"Die Behauptung im Sommer, die Pandemie wäre zu Ende, fand ich gewagt"

Burgschauspieler Nicholas Ofczarek im Interivew

Nach fast zwei Jahren Abwesenheit, vier Filmen und zwei Corona-Erkrankungen kehrt die regierende Nummer eins des Burgtheaters ans Haus zurück. Nicholas Ofczarek ist der Fleischer Oskar in Horváths "Geschichten aus dem Wiener Wald", wie man sie noch nicht gesehen hat.

von Nicholas Ofczarek © Bild: News/Ricardo Herrgott

Wann er zuletzt am großen Haus aufgetreten ist? Im Archiv des Burgtheaters kann man das Datum ausheben. Am 25. Jänner 2020 war es, in einer Reprise der noch aus der Ära Karin Bergmann übernommenen Heinrich-Mann-Adaption "Mephisto", eineinhalb Monate, bevor alles geschlossen wurde. "Das", sagt der große österreichische Schauspieler Nicholas Ofczarek, der im Mai 50 wurde, "ist so lang her. Es ist so viel passiert seither. Wir haben es zwei-, dreimal gespielt, dann hatte ich Covid. Und dann war Lockdown." So überschnitten sich für ihn mit chaotischen Konsequenzen die Pandemie und die selbst gewählte Teilkarenz ab Antritt der Direktion Martin Kusej im Herbst 2019.

Wieder auf der Bühne!

Er hatte sich auf der Bühne über die Jahre müde gespielt und wollte drehen. Ein paar "Mephisto"-Reprisen während der Karenzzeit waren mit der neuen Leitung vereinbart, und seine letzte Neuproduktion datierte vom Frühjahr 2019. Damit hatte die glückhafte Ära Karin Bergmann geendet, und welcher Glanz da für ein paar Vorstellungen erzeugt worden war! Die große Andrea Breth inszenierte mit der Elite des deutschsprachigen Theaters Hauptmanns "Ratten", Johanna Wokalek und Sven-Eric Bechtolf waren aufgeboten, und Ofczareks debiler Gewalttäter Bruno klemmte den Zuschauern den Atem ab wie seither niemand mehr auf der Bühne des Staatstheaters (auch, wenn dieses gerade nicht Corona- oder bestuhlungserneuerungshalber geschlossen war). Aber die Produktion wurde von der neuen Direktion nicht übernommen, Ofczarek trat die ersehnte Karenz an, und dann warf auch schon die Pandemie alle Gewissheiten über den Haufen.

Entsprechend fordernd ist der Tag des Interviews verlaufen, der 5. November 2021, zwei Wochen vor der Premiere von Horváths "Geschichten aus dem Wiener Wald": die erste Probe auf der großen Bühne nach den ganz anders beschaffenen Bedingungen in den Räumen des Arsenals! Der vor Spiellust berstende Elementarhanswurst aus "Braunschlag" und den "Staatskünstlern", schwereloser Verwandler vom korpulenten Häupl zum slimfitten Niko Pelinka, wirkt schmaler, stiller, nachdenklicher, als man ihn zu kennen glaubte. "Der erste Bühnenprobentag ist immer eine Ernüchterung, weil die Akustik anders ist, die Maße andere sind. Das Burgtheater verlangt ein anderes Anheben als die Probebühne."

Theaterstück "Geschichten aus dem Wiener Wald
© APA/BURGTHEATER/MATTHIAS HORN "Geschichten aus dem Wiener Wald" 2021; Im Bild: Sarah Viktoria Frick und Nicholas Ofczarek

Anheben: Das ist eine technische Grundvoraussetzung, prinzipiell das Gegenteil dessen, was Film und Fernsehen fordern. "Am Theater geht es um die Versendung, beim Film um die Verinnerlichung der Sprache." Versenden -können das heutzutage, da selbst auf Kleinbühnen die Mikroports an den Wangen kleben, noch viele? "Es geht immer mehr verloren", sagt der furiose Sprechtechniker, die neben Michael Maertens regierende Nummer eins des Hauses. "Das würde so nicht funktionieren", begegnet er dann der laienhaften Behauptung des Berichterstatters, ein Könner müsse im Pianissimo auch die letzte Reihe Galerie erreichen können. "Aber man kann so sprechen, dass es wie Pianissimo erscheint. Das ist eine Technik, die man erlernen kann, aber es gibt mittlerweile sehr wenige ..." Die sie anwenden können?"Nein, unterrichten."

Jetzt, angesichts der bevorstehenden Premiere, steht die Qualifikation des einen oder anderen Pädagogen zur Überprüfung an: Der Niederländer Johan Simons, ein Protagonist des Texte zerlegenden postdramatischen Theaters, hat die Mikroports verboten.

Fleischer Oskar: ein Liebender

Ofczarek verkörpert in der Nachnachnachfolge des Dämons Helmut Qualtinger den Fleischer Oskar, der das gefallene Bürgermädchen Marianne am Ende zurücknimmt, als niemand anderer es mehr haben will. Der Satz "Du wirst meiner Liebe nicht entgehen" steht für eine Art sanften, zärtlichen Grauens, zu dessen Aufbietung außerhalb Österreichs niemand in der Lage ist. Simons hat vielfach gegen die Erwartungen besetzt. Marianne vor allem, sonst ein von der Männerwelt halb zu Tode geschändetes Kind, wird hier von der nicht mehr blutjungen, durchaus wehrhaften Sarah Viktoria Frick verkörpert. "Es gibt kein Alter am Theater. Sarah Frick wird eine großartige Marianne sein" sagt Ofczarek.

»Er ist ein Liebender, ein zärtlicher und zugleich sehr gläubiger Mensch«

Der Verführer, der charakterlose Schlurf Alfred, war er schon anno 2010 in der misslungenen Burgtheater-Inszenierung Stefan Bachmanns, die Tage vor der Premiere von Sven-Eric Bechtolf gerettet werden musste. "Ich hab das Gefühl, dass das vielleicht nicht die richtige Rolle war. Ich habe eine kleine Rechnung mit dem Stück offen", leitet er zur Gestalt des Fleischers Oskar über. Den man möglicherweise nicht wiedererkennen wird. "Ich glaube, er ist ein Liebender, ein zärtlicher und zugleich sehr gläubiger Mensch. Das ist eine schwierige Aufgabe. Dämonisch kann man das nicht spielen. Das ist dem Zuschauer überlassen." Eine positivere Figur als der traumatische Alfred?"Im momentanen Vergleich, zwei Wochen vor der Premiere, würde ich sagen ja. Ob die Außenwirkung so wird, weiß ich nicht."

Aber Simons, wird der die singuläre Atmosphäre des Horváth'schen Textes erzeugen können? "Simons ist ein Meister, wie ein großer Dirigent sagt er nicht mehr, als notwendig ist. Man spürt seine Intentionen", nimmt Ofczarek für den Altmeister Partei. "Ich wollte unbedingt mit ihm arbeiten und bereue die Arbeit mit ihm keine Sekunde. Man unterliegt keiner Negativ-Selektion. Damit erzeugt er so etwas wie Freiheit. Kraft seiner puren Anwesenheit schafft er Angstfreiheit." Und wird man das Stück, das zum Vollkommenen der Theatergeschichte gehört, wiedererkennen?"Absolut, es hat etwas Schwebendes. Manche Szenen sind mit einander verschnitten, aber es lebt von einer Schlichtheit und Geradlinigkeit, und dem Stück wird keine Gewalt angetan."

Eineinhalb Jahre Chaos

Die Ereignisse der vergangenen eineinhalb Jahre gleichen, kaum nacherzählbar, einer Odyssee. Im Jänner 2020 begannen die Dreharbeiten zur zweiten Staffel der achtteiligen Thriller-Serie "Der Pass" für Sky. An der Seite der Kollegin Julia Jentzsch machte sich Ofczarek ins titelgebende Unwegsame zwischen Deutschland und Österreich auf. Man wollte eines Serienmörders habhaft werden, doch der durfte aufatmen, denn im März wurden die Ermittlungen von der Pandemie unterbrochen. Schon vorher, ganz zu deren Beginn, dürfte er selbst eine erste Infektion überstanden haben, rechnet Ofczarek heute aus den Symptomen hoch. Die zweite ereilte ihn definitiv, kaum dass man die Arbeit im Herbst fortsetzen konnte. "Ich fuhr vom Drehort in Deutschland unverzüglich in unser Haus im Waldviertel, weil es einen Fall im Team gab. Als ich am nächsten Tag aufwachte, kam mein Befund. Da hatte ich schon meine Frau angesteckt. Ich hatte starke Symptome, aber es ging nicht in die Lunge. Ich lag sicher zweieinhalb Wochen darnieder, danach sagte meine Ärztin: ,Wenn du dich nicht schonst, besteht die Möglichkeit, dass sich daraus ein Longcovid entwickelt.'"

Nach der Genesung werkte man bis Dezember weiter, und als wieder alles geschlossen wurde, war gerade noch ein letzter Drehtag offen. Der konnte erst im Juli nachgeholt werden, womit an der "Pass"-Staffel rekordhaltende eineinhalb Jahre gearbeitet wurde.

Auch die folgenden Ereignisse dürften vergleichslos sein, denn die verschobenen Film-und Fernsehprojekte türmten sich zum Himmel. Vor Weihnachten 2020 wurde der "Pass" fertig, ab Februar entstand in Hamburg der raue Fernseh-Thriller "Alles auf Rot", mit Ofczarek diesfalls auf der Seite des Zwielichts (am 12. November auf Arte, dann auf ZDF).

Sky-Miniserie "Die Ibiza Affäre" mit Nicholas Ofczarek
© APA/SKY STUDIOS/W&B TELEVISION/EPO FILM/ PETRO DOMENIGG / FILMSTILLS.AT Die Sky-Miniserie "Die Ibiza Affäre" (2021) mit Nicholas Ofczarek als Julian H.

Ins annähernd ähnliche Ganovenmilieu führte dann der von Sky verantwortete Vierteiler "Ibiza" mit Ofczarek in der Rolle des Detektivs. Und vor dem letzten Drehtag zum "Pass" war die vielleicht größte Herausforderung zu stemmen, "Der Räuber Hotzenplotz" mit dem Titeldelinquenten Ofczarek und dem filigranen August Diehl, der als gewissensresistenter Zauberer Petrosilius Zwackelmann eine nicht minder radikale Verwandlung vollziehen musste. Ein Kinderfilm, der auch Erwachsene überzeugen soll, sei keine geringe Aufgabe, gibt Ofczarek zu bedenken. "Ich hatte einen sehr großen Respekt davor, weil das so eine bekannte Figur ist. Ich war auch schon ziemlich müde. Aber ich glaube, es ist ein schöner Film geworden."

Eine Familie der Künstler

Auch gegenüber der Tochter, die mit dem Preußler'schen Wegelagerer groß geworden ist, hatte er einiges einzulösen. Zumal auch sie vom Fach ist wie die Mutter, die Schauspielerin und Pädagogin Tamara Metelka, und beide Großeltern väterlicherseits. Maeve Metelka, jetzt 23, studiert an der Ernst-Busch-Schule in Berlin Schauspiel und absolvierte am Tag des Interviews in Wien den ersten Drehtag für einen deutschen Kinofilm.

Die Bilanz dieser sechs Monate pausenlosen Drehens?"Ibiza" verlief, ein Wunder, ohne Zwischenfälle. Aber nicht nur die Ermittlungen am Pass, auch die gegen den Räuber Hotzenplotz mussten wegen infizierter Beteiligter mehrfach eingestellt werden. Froh sei er, im Gegensatz zu anderen ausreichend Arbeit gehabt zu haben, aber das Proben mit Maske und die zum Teil täglichen Tests hätten ihn, den Genesenen und Geimpften, müde gemacht.

Aber wurden die Unzukömmlichkeiten durch das phantastische, das Theaterspielen quasi zum Hobby degradierende Gagen-Aufkommen im Film-und Fernsehgeschäft nicht stark gemildert? "Ich habe mehrfach gehört, dass deutschsprachige Schauspieler im europäischen Vergleich angeblich besser verdienen als alle anderen", räumt er vorsichtig ein. "Damit meine ich aber nicht die Stars in Frankreich oder England, denn Stargagen kann ich nicht beurteilen."

»Es wird noch eine Zeit dauern, bis das Publikum weiderkommt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir ohne Lockdown auskommen«

Am Burgtheater kommt jetzt erst einmal der Horváth, dann will man "Die Geschichte von ihnen" wieder aufnehmen, eine Genieproduktion gleichfalls von Andrea Breth und wieder aus der goldenen Ära Bergmann. Ofczarek prügelt da als vom Leben zerschundener, halb wahnsinniger Cop einen von August Diehl verkörperten mutmaßlichen Kinderschänder zu Tode. Den letalen Pas de deux wird keiner, der ihn erlebt hat, vergessen. Dann geht der "Pass" in die nächste Staffel, ein paar Filmprojekte harren der Konkretisierung, und alles Weitere entscheidet das Leben, nicht zuletzt unter dem Kommando des Virus. Theater und Film sollen jedenfalls in der Schwebe gehalten werden. Ob er das Publikum vermisst hat? Schon, aber das Theaterspielen nicht.

Wird es am Theater so wie früher? Werden die Leute wiederkommen? "Das wird noch eine Zeit dauern. Die Behauptung im Sommer, die Pandemie wäre zu Ende, fand ich gewagt. Im Moment ist nichts abzusehen. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass wir ohne Lockdown auskommen."

Der rasche Fall

Das Gespräch wendet sich ins Grundsätzliche. Hat die Pandemie, einer reichlich schwülstigen Platitüde aus ihrer Anfangszeit folgend, die Werte verändert?"Natürlich könnte es eine Chance sein, was Achtsamkeit und Solidarität betrifft. Ich weiß nur nicht, ob wir schon einschätzen können, was das mit uns macht, wir sind noch mitten drin. Es ist noch nicht vorbei."

Die "Ibiza"-Reihe hat den Blick auf die titelgebenden Ereignisse mitsamt ihren aberwitzigen Umwegeffekten geschärft. Bis zur Demontage des zuvor irrational vergötterten Kanzlers Kurz haben sich die Folgen entwickelt. "Ich dachte nicht, dass das so schnell geht", kommt Ofczarek auf den gekreuzigten Messias. "Ich dachte, er würde sich noch länger halten. Aber die Geschichte ist noch nicht zu Ende geschrieben, und je länger es dauert, desto weniger kann mich mir vorstellen, dass er zurückkommt."

Wie "Ibiza" insgesamt eine ins Absurde reichende Angelegenheit sei, fährt Ofczarek fort. Der von ihm verkörperte Detektiv Hessenthaler sei wegen ganz anderer Delikte straffällig, und der an der Falle für die blauen Radaubrüder beteiligte Rechtsanwalt sei nicht einmal ansatzweise belangt worden. "Und doch gibt es nur Verlierer, und worüber man sich schon unterhalten kann, ist der moralische Aspekt der Geschichte."

Im neuen Biedermeier

Nicholas Ofczarek
© News/Ricardo Herrgott
»Wir erleben die Metternichs des digitalen Biedermeier, da hat sich etwas verselbständigt«

Noch eine Geschichte mit zweifelhaftem moralischem Ansatz gefällig? Etwa die sich epidemisch ausbreitende "Cancel Culture", Instrument einer hysterischen Empörungs-und Verbotskultur. "Wo steht geschrieben, was man alles nicht sagen darf? Wir erleben die Metternichs des digitalen Biedermeier, da hat sich etwas verselbständigt. Man kann nicht pauschalieren, aber es ist grundsätzlich ein Diskussionsthema, wenn man sich damit auseinandersetzt. Dass allerdings überhaupt keine Auseinandersetzung mehr stattfinden darf, das finde ich problematisch an der Diskussion." Speziell literarische Texte seien unbehelligt zu lassen.

Und er selbst, der große Schauspieler Nicholas Ofczarek: Ist er stolz auf seine Leistungen? Er habe sich nie gegönnt, stolz zu sein, erwidert er, und der Beruf sei auch nicht das Wichtigste auf der Welt. Um etwas wie Stolz zu empfinden, dazu sei das Gesamtkonstrukt zu labil. "Ich habe das Glück, mit netten, freundlichen, höflichen Menschen zu arbeiten und zu sein, dafür bin ich dankbar. Und alles andere ist letztlich Schall und Rauch und schon wieder vorbei."

»Ich habe eine herrliche Familie, und wenn ich das Schöne in meinem Leben sehe, bin ich glücklich«

Ist er also glücklich? Lange Pause. "Ja. Man schaut auf sein Leben zurück, oft ist man mit den Mankos, mit den Tiefschlägen, mit den Einschlägen hart beschäftigt, und das kann sich auch verselbständigen. Aber ich habe eine herrliche Familie, und wenn ich das Schöne in meinem Leben sehe, bin ich glücklich."

Aber Peter Handke, eine Autorität, sagte mehrfach, Glück existiere nicht, Freude aber schon. So gesehen sei er freudig, stimmt Ofczarek dem Nobelpreisträger zu, und auch das Gespräch endet freudig.