"Naked Attraction" von

Darum schauen wir
Nackt-Datingshows

"Naked Attraction" - Darum schauen wir
Nackt-Datingshows © Bild: RTL II / Claudius Pflug

In der Datingshow "Naked Attraction" wählte Richard Lugners Ex-Frau Cathy einen von sechs nackten Männern für ein Date aus. Aus welchen Gründen schaut man sich eine Sendung wie diese an?

Eine Moderatorin, eine Frau und sechs nackte Männer. Oder aber ein Mann und sechs nackte Frauen. Die jeweils unbekleideten Teilnehmer in Schaukästen ausgestellt. Ihre Körper hell ausgeleuchtet, ihre Köpfe vorerst verdeckt. Der Hauptprotagonist bzw. die Hauptprotagonistin muss sich für einen der Kandidaten entscheiden. Bei einem Date werden sich die beiden dann besser kennenlernen. Vor dem großen Finale muss aber auch die Person, die auswählen darf, ihre Hüllen fallen lassen. Wir fragten den Experten: Aus welcher Motivation heraus schaut man sich so eine Sendung an?

"Was wir hier haben, ist eine gezähmte Form der Sexualität", erklärt Dr. Alois Kogler, Verhaltenstherapeut und Medienpsychologe an der Universität Graz. "Sexualität ist pures Leben, oftmals ungezähmt." Durch die Sendung wird sie aber in ein Format gebracht, gebändigt. Die nackt präsentierten Teilnehmer stehen vorerst bloß da. Zu Wort gebeten werden sie erst zu einem späteren Zeitpunkt. Für den Zuseher besteht, so oder so, keinerlei Gefahr. Er bewegt sich bei der Rezeption in einem geschützten Raum, in dem er seinen Voyeurismus ausleben kann. "Man kann hinschauen und braucht sich dafür nicht zu schämen." Und: Man wird für diese Art des Voyeurismus nicht bestraft.

»Man kann hinschauen und braucht sich dafür nicht zu schämen«

Man braucht sich für die Rezeption also nicht zu schämen. Was aber noch lange nicht heißt, dass man es nicht trotzdem tut. Da kommt es nur allzu gelegen, dass die Sendung mit einer prominenten Protagonistin - Richard Lugners Ex-Frau Cathy - aufwartet. Denn, so Kogler, Prominente fungieren für uns stets als emotionale Projektionsflächen. "Auf ihnen können wir all unsere Gefühle abladen - positive wie negative." Ihnen können wir mit Überheblichkeit, mitunter sogar mit Aggression begegnen. Indem wir sie abwerten, werten wir uns auf. Und die Scham? Die rückt, während wir uns über die Protagonistin mokieren, dezent in den Hintergrund.

Schauen und vergleichen

Es geht aber nicht nur darum, sich über, sondern gleichermaßen auch neben die präsentierten Personen zu stellen. Von der uns ureigenen Neugier getrieben, nützen Männer ebenso wie Frauen die Sendung, um zu schauen und zu vergleichen. Hat sie schöne Brüste? Er einen Sickpack? Und wie steht es eigentlich um sein Gemächt? "Der Mann will sehen, was der Mann hat. Genauso wie die Frau sehen will, was der Mann hat. Und umgekehrt. Beide wiederum wollen sehen, wie der jeweils andere reagiert, wenn sie mit den nackten Tatsachen konfrontiert werden. Wobei der Vergleichsdruck für ihn ungleich größer ist. "Man stelle sich einen Mann vor, dessen Penis kleiner ist als der eines anderen."

Ist die Frau diejenige, die auswählen darf, so befindet sie sich - anders als in unserer gegenwärtigen Gesellschaft üblich - in der Position der Stärkeren. "Die Frau ist hier die Mächtigere." Stellvertretend für den Zuschauer, oder besser gesagt die Zuschauerin, verwirklicht sie einen möglicherweise heimlich gehegten Wunschtraum. "Es tatsächlich zu tun ist eine andere Sache", erklärt Kogler. "Aber die Vorstellung, sich einmal einen Liebhaber zu holen, hat schon etwas." Das gilt im Übrigen für Frauen gleichermaßen wie für Männer. Und auch hier ist sämtliche Gefahr gebannt - sowohl die verletzt zu werden wie auch die zu verletzen. Denn, so Kogler, "es ist keine Emotion dabei. Hier ist alles glatte Oberfläche."

»Wir dürfen die Pornografie nicht verteufeln«

Eine Sendung, in der Gefühle ausgeklammert und Männer wie Frauen in Schaukästen ausgestellt werden. Ist das denn moralisch vertretbar? "Ich würde das gar nicht verurteilen", meint Kogler. Zum einen sei Sexualität ein Grundbedürfnis und damit stets Thema des Menschen. Zum anderen befriedige die Sendung verschiedenste Bedürfnisse der Zuschauer. Und zwar auf eine Art und Weise, die gesellschaftlich anerkannt ist. "Natürlich ist das eine virtuelle Form der Pornografie. Wir dürfen die Pornografie aber nicht verteufeln. Es gibt sie seit Jahrtausenden - und es wird sie geben, so lange die Menschheit existiert. Sie gehört zur Vielfältigkeit und Qualität des Menschlichen dazu."