu können: „Die Integration läuft schlecht. Die Ausländer sind an allem schuld.“

Auch Sie sind auf Facebook und Co. vertreten. Wie gefährlich sind soziale Medien (Stichwort Fake News, ungefilterte Propaganda,…)?
Bei diese Fake-News-Geschichte regen wir uns immer über die USA und Trump auf, aber das passiert in Österreich natürlich genauso. Große Konzerne wie Facebook würden wir schon längst zur Verantwortung ziehen. Facebook ist de facto wie ein Medium und ich wäre längst dafür, dass man Facebook unter das Medienrecht stellt. Das hieße, dass auch kontrolliert würde, was verzapft wird.

Auch Hass im Netz ist eine problematische Seite von sozialen Medien. Wie würden Sie hier vorgehen?
Es gehört sanktioniert, man darf Hass in keinster Weise tolerieren und man muss den Menschen auch sagen, dass sie Hetze anzeigen und aufzeigen müssen.
Ich glaube aber, dass es auch generell darum geht, was wir in Österreich für einen politischen Diskurs führen. Und natürlich sind da Parteien mitschuld, die hetzen.

Welches Urteil geben Sie der Regierung?
Diese Regierung betreibt eine Umverteilung von Menschen, die weniger haben zu Menschen, die viel haben: Beim 12-Stunden-Tag, wo die Hackler jetzt mehr arbeiten müssen, aber sich große Unternehmen die Überstunden sparen. Beim Thema Gesundheits- bzw. Kassenreform, wo die Arbeiter jetzt weniger Mitsprache haben und Unternehmen mehr bestimmen können über unsere Gesundheitsvorsorge. Beim Thema Kinderbonus, wo Kinder die weniger haben jetzt weniger bekommen und Kinder, die mehr haben, jetzt mehr bekommen. Das zieht sich durch alle Ebenen durch.
Alle Sozialmaßnahmen werden zusammengestrichen und die Antwort darauf, wo das Geld hin geht, findet sich im Regierungsprogramm, nämlich zum Beispiel in der Halbierung der Gewinnsteuer für große Unternehmen.

Macht die Regierung auch etwas gut?
Sie inszenieren sich traumhaft. Das muss man neidlos anerkennen. Auf jedem Bild, wo Sebastian Kurz zum Beispiel mit den Bergen im Hintergrund zu sehen ist, stimmt die Inszenierung. Aber Sebastian Kurz kann den Berg fünf Mal auf- und abgehen, wenn die Menschen in Wirklichkeit mehrere Wochen hintereinander 60 Stunden arbeiten müssen, wird die beste Inszenierung irgendwann nichts mehr helfen.

»Das ist ein Typ, der Politik macht für die Mächtigen im Land. [zu Sebastian Kurz] «

Und Sebastian Kurz, was können Sie ihm Positives abgewinnen?
Er ist kein Einzelkämpfer, er hat ein Team, auf das er sich verlassen kann. Ich frage mich trotzdem, wie jemand, der so jung ist, so alte Ansichten haben kann. Neu ist nichts von dem, was er tut. Das ist alles ganz klassische, neoliberale Wirtschaftspolitik, die er durchzieht und die Hetze auf Geflüchtete, auf Hackler oder auf Menschen, die wenig verdienen, macht er mit, weil es vom Sozialabbau ablenkt. Das ist ein Typ, der Politik macht für die Mächtigen im Land und das ziemlich offensichtlich.

Laut Umfragen steht die Bevölkerung trotzdem hinter der Regierung. Wie will die SPÖ hier den Umbruch schaffen?
Ich kann nur für die sozialistische Jugend sprechen, aber unser Ziel ist es, möglichst viele junge Menschen zu organisieren, größer zu werden, Gruppen zu gründen. Das funktioniert gerade extrem gut, denn es gibt sehr viele Menschen, die das alles nicht ok finden.

Nehmen Sie an den Donnerstags-Demonstrationen teil?
Immer wenn ich Zeit habe.

Denken Sie, bringen die Demonstrationen etwas?
Jeder kann immer ein Zeichen setzen und nichts ist jemals umsonst.

»Ich will wirklich Brüssel auf den Kopf stellen. «

Bei der EU-Wahl im nächsten Jahr sind sie auf Platz sechs gereiht. Was ist Ihr Ziel?
Ich glaube, das wichtigste ist, dass man aufzeigt, dass die EU nicht so sein muss, wie sie jetzt ist. Die EU kann unser tagtägliches Leben verbessern, wenn man Menschen statt Profitinteressen in den Mittelpunkt rückt. Ich will wirklich Brüssel auf den Kopf stellen.

Was erhoffen Sie sich persönlich in Ihrer politischen Karriere?
Das ist schwer. Man wird so schnell als naiv oder gutgläubig abgestempelt, aber ich bin vor fast zehn Jahren aktiv geworden mit dem Anspruch, den Menschen zu helfen, die es brauchen und ich glaube, man sollte sich immer wieder selbst erinnern, warum man in die Politik gegangen ist, denn in den Machtmechanismen der Parteipolitik kann man sich sehr schnell verirren.

Zur Person:
Julia Herr wurde 1992 im Burgenland geboren. Sie ist seit 2014 Verbandsvorsitzende der Sozialistischen Jugend Österreichs und war die erste Frau an der Spitze der SJ. Durch Aktionen auf ihren Social-Media-Kanälen erregt sie immer wieder mediale Aufmerksamkeit. Sie wird am aussichtsreichen 6. Platz für die Wahl zum Europäischen Parlament im Mai 2019 für die SPÖ kandidieren.

News.at hat die Vorsitzenden aller Jugendparteiorganisationen im Rahmen dieser Reihe zum Gespräch gebeten. In den nächsten Tagen folgen noch Stefan Schnöll (Junge ÖVP) und Douglas Hoyos (JUNOS, Jugendorganisation der NEOS). Das Interview mit Maximilian Krauss (Freiheitliche Jugend) können Sie hier nachlesen.