Bussi, Bussi

Der Fall Schilling zeigt auch, wie eng Politik und Journalismus in Österreich verbandelt sind: ein riesiges Glaubwürdigkeitsproblem, über das zu wenig gesprochen wird

von Anna Gasteiger © Bild: News/Ricardo Herrgott

Über den Fall Lena Schilling ist schon viel geschrieben worden, erstaunlich viel angesichts der trüben Faktenlage, aber trübe Faktenlagen bieten eben auch besonders viel Raum für Spekulationen aller Art. Jeder kann alles sagen, und jeder hat irgendwie recht. Oder nicht recht, aber das spielt letztlich keine Rolle. Wer dreht sich schon um am Ende so einer Affäre, und bedauert seine übers Ziel hinausschießenden Wortmeldungen, seine scharfen Tweets und angriffigen Texte?

Trotzdem noch eine Anmerkung zur Causa prima der letzten – und wahrscheinlich auch der kommenden – Wochen: Am schlechtesten weg kommt dabei nicht die junge Spitzenkandidaten, auch nicht das Medium, das ihre vermeintlichen Verfehlungen aufgedeckt hat, sondern der gesamte politmediale Komplex, der hier in seiner ungesunden Verflochtenheit enttarnt wird. Eine einzige Schlangengrube, so muss es auf Außenstehende wirken. Alle einander irgendwie privat verbunden, per Du sowieso, wenn nicht mehr. Ständig tauchen neue Protagonisten auf, „der Moderator eines Privatsenders“, „eine bekannte Fernseh-Moderatorin“. Und während die Branche sich auf jede neue „Enthüllung“ stürzt und am Ende eh schon immer alles gewusst haben will, tut sich empfängerseits vermutlich anderes: Das Publikum zieht sich zurück. Denn was ist von Journalistinnen und Journalisten zu halten, die mit beachtlichem Selbstbewusstsein für sich in Anspruch nehmen, Hüter der Wahrheit und Demokratie zu sein, und es dann nicht einmal schaffen, ein kleines bisschen Respektabstand zu den Gegenständen ihrer Berichterstattung einzuhalten?

»Nähe zu den Mächtigen nützt immer noch mehr, als dass sie schadet«

Die Distanz zwischen Politik und Medien ist in Österreich traditionell nicht groß. Und wann immer darüber eine Debatte aufflammt – ohnehin immer nur kurz und halbherzig – kommen die Ausreden. Nähe sei wichtig, um an Informationen heranzukommen. Es lasse sich nicht vermeiden, per Du zu sein, wenn man sich schon lange kenne etc. Mag ansatzweise stimmen, aber ob man es sich so leicht machen darf? Politik und Journalismus, das sind zwei Berufsfelder, die sich um Vertrauen besonders intensiv bemühen müssen. Man kann es drastischer sagen: Demokratische Politik und kritischer Journalismus befinden sich in einem Überlebenskampf, auch, weil in der Vergangenheit schwere Fehler passiert sind. Stichwort Inseratenkorruption: Wenn Steuergeld gegen freundliche Berichterstattung getauscht wird, ist das ein doppelter Betrug am Bürger. Völlig verständlich, wenn Misstrauen bleibt. Dieses Misstrauen wird noch größer, wenn – wie im Fall Schilling – der Eindruck einer Clique entsteht, die sich’s hinter den Kulissen ausmacht.

Es ist in Östereich möglich, das ist in einem anderen Fall gerade zu beobachten, seinen Job wegen problematischer Naheverhältnisse zu verlieren, und doch ganz unbekümmert die Karriere fortzusetzen. Weil Nähe zu den Mächtigen hierzulande immer noch mehr nützt als schadet und das Bewusstsein für den Vertrauensverlust, den diese Beziehungen verursachen, massiv unterentwickelt ist. Die Krise der Medien hat viele Gründe. Diesen einen, das Glaubwürdigkeitsproblem, hätte man selbst in der Hand. Es ist bemerkenswert, dass so wenig darüber gesprochen wird. Denn, auch wenn dieses Missverständnis noch immer weit verbreitet ist: Es geht hier nicht nur um Ästhetik, es geht an die Substanz.

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