Marlen Kubinger: Eine Revolution und ihre Botschafterin

Aus 20 Litern Abwasser Energie für 200 Kilometer mit dem E-Auto erzeugen? Klappt! Marlen Kubinger präsentiert das revolutionäre Verfahren erstmals beim 4Gamechangers-Festival in Wien. Dessen Erfinder, Umweltpionier Ulrich Kubinger, ist an ihrer Seite. Es ist sein Weg, die 18-jährige Tochter zielstrebig auf die Nachfolge im Millionen-Unternehmen VTA vorzubereiten.

von Marlen Kubinger © Bild: News/Matt Observe

Steckbrief Marlen Kubinger

  • Name: Marlen Kubinger
  • Geburtsort: Oberösterreich
  • Alter: 18 Jahre
  • Wohnt in: Rottenbach, OÖ
  • Ausbildung: Handelsakademie
  • Beruf: Prokuristin bei VTA Austria GmbH, Tätigkeitsfeld: Marketing & Public Relations
  • Familie: Vater Ulrich Kubinger (Gründer und Eigentümer der VTA Group), 2 Schwestern

Kaum etwas zeugt in der naturgemäß nüchtern ausgestatteten Lagerhalle im oberösterreichischen Rottenbach von der spektakulären Dimension der revolutionären Technologie, die hier entwickelt wurde. Penibel saubere Böden in Feuerrot und Wasserblau – nach dem Faible des Gründers für diese Elemente – erzählen von Zweckmäßigkeit und Effizienz. Hier hat der Umweltpionier Ulrich Kubinger in den letzten drei Jahrzehnten mit seinem Unternehmen VTA Liquid Engineering Verfahren entwickelt, die Maßstäbe in Sachen Abwasser- und Umwelttechnik setzen.

Weltweit tragen sie zur Abwasserreinigung für 250 Millionen Menschen bei. „Wasser für die Welt“ ist das Motto, dem sich der Visionär, der seinen Weg 1992 als Einzelunternehmen begann, verschrieben hat. Nun geht er einen gewaltigen Schritt weiter. „Erklär du, Marlen“, ermutigt er die dunkelhaarige junge Frau an seiner Seite.

Tochter Marlen ist seit kurzem Prokuristin des Unternehmens mit weltweit 400 Angestellten und Kunden in 65 Ländern, darunter Tausende kommunale Kläranlagen sowie verschiedene Industriezweige. Als Innovationsführer in der Abwasserbranche machte die VTA 2022 100 Millionen Euro Umsatz.

Wasser zum Brennen bringen

Vergangene Errungenschaften interessieren Kubinger, den Rastlosen, freilich wenig. Es ist ein unscheinbarer, viereckiger Kasten mit vier Glaszylindern, der für den VTA-Chef die revolutionäre Zukunft für eine nachhaltige, klimaneutrale Abwasserwirtschaft beherbergt. Wasser wird in diesem Verfahren ohne den Einsatz von Energie zum Brennstoff. So hat es Kubinger vergangenes Jahr am 4Gamechangers-Festival versprochen.

Der Reaktor-Prototyp wird News kurz vor seiner Präsentation am 4Gamechangers-Festival vorgeführt. Er zeigt, wie aus dem Abwasser einer Kläranlage ohne Zufuhr von Energie mittels eines Nanoboosters (das von der VTA entwickelte Nanocarbon) Wasserstoff erzeugt wird. „Das VAT-Nanocarbon ist in der Lage, mit der Salzlösung vom Abwasser und der Oberflächenaktivität vom Nanobooster, das H2O in Wasserstoff und Sauerstoff aufzuspalten“, erklärt Kubinger den Prozess.

Marlen Kubinger
© News/Matt Observe

AUS ABWASSER WIRD FEUER. Marlen und VTA-Gründer Ulrich Kubinger demonstrieren mittels Reaktor-Prototyps das revolutionäre Hydropower-System: Ohne Energiezufuhr wird aus Abwasser Wasserstoff erzeugt und Energie gewonnen. Die Wasserstoff-Flamme zeugt davon

Kein Laie könnte aus den Reaktionen im Reaktor-Prototyp ihre Tragweite ablesen. „Nun machen wir die Energie sichtbar“, sagt Marlen Kubinger nach wenigen Minuten, als der erzeugte Wasserstoff als Flamme hell lodert. Der Vater betont mit leuchtenden Augen: „Noch einmal: Der ganze Prozess findet statt, ohne dass wir Energie von außen zuführen. Das ist die Revolution der Neuzeit.“

1,8 Kilowattstunden aus 1 Liter Abwasser

Aus einem Liter Abwasser werden durch das Verfahren mit dem Namen Hydropower rund 600 Liter Wasserstoff gewonnen, das entspricht einer Energiedichte von 1,8 Kilowattstunden Verbrennungswärme.

Anders ausgedrückt: „Eine kleine Kläranlage könnte mit dieser Technik eine Kleinstadt mit Energie versorgen. Das ist das Resultat von 50 Jahren Erfahrung, die kann man nicht kaufen“ so Ulrich Kubinger. Möglichst umfassend gibt der 67-Jährige sein Wissen an Tochter Marlen weiter, die bei der VTA das Gesicht der Zukunft ist. Wenn sie über das vor ihrer Geburt gegründete Unternehmen spricht, tut sie dies mit der angeborenen Selbstverständlichkeit einer jungen Frau, die im Labor aufgewachsen ist.

Lange Zeit war dies nichts Besonderes für sie, eher ein Hobby. „Schon mit zwölf Jahren bin ich nach der Schule am liebsten ins Labor gekommen, habe mich vor ein Mikroskop gesetzt und Analysen erstellt. Das Leben unter dem Mikroskop hat mich einfach am meisten interessiert“, erzählt Marlen Kubinger, wie sie nach seltenen Tierchen und deren Lebensbedingungen geforscht hat. „Auch später, mit 14, 15 Jahren, habe ich viele Bücher zum Thema gelesen und war fasziniert.“ Sie beschreibt sich als jemand, dem der Praxisbezug gut getan hat: „Ich habe keine Schule in diesem Bereich absolviert, ich habe alles von den Mitarbeitern hier im Betrieb gelernt. Sie haben mich einmalig begleitet.“

DIE VTA-REVOLUTION
Energie aus Abwasser ohne Stromzufuhr
Hydropower heißt das revolutionäre Verfahren, das Marlen und Ulrich Kubinger von der VTA am 4Gamechangers-Festival am 16. Mai in der Wiener Marx Halle präsentieren. Dabei wird ohne externe Energiezufuhr aus Abwasser Wasserstoff erzeugt. Konkret kann aus 20 Litern Abwasser so viel Energie erzeugt werden, dass ein E-Auto 200 km weit damit fahren kann.
Ohne Stromzufuhr
Das Hydropower-System generiert Wasserstoff durch den Einsatz des VTA-Nanoboosters (ein nanostrukturierter Metallionenkomplex mit katalytischer Wirkung) Dieser erlaubt es, ohne externe Energiequelle aus Abwasser Wasserstoff zu erzeugen, denn zur Wasserstoffbildung wird die im nanostrukturierten Metallionenkomplex gespeicherte Energie als Reaktionsenergie genutzt.
Perpetuum mobile
Der Wasserstoff dient zur Energiegewinnung über eine Kraft-/Wärmekopplung auf der Kläranlage, die Wärme der exothermen Reaktion für Heizsysteme. Beim Prozess der Wasserstofferzeugung entsteht ein Produkt zur Entfernung von Schadstoffen aus dem Abwasser. „Ein umwelttechnologisches Perpetuum mobile“, nennt Kubinger sein Verfahren zur autarken Energieerzeugung in Kläranlagen.

Ehrlichkeit mit auf den Weg

Nach der Handelsakademie wechselte sie in den Betrieb, wo sie sich heute als Prokuristin umfassend einarbeitet. Den Vater zu Meetings begleiten, bei Preisverhandlungen dabei sein oder aus Vorträgen des Vaters lernen, sind Eckpunkte, die sie neben ihrer Tätigkeit im Marketingbereich nennt. Sie leitet die Führungen, wenn Kunden von einer Kläranlage in den Betrieb kommen und führt Bewerber durch das Unternehmen: „Vor allem in der Mikrobiologie, weil ich auf dem Gebiet bis jetzt am bewandertsten bin.“

Ulrich Kubinger betont, dass Marlen ein Verständnis für die Abläufe und die Struktur im Unternehmen hat. Er erklärt, dass die oberste Priorität dabei ist, die Menschen zu respektieren und keine Unterschiede nach Geschlecht, Hautfarbe oder Religion zu machen. Wenn man ihn nach dem Wichtigsten fragt, das er seiner Tochter mit auf den Weg gegeben hat, lautet die Antwort: Ehrlichkeit: „Eine stabile Seele kommt nur über Ehrlichkeit und Wahrheit, nicht über Lüge, Neid oder Missgunst.“

Glaube ist die Basis

Geprägt habe sie der starke Glaube des Vaters, erzählt Marlen Kubinger. Den lichtdurchfluteten Eingangsbereich der VTA zieren Heiligenbilder, vor dem Essen im Unternehmen wird gebetet. „Mein Vater hat mir immer gesagt, dass der Glaube mich nicht allein lässt“, so die junge Prokuristin. In einer Zeit der Krise, als sie wegen chronischer Mandelentzündung wochenlang alleine im Krankenhaus sein musste, habe sich das bewahrheitet. „Damals habe ich unerträgliche Schmerzen gehabt und war psychisch am Boden. Das Beten hat mir geholfen. Ich habe auch gelernt, für jeden gesunden Tag und für jeden Tag, an dem ich im Unternehmen kreativ mitarbeiten kann, dankbar zu sein.“

Das abendliche Beten ist eines der Rituale, die Tochter und Vater zusammen pflegen. Der Vater, der in armen Verhältnissen groß wurde, lebt ihr täglich die Dankbarkeit vor. „Wenn mein Vater einen Laib Brot bäckt, geht er zum Kreuz und sagt Dank“, erzählt Marlen Kubinger.

Der erfolgreiche Unternehmer weiß, dass er der Tochter „ein Leben mit allem möglichen Blödsinn“ gestalten könnte. „Aber wir haben uns geeinigt, unser Leben mit sinnvollen Inhalten zu füllen. Für mich bedeutet das Weiterleben, meine Werte und mein Wissen an meine Tochter weiterzugeben“, sagt er.

Sauberes Wasser als Mission

Es scheint stimmig, dass Marlen Kubinger es als Aufgabe erachtet, den Vater zu unterstützen. Als jüngste von drei Töchtern ist sie die einzige, die sich im Unternehmen engagiert. „Er macht seinen Beruf mit seinen 67 Jahren noch immer mit einer Leidenschaft, die mich beeindruckt. Er hat mir mitgegeben, wie wichtig unser Einsatz für sauberes Wasser ist. Deshalb will ich das Thema Wasseraufbereitung in die Zukunft führen. Es wird mit jedem Tag wichtiger“, sagt sie.

»Ulrich Kubinger: Unser Auftrag sind sauberes Wasser und eine lebenswerte Umwelt«

Ulrich Kubinger beschreibt die Verantwortung der VTA als eine gesellschaftliche und volkswirtschaftliche Aufgabe, die weit über das reine Geschäft hinausgeht. Mit ihrem umfassenden Wissen über sauberes Wasser und nun auch Energieerzeugung habe die VTA die Möglichkeit, einen bedeutenden Beitrag zur Bewältigung globaler Herausforderungen zu leisten, wie er betont. Seine Entscheidung, dieses Wissen über den neu erbauten Forschungs-Campus für alle zugänglich zu machen, unterstreicht dieses Engagement für den Fortschritt.

Dennoch ist sich Kubinger bewusst, dass noch viel Aufklärungsarbeit geleistet werden muss. In einer Welt, die oft an althergebrachten Prozessen festhält, müssen neue Erkenntnisse und Innovationen aktiv verbreitet werden, auch wenn dies bedeuten kann, traditionelle Strukturen zu hinterfragen und aufzubrechen.

Botschafterin sein, fremde Länder sehen

„Die Innovationen der VTA nach außen zu tragen und dabei Menschen kennenzulernen, andere Länder zu sehen, ist einer meiner großen Träume“, sagt Marlen Kubinger mit dem Blick in der Zukunft. Die Zukunft beginnt auf der Bühne des 4Gamechangers-Festivals mit der Erfüllung des Versprechens des Vaters vom letzten Jahr: Wasser zum Brennen bringen.

»Hydropower zeigt, wie wir die Kläranlage zum Energiespender machen«

Den Kern der Botschaft, die sie auf die Bühne und in die Welt bringen will, umreißt die 18-Jährige so: „Bis jetzt war die Kläranlage der größte Energieverbraucher in einer Kommune. Die Hydropower-Präsentation wird zeigen, wie wir den Kreislauf ändern können und die Kläranlage zum Energiespender machen.“

Für einen ersten Schritt klingt das nach Siebenmeilenstiefeln.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 19/2024 erschienen.