ÖVP-"Wunderkind" von

14 Dinge, die Sie (vielleicht) noch
nicht über Sebastian Kurz wussten

Freunde, Kritiker und Experten sprachen in neuer Biografie über Bald-Kanzler

Sebastian Kurz © Bild: APA/AFP/Halada

Er ist wohl bald der nächste Bundeskanzler Österreichs: Sebastian Kurz. Eine nun erschienene Biografie der Journalistinnen Nina Horaczek und Barbara Toth widmet sich dem „Wunderkind“ der ÖVP, das, so die Autorinnen im Vorwort „die personifizierte Selbstkontrolle“ sei, die nichts dem Zufall überlasse. Dieses Buchprojekt konnte Kurz jedoch weder vorhersehen, noch planen – oder kontrollieren. Dutzende Weggefährten, Freunde, Kritiker, politische Mitbewerber und Experten gaben Auskunft – und nicht wenige baten, laut Vorwort, um Anonymität. Hier die 14 spannendsten Punkte daraus, die sie (vielleicht) noch nicht über Sebastian Kurz wussten.

Die "spontane" Machtübernahme - gar nicht so spontan

Sebastian Kurz‘ „spontane Eroberung“ der ÖVP, wie er es nach außen gerne wirken ließ, war eigentlich alles andere als spontan. Sie war im Vorfeld genau abgesprochen, denn bereits zwei Tage vor der entscheidenden Bundesparteivorstandssitzung verständigten sich Bauern-, Senioren-, Frauen-, Wirtschafts- und Arbeitnehmerbund auf Kurz als neuen Chef. „Er hatte zu jedem Einzelnen direkten Kontakt, und wir waren alle in seine Pläne eingebunden“, berichtet ein Insider aus diesem Kreis. Die wichtigsten Länderchefs waren überhaupt schon fünf Monate zuvor involviert gewesen. Es gab auch schon weit vor der Übernahme (im Juni 2016, mehr als ein Jahr vor dem Wahlsieg) Kurz‘ Strategiepapiere dazu unter den Titeln „Projekt Ballhausplatz“ beziehungsweise „Projekt BPO (Bundesparteiobmann)“. Diese beinhalteten nicht nur den Weg an die Spitze – sondern auch den für das nächste Halbjahr danach. In diesen Papieren legte Kurz seine Rolle als „höflicherer Strache“ fest.

Die engsten Vertrauten und sein Managementstil

Es sind immer die gleichen Namen, die in Kurz‘ Umfeld auftauchen. Ein eingespieltes Team, mehrheitlich Männer, die alle in ihren 30ern und frühen 40ern sind: Blümel, Maderthaner, Fleischmann, dazu noch Stefan Steiner, Axel Melchior und Elisabeth Köstinger. Alle sind Kinder der kurzen und turbulenten Ära Josef Prölls in der ÖVP. „Wäre Kurz eine AG, die Rollenverteilung sähe folgendermaßen aus: Steiner wäre für Strategie und Entwicklung zuständig, Melchior Personalchef, Fleischmann PR-Verantwortlicher und Maderthaner zuständig für Werbung und Marketing. Kurz’ Managementstil ist ruhig und freundlich, aber fordernd, extrem kontrolliert und delegationsfreudig“, schreiben die Autorinnen. Und eine langjährige Freundin (die nicht genannt werden will) sagt: „Kurz selbst ist geerdet. Aber dass der Erfolg und die Macht seinem Team in den Kopf steigen, ist nicht auszuschließen.“ Sein Küchenkabinett gelte schon heute als schwer zugänglich und „tough“.

Kurz kann auch lustig

Ein Regierungsmitglied des Kabinetts Kern/Mitterlehner erzählt, dass Sebastian Kurz herzhaft lachen könne: „Bisweilen ist er richtig ulkig. Das ist eine Seite, die er in der Öffentlichkeit nie zeigt.“ Bei der rituellen An- und Abgelobung im Oktober bei Präsident Van der Bellen fingen die Kameras einen Kasperl-Kurz ein, der offensichtlich jemanden nachäffte.

Seine Eltern, seine Freiheit und keine Fotos

Sebastian Kurz hat ein enges Verhältnis zu seinen Eltern, Lehrerin Elisabeth und technischer Manager Josef. In den 1990er-Jahren nahmen sie Kriegsflüchtlinge aus dem damaligen Jugoslawien auf und brachten sie auf dem Bauernhof der Oma unter.
Kurz’ Eltern begegneten dem Bald-Kanzler wohl immer auf Augenhöhe und gaben ihrem Sohn viel Freiraum, auch als Jungendlicher. So durfte Sebastian Kurz kommen und gehen, wann er wollte. „Das ist das Fundament, auf dem die Person Kurz aufbaut“, so eine Freundin, die nicht namentlich genannt werden wollte. »In seiner Familie wurde die Basis dafür gelegt, dass er mit so viel Selbstvertrauen durch die Welt geht.“ Dennoch versucht er sie großteils aus der Öffentlichkeit fern zu halten. Selbst in seinem Außenminister-Büro gibt es keine Bilder. Ein Album mit Familienfotos ist im Bücherregal versteckt.

Seine Liebe

Seine Lebensgefährtin Susanne Thier kennt Kurz seit Schulzeiten. Mit 18 Jahren wurden sie bei einer privaten Silvesterfeier ein Paar und sind es seither mit zwei Unterbrechungen. Thier hat in Wien Wirtschaftspädagogik studiert und arbeitet in der Öffentlichkeitsabteilung des Finanzministeriums. In einem Interview erklärte Kurz einmal, dass sie die Großteil im Haushalt erledige, er dafür aber meistens bei gemeinsamen Autofahrten das Steuer übernehme.

Morgenmuffel

Sebastian Kurz ist ein bekennender Morgenmuffel, der „frühmorgens regelmäßig in Stress verfällt, weil er am liebsten bis zur allerletzten Sekunde im Bett bleibt.“

»"Er lässt sich gerne von Frauen umschwärmen. Kein fortschrittlicher Geschlechterumgang."«

Geil-o-mobil und Sexismus

Kurz‘ Geil-o-mobil-Tour als damaliger JVP-Chef wurde vielerorts verspottet. Auch Kurz‘ baldiger Vizekanzler, FPÖ-Chef Strache meinte damals: „Die Person Kurz ist inhaltlich dahingehend zu beurteilen, dass die Person Kurz einen sehr, sehr peinlichen Wahlkampf für die Wiener ÖVP zu verantworten hat.“

Auch mit Sexismus-Vorwürfen sah sich Kurz konfrontiert zum Beispiel aufgrund von Plakaten, auf denen gut gebaute Blondinen in knappen Bikinis für die Sommertour der JVP warben, die in seinem Büro hingen. Auch die Kampagne für die Nacht-Ubahn in Wien wurde von viel Nacktheit und zweideutigen Sprüchen geprägt. Wiens Bildungsstadtrat Jürgen Czernohorszky sagte einst dazu – und zu Kurz‘ Zeit im Rathaus: »Seine Wortmeldungen waren oberflächlich, wenig politisch. Mir fiel auf: Er lässt sich gerne von Frauen umschwärmen. Kein fortschrittlicher Geschlechterumgang.« Kurz konterte damals, er würde in seiner Politik mit sexistischen Klischees arbeiten, könne aber keinen Sexismus erkennen. Es sei bloß „frech und provokant“.

Sein erstes politisches Projekt

Das erste politische Projekt, bei dem Kurz in der ÖVP mitmachte, war der Versuch, in der Inneren Stadt mehr Barrierefreiheit durchzusetzen, damit sich auch Menschen im Rollstuhl alleine durch die Wiener Altstadt bewegen können.

Machthunger

Ein ehemaliger Parteiobmann erinnert sich, dass Sebastian Kurz 2008 „unbedingt Chef der Jungen ÖVP werten wollte“. „Das war ihm sehr, sehr wichtig und er hat alles dafür getan. Den möglichen Gegenkandidaten aus Vorarlberg brachte er mit einer Einigung im Vorfeld schon zum Rückzug. (Die Vorarlberger enthielten sich dafür der Stimme.)

»"Steh auf Rock"«

Partymensch Kurz

In seiner Zeit in der jungen Volkspartei schlug sich Kurz wohl so viele Nächte um die Ohren, dass „seine Freunde von damals meinen, es gäbe wohl kaum ein Lokal in der Stadt, das Kurz nicht kenne“, schreiben die Autorinnen. „Ich bin lange unterwegs, in der Disco U4. Steh auf Rock", sagte Kurz einmal. Auch seine Jugendgruppe feierte gerne – exzessiv.

Seine frühen Ideen für Wien

Kurz hatte viele Ideen für Wien, wollte zum Beispiel eine Magnetschwebebahn in den Außenbezirken, forderte Tische, Sessel und Liegestühle für junge Menschen in den Parks und dass die öffentlichen Grünflächen nicht um 20 Uhr geschlossen werden dürfen.

Nicht die erste Wahl

Kurz war für den Posten des Integrationsstaatssekretärs nicht erste Wahl. Der damalige ÖVP-Generalsekretär Fritz Kaltenegger, ein enger Vertrauter Josef Prölls, hätte diesen neuen Posten eigentlich übernehmen sollen. Er sagte aber ab.

Nervenflattern bei Balkanroute

Bei der Schließung der Balkanroute sei Kurz bereit gewesen, bis zum Äußersten zu gehen. “Es wird nicht ohne hässliche Bilder gehen“, sagte er in einem Interview mit der deutschen Tageszeitung Die Welt. Als nach der Schließung der Grenzen zwischen Griechenland und Mazedonien Tausende in Idomeni festsaßen, habe „großes Nervenflattern“ in Kurz‘ Kabinett geherrscht. Vor allem in Bezug auf „hässliche Bilder“ wie ein Kind im Staheldraht oder ähnliches. Hätte Kurz das überleben können? Vorsorglich wurde schon eine Erklärung aufgesetzt.

»"Kühl und strategisch kalkulierender Messias"«

„Verratene“ Freunde

Ein paar seiner langjährigen Bekannten teilen den Karriereweg des wohl neuen Bundeskanzlers nicht. Denn sie können diesen in seiner neuen Rolle nicht wiedererkennen. Darunter Dudu Kücükgöl, die Vorstandsmitglied der Muslimischen Jugend war, als Kurz die Junge ÖVP in Wien übernommen hatte. Gemeinsam waren sie in der »Bundesjugendvertretung«, einem Dachverband der Jugendorganisationen, aktiv. »Wir waren gemeinsam Pizza essen, haben gemeinsame Projekte ausgeheckt und haben uns wirklich gut verstanden.« Heute erkenne sie ihren Freund von damals nicht wieder, der im Kampf um Stimmen gezielt auf die Themen Islam und Flüchtlinge setze. »Als er Integrationsstaatssekretär wurde, hat er in einem Interview gesagt, er hat Freundinnen, die Kopftuch tragen. Wir dachten, endlich einer, der mit uns spricht und nicht nur über uns«, erzählt Kücükgöl dem Autorinnen, »heute macht er Wahlkampf mit der Forderung, das Kopftuch im öffentlichen Dienst zu verbieten.« Es sei wohl der Drang an die Macht, so seine Freundin aus Jugendzeiten, „die den offenen, interessierten ‚Basti‘ von damals zum kühl und strategisch kalkulierenden Messias von heute werden ließ.“ Oder, wie es ein Regierungsmitglied, das nicht namentlich genannt werden wollte, sagt: »Sebastian ist von seiner Haltung und seinen Überzeugungen im Grunde ein Rechtskonservativer. Aber noch stärker als sein Wertekompass ist sein Wille zur Macht ausgeprägt.«

Sebastian Kurz Biografie
© Residenz Verlag

Info:
Nina Horaczek, Barbara Toth: Sebastian Kurz - Österreichs neues Wunderkind?
Residenz-Verlag, 128 Seiten , 18 Euro.