Unser Wald stirbt

Er ist Erholungs- und Lebensraum, er speichert CO2 und Wasser und sorgt für angenehme Temperaturen. Doch der Klimawandel gefährdet viele Bäume massiv, ganzen Regionen droht die Entwaldung. Welche Auswirkungen das auf unser Leben hat und wie ein Wald der Zukunft aussieht.

von Klimawandel - Unser Wald stirbt © Bild: Getty Images

Auf den ersten Blick ist das einfach eine karge, gerodete Fläche mitten im Wienerwald. Fast alle Bäume wurden gefällt, nur ein paar alte, hohe Eichen stehen noch. Tatsächlich hat diese Fläche allerdings eine große Bedeutung für unsere Zukunft: Es ist eine Versuchsfläche der Österreichischen Bundesforste. Durch natürliche Verjüngung soll hier ein Wald entstehen, der auch höheren Temperaturen und längeren Trockenperioden trotzen kann.

Denn der Klimawandel ist kaum mehr aufzuhalten. Die Durchschnittstemperaturen und die Zahl der Hitzetage mit über 30 Grad steigen von Jahr zu Jahr und oft fällt -so wie diesen Winter - wochenlang viel zu wenig Niederschlag. Die gesamte Natur leidet darunter. Gletscher schmelzen, der Meeresspiegel steigt, Arten verschwinden -und auch einige der heimischen Baumarten kommen mit diesen geänderten Umweltbedingungen nicht mehr zurecht.

Das könnte Sie auch interessieren:
So wird das Wetter im Jahr 2050
So besiegen Sie den "Umweltschweinehund"
Strom sparen im Haushalt - so geht's

"Der Wald steht gleich von mehreren Seiten massiv unter Druck. Hitze, Dürre und Stürme belasten ihn stark", erklärt Ökologin und WWF-Waldexpertin Karin Enzenhofer. Besonders betroffen seien jene Flächen, die auch schon vor der Klimakrise risikoreich waren, also vor allem Österreichs viele Fichtenmonokulturen.

Monokulturen als Problem

Rund die Hälfte aller Bäume in Österreich sind Fichten. Ganze Regionen wurden damit aufgeforstet. Der Vorteil lag lange auf der Hand. Fichten wachsen im Vergleich zu anderen Bäumen sehr schnell. Das Holz ist zudem relativ weich und kann daher leicht verarbeitet werden.

»Wenn ich im Waldviertel bin, stockt mir oft der Atem. Diese Monokulturen werden zusammenbrechen«

Dieses Fokussieren auf eine einzige Baumart ist es, das nun Probleme macht. Fichten sind sogenannte Flachwurzler. Ihre Wurzeln ragen nicht so tief in die Erde wie die anderer Bäume. Bei Trockenheit können sie sich daher nicht ausreichend mit Wasser versorgen. Sie werden anfälliger für Schädlinge und Krankheiten.

Dass Österreichs Fichten unter extremem Stress stehen, wurde dieses Frühjahr erneut deutlich sichtbar. Normalerweise erleben Fichten nur alle vier bis sieben Jahre ein Mastjahr, in dem sie blühen. In den Jahren dazwischen verwenden die Bäume die Energie für ihr Wachstum. Doch der Abstand zwischen den Mastjahren verkürzte sich. Und so blühten die Fichten auch heuer sehr stark, obwohl es zuletzt 2020 der Fall war. Bei jedem Windstoß waren die Bäume in eine gelbe Wolke aus Pollen gehüllt. Fensterscheiben und Autos waren von dem gelben Staub bedeckt.

Starker Borkenkäfer-Schwärmflug

Vor allem der Fichtenborkenkäfer, der Buchdrucker, nützt die Schwäche der Bäume aus, um sich durch die Rinde zu bohren und sich explosionsartig zu vermehren. Wegen der Monokulturen kann er innerhalb einer Saison eine riesige Zahl an Bäumen befallen. Auch heuer befürchten Experten wieder eine enorme Verbreitung, da Anfang Mai ein stark einsetzender Schwärmflug der Borkenkäfer in den Wäldern zu beobachten war.

© Matt Observe Auf einer Versuchsfläche im Forstrevier Ried im Wienerwald soll ein "Wald der Zukunft" entstehen, der längere Hitze- und Dürreperioden aushält. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Eiche

Enzenhofers Prognose für die Zukunft des Waldes in Österreich ist jedenfalls "düster": "Gerade die vielen Fichtenmonokulturen in Österreich werden keine Chance haben. Diese Wälder werden großflächig zusammenbrechen und ganze Landschaften, wie das Wald- und Mühlviertel, werden sich verändern."

Buchen ebenfalls gefährdet

Karin Enzenhofer ist schon seit ihrer Kindheit am Wald interessiert und dementsprechend viel darin unterwegs. Die Veränderungen der vergangenen Jahre sind für sie deutlich sichtbar: "Wenn ich im Waldviertel bin, dann stockt mir oft der Atem", sagt sie. Denn dort beginne der Zusammenbruch des Waldes gerade. "Wir brauchen dingend Maßnahmen. Eine Aufforstung dauert Jahrzehnte. Umso länger wir jetzt warten, desto länger wird es dauern, bis wir wieder einen gesunden Wald haben", warnt Enzenhofer.

Besser ist die Situation aktuell noch im Wienerwald. Er ist ein Mischwald mit der Buche als häufigster Baumart. Auch auf der Versuchsfläche der Bundesforste machten Buchen zuvor den überwiegenden Teil der Bäume aus.

© iStockphoto.com Der Alpensalamander lebt in feuchten Bergwäldern. Durch den Klimawandel muss er sich in größere Höhen zurückziehen. Mittelfristig wird mit einem Rückgang der Verbreitung um 75 Prozent gerechnet

"Wir haben 2009 auf dieser Versuchsfläche mit der Anpassung des Waldes an die Klimaveränderungen begonnen", erklärt Alexandra Wieshaider, Forstwirtin bei den Österreichischen Bundesforsten. Dafür wurde zunächst der Standort analysiert und die Entwicklung der Waldbestände bei Erwärmung des Klimas bis ins Jahr 2100 in Kooperation mit der Universität für Bodenkultur per Computersimulation prognostiziert.

"Es hat sich herausgestellt, dass es für manche Standorttypen vom Risiko her eng werden könnte", so Wieshaider - auch für den Wienerwald mit seinem Buchenanteil von 60 Prozent.

"In Deutschland hat sich bereits gezeigt, dass die Rotbuche lange Hitzeperioden ebenfalls schlecht aushält", erklärt die Forstwirtin. Diese Baumart ist nämlich ein sogenannter Herzwurzler. Ihre Wurzeln reichen zwar tiefer in die Erde als jene der Fichte, aber nicht so tief wie die von Tanne oder Eiche.

Die häufigsten Baumarten in Österreich

© News Zum Vergrößern anklicken

1 Hainbuche, Esche, Ahorn, Ulme, Edelkastanie, Robinie u. a.
2 Birke, Schwarz-und Weißerle, Linde, Espe, Weiß-, Silber-, Schwarz-und Hybridpappel, Baumweide u. a.
Quelle: Bundesministerium für Landwirtschaft, Regionen und Tourismus

Eiche und Kiefer

Nach der Analyse wurde überlegt, wie der Standort klimaangepasst verjüngt werden kann. "Wichtig ist außerdem eine Risikominimierung, indem keine Monokulturen mehr gesetzt werden, sondern ein Wald aus einer Vielzahl an Baumarten entsteht", sagt Wieshaider.

© Matt Observe Als Forstwirtin beschäftigt sich Alexandra Wieshaider u. a. damit, wie unser Wald künftig aussehen könnte

Im Forstrevier Ried im Wienerwald lautet das Ziel ein Wald mit 30 Prozent trockenheitsresistenten Baumarten wie Eiche und Waldkiefer, die mit sehr kargen Böden zurechtkommt und Hitze gut verkraftet.

Oft wird die Douglasie, ein aus Nordamerika stammender Nadelbaum, der rasch wächst, als Alternative zur Fichte gesetzt. So benötigt eine Douglasie bis zur Erntereife 60 Jahre, eine Eiche hingegen fast doppelt so lange. Douglasien als großflächiger Fichtenersatz machen für Forstwirtin Wieshaider allerdings nur begrenzt Sinn: "Es ist dann ja wieder eine Monokultur. Durch den großflächigen Anbau würde sich daher die komplette Naturausstattung verändern."

Tiere in Bedrängnis

Der Wald ist für die meisten Menschen in Österreich selbstverständlich. Schließlich bedeckt er fast die Hälfte der Fläche des Landes. Er ist Erholungsraum, dient als Schutz vor Lawinen und Erosion, er ist Holzlieferant für die Forstwirtschaft und natürlich Lebensraum für eine Vielzahl an Pflanzen und Tieren.

Doch durch den Wandel des Waldes sind einige von ihnen bereits bedroht: der Alpensalamander etwa, der feuchte Bergwälder liebt. "Es wird mit einem Rückzug in größere Höhen und einem Rückgang der Verbreitung um 75 Prozent gerechnet", sagt Enzenhofer.

© Shutterstock.com Der Halsbandschnäpper kommt jedes Jahr zum Nisten in unsere Wälder, findet aber durch den Klimawandel immer weniger Nahrung

Oder der Halsbandschnäpper, der durch den Klimawandel ebenfalls unter Druck gerät. "Normalerweise kommt er am Raupenhöhepunkt zu uns. Denn sie sind seine Nahrung", so die Biologin. Doch durch die gestiegenen Temperaturen ist die Vegetation in Österreich immer früher dran, und wenn der Halsbandschnäpper kommt, haben sich die Raupen schon weiterentwickelt und stehen als Nahrung nicht mehr zur Verfügung. Die Folge: Der Halsbandschnäpper legt mehr Eier -allerdings ohne Erfolg. Die Zahl seiner Nachkommen steigt trotzdem nicht.

Wasser- und CO2-Speicher

Der Wald spiele darüber hinaus eine direkte Rolle bei der Klimaregulation, erklärt Karin Enzenhofer: "Wälder speichern Feuchtigkeit und filtern Schadstoffe. Ist die Bodenfläche kahl, erhitzt sie sich viel schneller." Ein Wald sorgt also für angenehmere Temperaturen in der Umgebung. Gerade in der Klimakrise mit einer höheren Zahl an Hitzetagen eine wichtige Eigenschaft. Ein Waldboden kann zudem viel Wasser aufnehmen, was bei extremen Wettersituation, wie Dürre oder starken Regenfällen, sehr bedeutsam ist.

© Matt Observe Der Waldboden ist oft von Moosen, die Wasser sehr gut speichern können, bedeckt

"Der Klimawandel schafft eine sehr rasche Veränderung der Bedingungen. Bäume brauchen aber lange, um zu wachsen, und können sich deshalb nicht so schnell anpassen", warnt Wieshaider. "Sollte der Wald zusammenbrechen, wäre das eine Katastrophe für uns Menschen." Die Natur würde sich zwar mit der Zeit regenerieren, indem sich bestimmte Baumarten irgendwann wieder durchsetzen oder Strauchlandschaften für längere Zeit die Schadflächen erobern. "Der Mensch würde sich in diesen stark veränderten Waldlandschaften mit seinen derzeitigen Ansprüchen an den Wald aber wohl in der gewohnten Form nicht mehr wiederfinden."

Erste Erfolge auf Versuchsfläche

Noch besteht Hoffnung, dass der Lebensund Erholungsraum Wald gerettet werden kann, sind sich die Experten einig. Auch wenn die Zeit drängt. "Es gibt viele kleine Maßnahmen, die jetzt passieren müssen", so Enzenhofer. Den Wald zu verjüngen sei eine davon. Außerdem fordert die Biologin, dass sämtliche Ur-und Naturwälder in Österreich so erhalten bleiben, wie sie sind, und nicht bewirtschaftet werden.

Erste Erfolge zeigen sich auch auf der Versuchsfläche. Zwar mussten im Frühjahr noch einmal junge Buchen, die schneller wachsen als andere Bäume und diesen dadurch das Licht wegnehmen, entfernt werden. Am Rand der Fläche wachsen jedoch bereits rund drei Meter hohe Kiefern. Und rund um die alten Eichen kommen einige neue nach. Sie sind zwar noch zart und nicht besonders groß. Aber sie werden noch die kommenden Jahrzehnte wachsen, für angenehme Temperaturen sorgen, CO2 speichern und Heimat für eine Vielzahl an Tieren und Pflanzen sein.

Waldflächenverteilung in den Bundesländern

© News Zum Vergrößern anklicken

1 Waldfläche (inklusive andere bewaldete Flächen) 2020 in Prozent der Gesamtlandfläche, ohne Russland und Türkei.
Quelle: Bundesministerium für Landwirtschaft, Regionen und Tourismus

Der Beitrag erschien ursprünglich im News 25+26/2022.